LANDKREIS KITZINGEN

Auf dem Bau droht eine Lohnlücke

Die IG BAU fordert die Arbeitgeber auf, den Bau-Mindestlöhnen rasch zuzustimmen. Andernfalls müssten Bauarbeiter ohne Tarifbindung mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 9,35 Euro rechnen.
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Bei den 2.400 Bauarbeitern im Kreis Bad Kissingen droht 10-Euro-Lohn-Lücke
Häuserbauen für 9,35 Euro pro Stunde? – „Nein“, sagt die IG BAU. Foto-Montage IG BAU

Die Gewerkschaft warnt. An diesem Freitag werden die Weichen gestellt. Das Ergebnis ist derzeit noch völlig offen. Es geht um eine faire Bezahlung auf dem Bau – und für die Arbeitgeber geht es um die die Frage, ob es zwei unterschiedliche Mindestlöhne geben muss.

Zwei Bauarbeiter, die gleiche Arbeit – und trotzdem zwei unterschiedliche Löhne: Um gut zehn Euro könnten die Löhne pro Stunde auf den Baustellen im Landkreis Kitzingen bald auseinandergehen. Denn Bauarbeiter, die keinen Tariflohn bekommen, müssen jetzt sogar um ihren Branchen-Mindestlohn bangen. Das teilt die IG BAU, Bezirksverband Mainfranken mit. Betroffen davon könnte ein Teil der rund 760 Bauarbeiter im Kreis Kitzingen sein.

„Bauhandwerk und Bauindustrie müssen jetzt das tun, was die IG BAU schon gemacht hat: Die Arbeitgeber müssen einem Schlichterspruch und damit neuen Bau-Mindestlöhnen zustimmen“, fordert IG BAU Bezirksvorsitzender Michael Groha. „Passiert das nicht, droht dem Bau im Landkreis Kitzingen schlimmstenfalls der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde als unterste Verdienstgrenze.“ Jetzt hänge alles am seidenen Faden der Arbeitgeber.

Die betrachten die Angelegenheit aus einem anderen Blickwinkel. Manfred Dallner ist Vorsitzender der Bau-Innung Mainfranken/Würzburg und spricht für die Arbeitgeber in der Region. Die hätten grundsätzlich nichts gegen eine Erhöhung des Mindestlohns einzuwenden. „Der Knackpunkt für uns ist, dass es zwei unterschiedliche Mindestlöhne gibt“, sagt Dallner und fordert: „Das muss dringend geändert werden.“

Wochenlang haben sich Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter an einen Tisch gesetzt. Der Schlichterspruch sieht vor, dass die Branchen-Mindestlöhne auf dem Bau ab April steigen – und zwar auf 12,55 Euro für Hilfsarbeiten (Mindestlohn 1) und auf 15,40 Euro für Facharbeiten (Mindestlohn 2). „Diese Bau-Mindestlöhne sind die Lohn-Stoppschilder nach unten. Und genau die braucht der Bau ganz dringend“, sagt Michael Groha und warnt: „Wenn die Arbeitgeber die neuen Branchen-Mindestlöhne nicht akzeptieren, dann wäre das ein Lockruf an alle Billig-Firmen aus dem In- und Ausland, als Dumping-Konkurrenz auf den Markt zu drängen.“ Diese Billiganbieter würden nach Befürchtung der Gewerkschaft den ordentlich und anständig bezahlenden Unternehmen im Kreis Kitzingen wirtschaftlich das Handwerk legen.

Der Vorsitzende der IG BAU Mainfranken warnt die heimischen Bauunternehmen davor, sich hier auf einen „Kamikaze-Kurs“ einzulassen. Der Countdown dazu laufe bereits: Die Arbeitgeber müssen bis zum kommenden Freitag – also bis zum 17. Januar – grünes Licht für höhere Mindestlöhne auf dem Bau geben. Die Zeit drängt. Doch ein Ergebnis ist derzeit nicht abzusehen. „Ich traue mich nicht zu sagen, wie das am Freitag ausgeht“, meint Manfred Dallner. Den Arbeitgebern gehe es keinesfalls um die Stammbelegschaft, die eine ordentliche Bezahlung verdiene. „Die problematischen Arbeitsverhältnisse, die im Mindestlohn 1 zusammengeführt sind, bereiten uns Sorgen“, erklärt er. Reine Hilfstätigkeiten gebe es kaum noch auf dem Bau. Die Abgrenzung zwischen dem Mindestlohn 1 und dem Mindestlohn 2 sei für die Arbeitgeber eine Gratwanderung. „Und wenn der Zoll kontrolliert, gibt es regelmäßig Schwierigkeiten.“ Er plädiert deshalb für die Reduzierung auf einen einzigen Mindestlohn, wie er im Osten Deutschlands längst Usus ist. „Und dann wäre eine kräftige Erhöhung völlig in Ordnung.“ In den Gesprächen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern sei das bislang nicht thematisiert worden. Die IG BAU ruft derweil „alle anständigen Bauunternehmen im Landkreis“ auf, klare Signale an den Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) und an den Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) zu senden – und zwar für das Akzeptieren der neuen Bau-Mindestlöhne. „Hier steht viel auf dem Spiel. Nämlich der faire Wettbewerb bei fairer Bezahlung. Der Bau darf nicht zur Niedriglohn-Branche werden“, betont Groha. Die Folgen für die Beschäftigungsentwicklung wären nach seinem Dafürhalten verheerend. Selbst Facharbeiter würden dann abwandern. „Vom Niedriglohn-Image der Baubranche und ihrem fehlenden Nachwuchs ganz zu schweigen.“

Der Basis-Tariflohn für einen erfahrenen Maurer, Zimmerer oder Straßenbauer im Kreis Kitzingen liege derzeit bei 20,63 Euro. „Würden Unternehmen, die nicht an den Tariflohn gebunden sind, künftig lediglich den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit nur 9,35 Euro bezahlen, dann würde das eine krasse Kluft von über zehn Euro beim Stundenlohn bedeuten“, gibt Groha zu bedenken. „Das würde der Bau nicht verkraften. Denn das würde zu Lasten der Unternehmen gehen, die für fairen Wettbewerb und Qualität stehen.“

Genau dieser Punkt habe den Präsidenten des Bundessozialgerichts, Prof. Rainer Schlegel, als Schlichter für das Bauhauptgewerbe offensichtlich bewogen, sich für neue Bau-Mindestlöhne auszusprechen. „Dieser Schlichterspruch ist für alle Seiten – für die IG BAU, die ihm bereits zugestimmt hat, vor allem aber für Bauhandwerk und Bauindustrie – akzeptabel. Zum Wohle der Branche wird?s jetzt Zeit, dass auch die Arbeitgeber ihn akzeptieren“, fordert der Vorsitzende der IG BAU Mainfranken.

Wie es tarifpolitisch auf dem Bau weitergeht, darüber werden IG BAU und Bau-Arbeitgeber bereits im Frühjahr verhandeln: Dann steht die neue Lohn-Tarifrunde an.

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