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Cannabis als Medikament: Fränkischer Patient (55) hat "noch nie ein Antibiotikum gebraucht"

Seit 2017 dürfen Ärzte Cannabis als Medikament verschreiben. Das Leben von Martin Lorenz hat sich dadurch zum Guten verändert.
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Seit 2017 dürfen Ärzte Cannabis als Medikament verschreiben. Foto: Matthias Hoch
Seit 2017 dürfen Ärzte Cannabis als Medikament verschreiben. Foto: Matthias Hoch
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Ein Leben ohne Cannabis möchte er sich nicht mehr vorstellen. Martin Lorenz leidet von klein auf an einer schweren und sehr seltenen neurologischen Erkrankung, die spastische Bewegungen auslöst. Erst mit 21 entdeckte er die Heilkraft der Wirkstoffe, die in Cannabis enthalten sind. Heute, im Alter von 55 Jahren, bekommt er sie vom Arzt verschrieben. Und holt sie in der Apotheke von Bernward Unger in Dettelbach ab. Forscher haben kürzlich bestätigt, dass Cannabis bei Schmerzen 30-mal besser als Aspirin helfen soll.

Der unterfränkische Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes weiß, dass der Aufwand, den die Apotheken betreiben müssen, um Cannabis als Heilmittel anbieten zu können, sehr hoch ist. „Wir sind nicht nur gesetzlich dazu verpflichtet, den Gehalt der Inhaltsstoffe zu prüfen“, sagt Unger. „Die Abgabe muss natürlich ganz genau dokumentiert werden. Es rentiert sich wirklich nur, wenn ein entsprechender Arzt in der Nähe ist, der immer wieder Patienten schickt.“

Cannabis gegen Schmerzen, spastische Anfälle und Übelkeit

In die Apotheke von Martin Müller im Ärztehaus in der Moltkestraße kommen regelmäßig Kunden, die Cannabis zur Linderung ihrer Krankheit einnehmen. Viele von ihnen sind Schmerzpatienten, leiden an spastischen Anfällen, ständiger Übelkeit oder auch Appetitlosigkeit. Sie alle haben aber eines gemeinsam: Ihr Arzt muss ihnen das Medikament verschreiben. Möglich wurde das mit dem Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften, das vor fast genau drei Jahren in Kraft trat. Der Patient muss im Vorfeld von seiner Krankenkasse bestätigen lassen, dass sie die Kosten übernimmt und selbst einer sogenannten „Begleiterhebung“ zustimmen – aus gutem Grund. „Zumindest in Bezug auf die therapeutische Anwendung des Wirkstoffes CBD (Cannabidiol) gibt es kaum Informationen“, sagt Apotheker Müller. „Insgesamt muss man sich auf Erfahrungswerte der Patienten verlassen.“

Bei Martin Lorenz hilft das Cannabis „zu 100 Prozent“, wie er sagt. Er besteht darauf, dass er seine Dosis im Form von Blüten bekommt, die er dann selbst zerkleinert und raucht. Von der Wirksamkeit ist er überzeugt. Neben seiner neurologischen Erkrankung plagt ihn eine angeborene Hüftdysplasie, seine langjährige Tätigkeit als Handwerker hat die Beschwerden verstärkt. Diese Indikationen rechtfertigen auch aus Sicht seines Hausarztes die Verschreibung von Cannabis. „Ich habe Glück, dass mein Arzt meine Familie und meine Geschichte kennt.“ Am Anfang sei es sowohl in der Praxis als auch zu Hause ein harter Kampf gewesen, nicht in die Junkie-Schublade gesteckt zu werden. Das hatte Martin Lorenz schon früher erlebt. „Sonst habe ich es mir anderweitig besorgt, lebte abseits der Gesellschaft“, sagt Martin Lorenz. „Heute kostet es mich nur noch die Rezeptgebühr. Und ich bin raus aus der illegalen Ecke.“

Im Juliusspital in Würzburg sind die Experten inzwischen nicht mehr von der Wirksamkeit von Cannabis als Medizin überzeugt – zumindest nicht in der Schmerztherapie. Dr. Rainer Schäfer, Leiter der Abteilung Anästhesiologie, operative Intensiv- und Palliativmedizin im Klinikum Würzburg Mitte, erklärt, dass die Wirkstoffe der Cannabispflanze seit 2001 bei Palliativpatienten eingesetzt werden. „Vor allem bei ausgeprägter Appetitlosigkeit und Übelkeit haben wir ordentliche Ergebnisse erzielt.“ Im Bereich der Schmerztherapie habe Cannabis allerdings nicht überzeugt. „Man darf natürlich nicht vergessen, dass bei diesen Patienten ein sehr hohes Schmerzniveau besteht“, erklärt der Mediziner.

Gefahr der unkritischen Verwendung 

„Uns haben die Ergebnisse aber auch in der chronischen Schmerztherapie nicht überzeugt, obwohl der Gesetzgeber gerade diese Patienten im Fokus hatte.“ Er sieht die Gefahr der teilweisen Legalisierung darin, dass Cannabis unkritisch verwendet und derzeit gegen jegliche Erkrankung verschrieben werden kann. „Bei vielen Patienten wecken diese weitgehend unerforschten Möglichkeiten vielleicht Hoffnungen, die dann enttäuscht werden.“

Martin Lorenz weiß da anderes zu berichten. Seine Schmerzen und seine Anfälle hat er durch den Cannabis-Konsum im Griff, das hilft im Alltag. Bekäme er kein Cannabis, müsste er hochdosierte, abhängig machende Medikamente nehmen, und das will er nicht. Im Ernstfall weiß er sich außerdem anderweitig zu helfen. Schon im Jugendalter begann er mit Meditation, „auch wenn ich damals noch nicht gewusst habe, dass es Meditation ist.“ In diesem meditativen Zustand spürte er, wenn sich ein Anfall ankündigt und konnte ihn kontrollieren. „Man muss aber schon sehr bei sich sein, und das geht im Alltag eben nicht immer.“

Er ist überzeugt davon, dass Cannabis für ihn genau das richtige Medikament ist. „Ich rauche seit 30 Jahren Cannabis und habe natürlich diese Krankheiten. Organisch bin ich aber völlig gesund, habe ein einziges Mal in meinem Leben ein Antibiotikum gebraucht.“ Apotheker Martin Müller bezweifelt, dass Cannabis das Allheilmittel ist, schon gar nicht in getrockneter Form. Aber: „Wer heilt, hat Recht“. In seinem Labor landen die Wirkstoffe THC und CBD fast ausschließlich in ölig-flüssiger Form, er bezieht sie von zwei renommierten Anbietern aus Kanada und den Niederlanden. „Die Zukunft in der Cannabis-Therapie sind meiner Meinung nach die Vollextrakte.“ Alle Produkte, die nicht verschreibungspflichtig sind, damit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und frei im Handel erhältlich sind, können aus seiner Sicht nur Nahrungsergänzungsmittel sein. Sie enthalten dann ausschließlich den Wirkstoff CBD. „Und dazu gibt es noch weniger kontrollierte klinische Studien.“

Martin Lorenz legt auf solche Nachweise keinen Wert. „Mir ist es egal, zu welchem Prozentsatz welcher Wirkstoff enthalten ist“, erklärt er. „Cannabis hilft mir dabei, mein Leben entspannt zu gestalten.“ Und das ist mehr, als ein Mann mit seiner Krankheitsgeschichte erwarten konnte.

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