KITZINGEN

Zwischen Tradition und Moderne

Das Gebäude atmet Geschichte. Seine Bewohner sind mittendrin im 21. Jahrhundert. Das Weingut Meuschel vereint Tradition und Moderne.
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Genau hingeschaut: Johannes und Christian Meuschel führen das Weingut Meuschel ins 21. Jahrhundert. Foto: Fotos: Meuschel
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Das Gebäude atmet Geschichte. Seine Bewohner sind mittendrin im 21. Jahrhundert. Das Weingut Meuschel vereint Tradition und Moderne.

Christian Meuschel hat viel zu tun. Das ist nicht zu übersehen. Das Telefon klingelt, eine Besucherin verläuft sich in sein Büro, auf dem Schreibtisch liegen jede Menge Unterlagen. Die Ernte 2014 ist gerade eingefahren worden. „Wir haben noch nie so schnell gelesen“, sagt er. Als Winzer musst du immer beweglich sein. Auf die Winzer in Kitzingen trifft diese Aussage erst recht zu.

„Stadt der 100 Weinhändler.“ Längst hat Kitzingen diesen Ruf verloren. Anfang des 20. Jahrhunderts war er noch berechtigt. „Hier ist alles zusammengelaufen“, erklärt der 61-Jährige. Die Weinlisten und die Festreden von damals hat er aufbewahrt. Reich verziert sind sie. Fein gearbeitet. Ein Zeugnis vergangener Zeiten. Weine von der Mosel, aus der Pfalz, aus Frankreich und Italien sind früher von Kitzingen aus verkauft worden. Kitzingen war eine Handelsstadt in Sachen Wein. Die Zeiten haben sich verändert.

Vom Ambulanz- zum Residenzsystem. So fasst Meuschel den Wandel in bestem Wirtschaftsdeutsch zusammen. Hinter diesem Satz stecken viele Veränderungen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sich noch an manchen Tagen 30 bis 40 Händler vom Kitzinger Bahnhof aus auf den Weg gemacht. Mit ihren Preislisten und ihrer Überredungskunst haben sie in der Region Kunden geworben. Heute ist es umgekehrt: Die Kunden fahren zu den Weingütern und wollen sich überzeugen lassen. Etwa 850 Selbstvermarkter gibt es in Weinfranken. Eine Menge Konkurrenz. Christian Meuschel ist deshalb nicht bang.

„Man muss sich den Gegebenheiten anpassen“, sagt er. Bezogen auf das Weingut Meuschel heißt das: Konzentration auf die eigene Weinerzeugung. „Wir sind ein Weingut wie jedes andere auch“, meint der gelernte Kaufmann. Understatement in Reinform. Schließlich kann nicht jedes Weingut auf eine mehr als 175-jährige Geschichte zurückblicken.

Prinz Ludwig zu Besuch

1826 zog der Buchbrunner Winzer und Küfer Johann Wilhelm Meuschel gen Norden. Auf seiner Pferdekutsche Fässer voll Wein. Die Geschichte nahm ihren Anfang. Seit 1906 befindet sich das Weingut in den Häusern in der Inneren Sulzfelder Straße in Kitzingen.

Ein Bild aus dem Jahr 1909 zeigt Prinz Ludwig von Bayern, den späteren König, wie er mit heimischen Würdenträgern vor der Kelterhalle posiert. „Natürlich lässt sich mit dem historischen Bezug wuchern“, sagt Christian Meuschel. Aber die Gegenwart hat ihre eigenen Herausforderungen. „Es ist ein täglicher Kampf um die Qualität des Weins.“

Vier Hektar bewirtschaften die Brüder Meuschel. Johannes ist für die Weinberge und den Keller zuständig, Christian für das Kaufmännische. Dazu gehört auch die Vermarktung. Von Christi Himmelfahrt bis Fronleichnam ist die Besenwirtschaft geöffnet, im September finden Kundeninformationstage statt. In Buxtehude beliefern die Meuschels ein Weinfest. „Das sind alles ganz gezielte Aktionen“, sagt Christian Meuschel. In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Bauernverband bestückt er die Bauernmarktmeilen in Nürnberg und München mit Wein.

Dauernd auf Achse, immer unterwegs, Augen und Ohren offen halten. Die Brüder haben das, was man einen Fulltime-Job nennt. „Als Weinerzeuger musst du dich immer informieren und fortbilden“, sagt Christian Meuschel. Dank des Weinbaurings oder der Qualitätsweinprüfung ist das möglich. Das Kirchturmdenken gehört in Franken längst der Vergangenheit an. Zumindest was die Winzer betrifft. Meuschel freut das. Von einem kollegialen Zusammenwirken spricht der 61-Jährige. Das hat sich in diesem Jahr bewährt. Innerhalb weniger Tage musste die Ernte eingebracht werden. Die Winzer haben sich gegenseitig geholfen.

Manches braucht seine Zeit. Christian Meuschel hat das gelernt. Er ist in Kitzingen aufgewachsen, hier ist er zur Schule gegangen. „Kitzingen war immer verschlafen“, sagt er. Immer? Meuschel meint die Zeit nach den berühmten „Wild Times.“ Die Zeit, als die US-Soldaten nicht mehr in den Kneipen feierten und halb Kitzingen mitfeierte. „Eine Stadt braucht Zeit, um sich anders aufzustellen“, sagt er.

Die Zeit ist genutzt worden, der Wandel nimmt Formen an. Die Kleine Landesgartenschau, der Anschluss an den VGN, die Hotelschifffahrt und damit verbunden eine größere Freundlichkeit gegenüber Gästen. Kitzingen hat sich entwickelt, vereint Tradition und Moderne. So wie das Weingut Meuschel.

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