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Iphofen

Zweite Tötung in nur einem Jahr: Stadt beseitigt Biber, obwohl dieser unter Naturschutz steht

Erneut wird ein Biber am Stadtsee erlegt. Noch am Abend vorher hatten Bürger eine Mahnwache für das geschützte Tier an der Falle abgehalten. Vergebens.
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„Mehr Raum für den Biber“ wünschten sich die Teilnehmer der Mahnwache noch am Mittwochabend. Doch schon am Donnertagfrüh war klar: Am Iphöfer Stadtsee wird ihr Wunsch nicht wahr. Dort wurde gestern erneut ein Biber eingefangen und erlegt. Fotos: Diana Fuchs
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Es ging alles ganz schnell. Am Mittwochabend, als die Sonne hinterm Iphöfer Stadtsee sank, steckte eine Gruppe von Menschen am Seeufer noch Plakate in den Boden, auf denen stand: „Rettet den Biber“ und „Nachbarschaft ist möglich“. Wenige Stunden später saß das Tier in der Falle. Gestern in den Morgenstunden wurde es abtransportiert und getötet. Möglich wurde das mithilfe einer Ausnahmegenehmigung.

"Ich dachte, dass kann doch nicht wahr sein"

Steffi Hipfel spazierte am Mittwochmorgen mit ihrem Hund rund um den Iphöfer Stadtsee. Das tut die 51-Jährige oft. „Ich mag die Strecke um den See sehr.“ An diesem Morgen ist jedoch etwas anders als sonst: Hipfel beobachtet, wie Mitarbeiter des städtischen Forstbetriebs eine große, lindgrün gestrichene Falle am Seeufer aufstellen – für den Biber, der seit einiger Zeit am See lebt.

Das machte Steffi Hipfel unglücklich und auch ein bisschen wütend. „Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein.“ Für sie war die Wiederkehr des lange als ausgerottet geltenden und unter Naturschutz stehenden Nagers ein gutes Zeichen dafür, dass Mensch und Tier sich Lebensraum teilen können. Doch die 51-Jährige war auch gewarnt: Dem Vorgänger des Stadtsee-Bibers war es 2019 bereits an den Kragen gegangen. Er war im April gefangen und erschossen worden.

Bleiberecht für den Biber

Als Hipfel nun die Falle sah, fragte sie sich, wie auch schon zu Zeiten des Vorgänger-Bibers: „Können wir uns nicht mit der Natur arrangieren?“ Sie erzählte Freunden und Bekannten von ihrer morgendlichen Beobachtung – und schnell wurde klar, dass es Widerspruch gegen das erneute Töten des Bibers geben sollte. Friedlichen Widerstand. „Wir haben uns gedacht, dass wir abends direkt neben der Falle eine Mahnwache veranstalten.“

Tierschützerin Sabrina Bremer meldete das Vorhaben ordnungsgemäß bei den Behörden an. Wegen der Dringlichkeit – es war ja nur noch wenige Stunden Zeit – übernahm die Polizei die Aufsicht über die Versammlung. Zwei Kollegen der Polizeiinspektion waren vor Ort, als um 17 Uhr ein gutes Dutzend Menschen jeden Alters zusammenkam. Einige hatten Kerzen dabei, andere selbst gebastelte Schilder mit Botschaften wie „Bleiberecht für den Biber“.

„Was heißt schon Gefahr?“

Friedlich wurde knapp zwei Stunden lang geredet und diskutiert. „Ich finde die Gründe für die Ausnahmegenehmigung undurchsichtig. Was heißt schon Gefahr? Es läuft doch gar niemand direkt am Ufer, so dass er in einen Bibertunnel treten und stürzen könnte“, meinte zum Beispiel Rita aus Markt Einersheim. „Auch Bäume fällt der Biber nicht am helllichten Tag, wenn Leute unterwegs sind.“

Andrea Drexelius betonte, dass der Biber auch viel für den Artenschutz tue: Wo er aktiv ist, siedelten sich auch viele Insekten und Kleintiere an. Sabrina Bremer von der Tierschutzpartei fand: „Wir nehmen allen möglichen Tieren ohnehin schon so viel Lebensraum weg. Wir müssen Kompromisse machen.“

"Man muss ständig hinter dem Biber her sein"

Zumal Iphofen ja keine arme Stadt sei: „Iphofen hat Geld. Da kann man die Sicherheit schon gewähren, indem man Arbeitszeit aufwendet und die Biberburgen, Dämme und Uferbereiche regelmäßig kontrolliert. Damit wäre die Verkehrssicherheit gewährleistet.“ Eine Iphöferin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fügte an: „Bestimmt fänden sich auch Freiwillige, die Kontrollen übernehmen. Das würde die Kosten für die Stadt senken.“

Zwei, die den Biber aus ihrem Arbeitsalltag kennen, waren ebenfalls zur Mahnwache gekommen, wollen aber anonym bleiben. „Man muss ständig hinter dem Biber her sein und kontrollieren, was er tut. Sonst drohen wegen verstopfter Zu- oder Abflüsse Hochwasser und andere ernste Probleme, zum Beispiel in den Kläranlagen“, sagte einer der Männer. Sein Kollege bestätigte das. „80 oder sogar 90 Stunden pro Monat können in großen Gemeinden wie Iphofen für die Kontrolle der Biberburgen draufgehen.“ Trotzdem sind auch die beiden Männer keine Freunde davon, immer wieder geschützte Tiere zu erlegen. Andererseits sei eine Umsiedlung der Nager auch kaum noch möglich: „Mittlerweile sitzt doch in jedem Graben ein Biber. Es ist kein Platz mehr.“ Wer einen Biber fange, müsse ihn im Prinzip töten, weil keine Reviere mehr frei seien. „Das ist schon ein Dilemma.“

Hipfel hörte sich die Worte der Fachleute an und dankte ihnen für ihr Kommen. „Ich verstehe das alles. Trotzdem ist es nicht richtig, ein bestehendes Schutzgesetz immer wieder mit Ausnahmegenehmigungen zu unterwandern. Zudem: Warum dürfen wir Menschen allen Raum für uns beanspruchen und die Tiere nicht?“

Als die Versammlung am Stadtsee sich auflöste, brannten die Kerzen noch eine Weile weiter. Doch sie hielten den Biber offenbar nicht fern. Die Äpfel in der Falle dufteten wohl zu verführerisch – jedenfalls war das Tier am morgen gefangen und sein Schicksal besiegelt.

„Es geht nicht um das eine Tier“, betonte Steffi Hipfel gestern erneut. „Der nächste Biber wird kommen. Wird der dann auch wieder 'ausnahmsweise' getötet?“ Tatsächlich besteht die 2019 erteilte Ausnahmegenehmigung immer noch, erklärte Corinna Petzold, Pressesprecherin des Landratsamtes, auf Nachfrage.

„Wusste nichts von der Falle“

Biberberater Frank Stierhof erfuhr gestern gegen Mittag erst durch den Anruf aus der Redaktion von der aktuellen Situation: „Ich wusste nichts von der Falle.“ Eigentlich, so Stierhof, habe er einen gemeinsamen Termin mit Dieter Lang von der Unteren Naturschutzbehörde, seinem Biberberater-Kollegen Klaus Petter und dem BN-Bibermanager für Nordbayern vereinbaren wollen, um die Problematik im größeren Kreis zu besprechen. Denn klar ist: Nicht nur Iphofen hat mit einer „Biber-Schwemme“ zu tun. Derzeit gibt es in sieben Orten des Landkreises Ausnahmegenehmigungen zur Tötung der Tiere, teilte Landratsamts-Pressesprecherin Corinna Petzold mit.

Auf Dauer sind diese Ausnahmen nicht sinnvoll, findet Frank Stierhof. „Man könnte es ähnlich handhaben wie beim Kormoran.“ Der stehe noch immer unter Schutz, doch die Population dürfe auf einem gewissen Stand gehalten werden, sprich: „Wird die festgesetzte Anzahl von Brutpaaren pro Hektar überschritten, darf man die Population dezimieren.“ Ob so eine Regelung eine Chance hat, weiß der Biberberater nicht: „Das ist ein Politikum.“

Ganz persönlich könnte Stierhof, wie er betont, „am Stadtsee mit einem Biber leben“ – sofern Schilder auf die potenzielle Gefahr durch Ufer-Unterhöhlung und so weiter hinweisen würden und das Areal regelmäßig kontrolliert würde. „Aber aus dem Herrngraben muss der Biber raus, da ist die Gefährdung, wie auch direkt an Kläranlagen, einfach zu groß.“

Bürgermeister Josef Mend sagt dazu: „Wir wollen den Stadtsee, der auch dem Hochwasserschutz dient, und die alten Obstbäume am Herrn-graben schützen. Ich habe da kein schlechtes Gewissen, weil die Stadt Iphofen andernorts Flächen für den Biber zur Verfügung stellt.“ 30 bis 40 Biber leben schätzungsweise auf der 7800 Hektar umfassenden Iphöfer Gemarkung, so Mend. „Der sinnvollste Weg wäre, das Gesetz zu ändern.“ Der Biber habe keine natürlichen Feinde, er vermehre sich unbegrenzt.

Steffi Hipfel findet: „Es muss ein Konzept erarbeitet werden, wie man künftig mit dem Biber in sensiblen Bereichen umgeht. Schließlich kann es nicht sein, dass die Ausnahmegenehmigung – das Erschießen – zur Regel wird.“ Hipfel ist dafür, mehr Naturflächen zu schaffen,wo der Biber leben und sich die Natur ungestört entwickeln kann. „Dazu müssen staatliche Gelder zur Verfügung gestellt werden.“ Genauso wichtig sei ein gesellschaftliches Umdenken: „Wir Menschen sollten lernen, mit unseren Mitgeschöpfen zu leben und Kompromisse einzugehen.“

Ausnahmsweise bejagen

Hintergrund: Der Biber ist in Europa besonders geschützt (FFH-Richtlinie). In speziellen Fällen – wenn die Sicherheit der Passanten gefährdet ist, wenn Kläranlagen durch Dämme beeinträchtigt werden oder wenn der Erwerbsfischerei massive Schäden drohen – darf der Nager ausnahmsweise bejagt werden.

Aktuell: Solche Entnahme-Genehmigungen für den Biber gibt es aktuell für Teiche (Erwerbsfischerei), Seen und Kläranlagen in Rimbach, Obervolkach, Castell, Iphofen, Nordheim, Kitzingen und Füttersee. Ein „Biber-Problem“ existiert aber natürlich nicht nur im Raum Kitzingen, sondern landauf, landab. Der Grund: Die Tierart hat sich seit ihrer Wiederansiedlung vor knapp 15 Jahren derart rasant vermehrt, dass Umsiedlungen aufgrund der Populationsdichte kaum noch möglich sind. (LDK)

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