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LANDKREIS KITZINGEN
Maser-Impfpflicht

"Ein Spahnsinniger": Mutter aus Franken wettert gegen Impfpflicht - wie geht es nun weiter?

Seit dem 1. März ist das Impfheft auch Eintrittskarte für Kita und Schule. Und ab Sommer 2021 gilt: Nur wer gegen Masern geimpft ist, wird betreut.
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Ein Vater betritt mit den Impfausweisen seiner Kinder die Kindertagesstätte. Seit dem 1. März muss die Masernimpfung bei allen betreuten Kindern nachgewiesen werden können. Foto: Foto: Julia Volkamer

Fünf Frauen, 13 Kinder, null Verständnis. Zumindest nicht für die Entscheidung der Bundesregierung und Gesundheitsminister Jens Spahn, die Masern-Impfpflicht einzuführen.

„Über das Impfen an sich brauchen wir nicht diskutieren, da muss jeder seinen eigenen Weg gehen“, findet Sabine (Namen von der Redaktion geändert), deren zwei Söhne im Schulalter und nicht geimpft sind. Sie selbst hat sich eingelesen, etliche Vorträge zur individuellen Impfentscheidung angehört, ist regelmäßig in Foren und auf Diskussionsplattformen im Internet unterwegs. Eltern seien nun dazu gezwungen, ihr Kind impfen zu lassen, und das verstoße gegen das Grundgesetz. „Nur weil ein Spahnsinniger im Bundestag sitzt, können doch nicht alle einen Impfausweis vorlegen müssen.“

Ausbaden müssen die Entscheidung der Regierung auch die Gesundheitsämter, wobei „die internen Verfahrensabläufe im Gesundheitsamt“ in Kitzingen laut dem neuen Leiter Dr. Jan Allmannritter „aktuell in Entwicklung“ sind. Wer die Informationen, die seit dem 1. März nach und nach auf seinem Tisch landen, in welcher Form weiterverarbeitet, ist noch nicht klar. Eindeutig ist aber die Aussage, dass die Einrichtungen „Nachweise eines ausreichenden Impfschutzes oder einer Immunität gegen Masern oder einer medizinischen Kontraindikation“ für alle Kinder und die Angestellten vorlegen können. Wenn Nachweise fehlen, muss das spätestens bis zum 31. Juli 2021 beim Gesundheitsamt gemeldet werden. Aufgrund der Corona-Krise sind die Planungen zur Organisation der Masern-Impfpflicht natürlich in den Hintergrund gerückt – wie in allen Bereichen.

Problem bei der Personalsuche

Wer weiß, was bis 2021 mit dem Masernschutzgesetz passiert? „Die erste Verfassungsklage ist ja schon eingereicht“, weiß Andrea. Ihre beiden Kinder kamen mit relativ großem Abstand auf die Welt, beide sind nicht geimpft. Das Risiko, sich in ihrer zweiten Schwangerschaft zum Beispiel mit Röteln anzustecken, habe sie nach ausführlichem Hadern auf sich genommen. Spätestens jetzt meldet sich das ungute Gefühl mit Nachdruck zurück. „Letzten Endes kann ich es mir nicht leisten, 2500 Euro zu bezahlen“, schüttelt sie den Kopf über die hohe Bußgeldsumme. „Darum werde ich meine Kinder wahrscheinlich doch noch impfen lassen.“ Auch wenn es gegen ihre Überzeugung – und die ihres Mannes – geht.

Petra Prokot vom Evangelischen Dekanat in Kitzingen ist selbst gespannt, wie viele ungeimpfte Kinder an Ende beim Gesundheitsamt gemeldet werden müssen. Sie betreut einige evangelische Kindertagesstätten im Landkreis. Etliche Leitungen haben schon ihre Bedenken angemeldet, dass sie und ihre Teams den großen Aufwand nicht leisten können. „In einer unserer Kitas stand die leitende Erzieherin die gesamte Bringzeit über im Vorraum und fing die Eltern ab, um ihnen zu sagen, dass sie bitte die Impfausweise ihrer Kinder mitbringen sollen“, berichtet Petra Prokot. „Das alles kostet viel Zeit und Geld und geht letztendlich auf Kosten der Betreuung der Kinder.“

Ihrer Meinung nach sollte die Prüfpflicht auf die Behörden übertragen werden. Sie kann nachvollziehen, dass die Impfpflicht in den Betreuungseinrichtungen eingeführt wurde – zum Schutz derjenigen, die nicht geimpft werden können. Trotzdem sieht sie diese Voraussetzung auch bei der Suche nach Personal als weitere Hürde. „In unserer Branche ist es eh schon schwer, Fachkräfte zu finden. Die Impfpflicht macht es sicher nicht leichter.“

Das Argument, dass sehr junge, sehr alte oder chronisch kranke Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht geimpft werden können, nur dann geschützt seien, wenn mindestens 95 Prozent der Restbevölkerung immun sind, will Hanna nicht zählen lassen. „Dann müssten ja auch 95 Prozent der Bevölkerung gegen Grippe oder jegliche Art von ansteckender Krankheit geimpft sein.“

Ihre Tochter steckt gerade in der Pubertät, die beiden jüngeren Brüder besuchen die Grundschule. Alle drei sind nicht geimpft. Hanna hat ihre Entscheidung bis zuletzt nicht bereut. Seit der Impfpflicht spürt sie vermehrt Gegenwind, muss sich rechtfertigen, wird für „verantwortungslos“ gehalten. „Viele quatschen einfach etwas nach, wovon sie selbst nichts verstehen“, ärgert sie sich.

Sie hat eine heilpädagogische Ausbildung, hat ihren Kindern nach eigener Aussage immer mit homöopathischen Mitteln weiterhelfen können. Zum Thema Impfen habe sie sich allerdings weder im Familien- noch im Freundeskreis geäußert. „Jeder muss das für sich selbst entscheiden.“

Das wird auch in der Praxis von Dr. Anna Bürcky in Ochsenfurt so gesehen. „Wir stehen niemandem im Weg und versuchen, die Eltern und Kinder mit ihren persönlichen Vorstellungen so gut es geht zu begleiten“, erklärt die dort angestellte Kinderärztin Anneke Notheisen. „Die meisten Eltern haben sich aber ihre Meinung schon gebildet.“

Gerade bei denjenigen, die sich gegen das Impfen entschieden haben, sei eine Beratung eher unerwünscht. „Es wird dann eher als Angriff auf ihre Meinung gesehen.“ Dabei haben weder sie noch ihre Chefin eine gesundheitliche Schädigung eines kleinen Patienten durch die Impfung erlebt – dafür aber durch Nicht-Impfen. „Komplikationen sind im Verhältnis selten“, gibt Anneke Notheisen zu. „Aber ich kann keinem Patienten versichern, dass sie nicht bei ihm auftritt.“ Für sie ist der Verzicht auf eine Impfung eine Gratwanderung, die auch bei älteren Kindern zum gesundheitlichen Absturz führen kann. „Dabei ist es doch so einfach.“

Die Bedrohung im Hinterkopf

Ute ist gespannt, wie ihre große Tochter auf die Impfpflicht reagiert. „Sie ist jetzt alt genug, um das selbst zu entscheiden. Aber sie hat mich neulich schon gefragt, ob die Leute sie dann festhalten, wenn sie sich nicht impfen lassen will.“ Ihr zweites Kind kommt im September in die Schule – nach aktuellem Stand ohne Impfung. Und auch ihr jüngster Spross hat bisher noch keine Spritze gesehen. Wissen tut das im Moment kaum jemand aus ihrem Umfeld, aus gutem Grund. „Im Kollegenkreis habe ich neulich ein Gespräch mitbekommen“, erinnert sie sich und wird nachdenklich. „Die haben so auf Eltern geschimpft, deren Kinder nicht geimpft sind, dass ich inzwischen wirklich Angst vor Anfeindungen habe“, erklärt sie.

„Im Moment bin ich fast ein bisschen neidisch auf dich“, sagt sie zu Janina. Sie hat drei Kinder, alle drei sind „durchgeimpft“. Das heißt, dass sie die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen hat vornehmen lassen – darunter auch die Kombinations-Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken. „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht“, erklärt sie. „Letztendlich hätte ich die Bedrohung ständig im Hinterkopf gehabt und es mir nie verziehen, wenn einer meiner Jungs ernsthaft erkrankt wäre, weil ich auf die Impfung verzichten wollte.“ Vielleicht sei es naiv von ihr, auf die Expertenmeinung – in diesem Fall der Ärzte und der Impfkommission – zu hören. Ein Stück weit müsse sie als Laie sich aber auf solche verlassen können.

Ein Argument, das allen einleuchtet, so stehen lassen wollen sie es aber nicht. „Warum gibt es eine Masern-Impfpflicht, aber keinen Einzel-Impfstoff?“, stellt Hanna in den Raum. Und Sabine verdeutlicht noch einmal, dass es in dieser Diskussion nicht ums Impfen an sich gehen soll. „Aber die Entscheidung muss jeder selbst treffen dürfen, und nicht die spahnsinnigen Menschen im Gesundheitsministerium.“

Masern

Die Krankheit: Die Masern sind eine weltweit verbreitete, durch Viren verursachte und hochansteckende Infektionserkrankung. Neben typischen Symptomen wie Fieber, Bindehautentzündung, Schnupfen, Husten und dem charakteristischen Hautausschlag bedingt die Masernerkrankung auch eine vorübergehende Immunschwäche, die anfällig für zusätzliche bakterielle Infekte wie zum Beispiel Mittelohrentzündungen, Lungenentzündungen und Durchfallerkrankungen macht. Zusätzliche Komplikationen wie die Entzündung des Gehirnes können bleibende Schäden verursachen und sogar tödlich enden – laut Robert-Koch-Institut (RKI) in einem von 1000 Fällen.

Die Häufigkeit: In den Jahren 2014 bis 2018 wurden in Deutschland 430 Masernausbrüche mit 3.178 Masernfällen gemeldet, bis Mitte November 2019 503 Fälle gemeldet, darunter ein Todesfall.

Die Impfung: Die Ständige Impfkommission am RKI empfiehlt eine zweimalige Masernimpfung aller Kinder zwischen elf Monaten und zwei Jahren sowie aller nach 1970 geborenen Erwachsenen, wenn die Erkrankung nicht nachgewiesen durchgemacht wurde. Bei manchen Menschen gibt es medizinische Gründe, die eine Masernimpfung unmöglich machen. Auch Säuglinge sind gefährdet. Die bundesweite Impfquote liegt derzeit bei 73,9 Prozent.

Das Gesetz Das Masernschutzgesetz wurde im November 2019 im Bundestag beschlossen, im Dezember im Bundesrat gebilligt und tritt ab 1. März in Kraft. Es besagt, dass alle nach 1970 geborenen Personen, die in Kitas, Horten, bestimmten Formen der Kindertagespflege, Schulen und sonstigen Ausbildungs- und Gesundheitseinrichtungen betreut werden oder tätig sind, den Impfschutz bis 31. Juli 2020 nachweisen müssen.