WIESENBRONN

"Der Boden ist das Allerwichtigste"

Gerhard Roth über den Einsatz von chemischen Mitteln im Weinbau und die Verschwendung von Steuergeldern für den Bau von Wasserspeichern
Artikel drucken Artikel einbetten
Nachhaltig: Nicole Roth will den Weg ihres Vaters Gerhard Roth weitergehen. Foto: Foto: Ralf Dieter
+1 Bild

Vor 45 Jahren hat er seinen Betrieb auf Öko umgestellt. Gezwungenermaßen. Die vielen Spritzmittel haben Gerhard Roth krank gemacht. Damals ist er noch belächelt worden. Heute gilt er als einer der Pioniere des ökologischen Weinanbaus in Franken.

Sind Sie sauer auf Ihre Eltern?

Gerhard Roth: Wieso sollte ich?

Weil sie Ihnen damals nichts von ökologischer Bewirtschaftung beigebracht haben.

Gerhard Roth: Das war doch ganz normal. Diese Generation kam aus dem Krieg, musste sich erst wieder etwas aufbauen. Man hat es damals einfach nicht besser gewusst.

Man hätte sich informieren können.

Gerhard Roth: Es gab nur einseitige Informationen von der chemischen Industrie. Was dort behauptet wurde, hat jeder geglaubt. Letztendlich war der Erfolg ja auch durchaus da. Zumindest ökonomisch.

Was ist damals alles ausgebracht worden?

Gerhard Roth: Alle möglichen chemischen Mittel. Und noch dazu in rauen Mengen. Das einzige Ziel lautete, den Anbau zu optimieren. Die Belange der Natur haben so gut wie niemanden interessiert. Und die Flurbereinigung war eine einzige Katastrophe im Umgang mit dem Boden. Ohne jeden Gedanken an die Umwelt sind die Flächen damals umgelegt worden. Einziger Maßstab: ein möglichst betriebswirtschaftliches Arbeiten zur ermöglichen.

Sie haben damals schon Gras zwischen den Zeilen wachsen lassen.

Gerhard Roth: Und mir anhören müssen, dass ich zu faul sei, meine Weinberge zu spritzen. Selbst meine Eltern haben mich aufgefordert, das Gras abzutöten. Sie wussten es halt nicht besser.

Wie viele Winzer haben in den 70er Jahren auf Spritzmittel verzichtet?

Gerhard Roth: Vielleicht zehn in Deutschland.

Wann hat ein Umdenken eingesetzt?

Gerhard Roth: In den 80er Jahren kam eine gewisse Dynamik in die Sache rein. Der Bund ökologischer Weinbau hat sich gegründet, es wurden die ersten Kontrollen eingeführt.

Und die Kritik ist abgeebbt?

Gerhard Roth: Natürlich nicht. Auch hier nicht. Ich bin 1978 Vorsitzender des Wiesenbronner Winzervereins geworden. Da gab es jede Menge Ressentiments. Aber ich wurde über 30 Jahre immer wieder gewählt, bis ich nicht mehr kandidierte.

Und heute?

Gerhard Roth: Mittlerweile haben zehn Winzer im Ort auf Bio umgestellt, ein Viertel der Weinbaufläche in Wiesenbronn wird ökologisch bewirtschaftet. Es gibt nur noch einen Winzer, der mit null Begrünung arbeitet.

Warum tun sich immer noch viele Winzer schwer mit einer Umstellung?

Gerhard Roth: Weil der Aufwand und das Risiko größer sind. Man braucht mehr Mitarbeiter, weil es beispielsweise bei einem hohen Pilzdruck schnell gehen muss. Ganz allgemein muss man vorausschauender arbeiten. Und natürlich erst einmal die notwendigen Erfahrungen sammeln.

Wie lange dauert eine Umstellung von einem konventionell bewirtschafteten Betrieb auf einen ökologischen?

Gerhard Roth: Drei Jahre lang muss man den Nachweis bringen, bis man ausloben darf. Ansonsten kommt es immer auf die Qualität des Bodens an. Der Boden ist das Allerwichtigste. Eine zufriedenstellende Umstellung kann so bis zu zehn Jahre brauchen.

Was verursachen die Herbizide im Boden?

Gerhard Roth: Langzeitschäden. Man muss nur mal ein kleines Loch graben, dann sieht man die Unterschiede. Wo über lange Zeit mit chemischen Hilfsmitteln gearbeitet worden ist, da gibt es keine Verwurzelung im Boden und weniger Lebewesen. So kann auch nicht nachhaltig gearbeitet werden.

Was genau verstehen Sie unter nachhaltig?

Gerhard Roth: Wir haben alle eine Verantwortung für unsere Nachfahren. Für mich heißt das: Meine Scholle soll Generationen ernähren. Sonst habe ich meinen Auftrag nicht erfüllt. Wir sind nur Verwalter in der uns gegebenen Zeit.

Nicole Roth kommt aus dem Weinkeller, gesellt sich an den Tisch. Vor vier Jahren hat sie den Weinbaubetrieb übernommen.

Werden Sie den Weg Ihres Vaters weiterführen?

Nicole Roth: Es war für mich immer klar, dass wir den ökologischen Weg weiter gehen.

Warum?

Nicole Roth: Zum Einen kenne ich es gar nicht anders, zum Anderen bin ich absolut überzeugt davon, dass die Nachfrage nach ökologisch produzierten Waren weiter wachsen wird.

Gerhard Roth: In 20 Jahren werden diejenigen Betriebe, die nicht nach ökologischen Gesichtspunkten wirtschaften, Außenseiter sein.

Nicole Roth: Schon jetzt stellen etliche namhafte Betriebe in Franken um.

Weil mit dem Öko-Siegel mittlerweile mehr Geld zu verdienen ist?

Gerhard Roth: Der ökonomische Gedanke ist sicher ein Beweggrund. Aber es ist doch völlig legitim, dass ich als Winzer gutes Geld verdienen will. Wenn ich dabei noch die Umwelt schone, ist das optimal.

Ein großes Zukunftsthema ist die Bewässerung.

Gerhard Roth: Hören Sie mir damit auf.

Wieso?

Gerhard Roth: Weil ich es abartig finde, dass für Millionen Euro Wasserspeicher gebaut werden und die Tröpfchenbewässerung bezuschusst wird. Das sind alles Steuergelder.

Aber der Klimawandel wird auch die Winzer treffen. Die Sommermonate sollen deutlich trockener werden.

Gerhard Roth: Mag sein. Darauf kann ich mich als Winzer aber einstellen. Meine Reben müssen halt tief wurzeln können. Eine Frage des Begrünungsmanagements.

Also viel Gras zwischen den Zeilen.

Gerhard Roth: Gras alleine hilft gar nichts. Die Vielfalt ist entscheidend. Der Rebstock sollte die Pflanze sein, die im Weinberg am wenigsten vorhanden ist.

Was säen Sie alles an?

Gerhard Roth: Vor allem Leguminosen. Die wurzeln tief und fungieren so als Wachstumsmotor. Alles, was blüht, hilft uns auch weiter. Diese Pflanzen dienen als Nahrungsquelle für Nützlinge. Und die nutzen auch uns Winzern, machen sie sich doch über die unerwünschten Bewohner her, die aber trotzdem ins System gehören.

Das erklärt aber noch nicht, wie die Reben so tief wurzeln.

Gerhard Roth: Es ist wichtig, den Bodenhorizont zu erweitern. Wir pflanzen außerdem zwei Stöcke nebeneinander, schaffen deshalb eine Konkurrenzsituation. Die Reben wachsen so bis in die Tiefen, wo es Wasser gibt. Letztendlich bekomme ich auf diese Art und Weise auch die Terroir-typischeren Weine.

Wieso?

Gerhard Roth: Die Mineralität unterscheidet einen guten Wein von einem weniger guten. Je mehr Mineralien der Wein aufnimmt, desto authentischer und individueller ist er. Dafür braucht er halt einen guten und lebendigen Boden. Zum Glück setzt sich diese Erkenntnis langsam durch. Selbst die BayWa verkauft mittlerweile Begrünungsmischungen im großen Stil und die Branche setzt sie ein.

Nicole Roth: Für die Generationen, die meinem Vater nachfolgen, wird es einfacher, Wein nach ökologischen Gesichtspunkten anzubauen. Die Kollegen sind viel offener dafür, die Verbraucher fordern es förmlich ein...

Gerhard Roth: ... und die Gesellschaft hat Umweltthemen ganz oben auf der Agenda. Man muss sich nur die letzten Wahlen und die Protestbewegungen anschauen. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten doch vieles zum Guten verändert, Gott sei Dank.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren