KITZINGEN

Zeit für intensive Gespräche

Wenn jemand wissen will, warum die Berufsbörse im Allgemeinen ein Erfolgsmodell ist und das Speed-Dating im Besonderen, dann muss er einfach Andre Roder fragen. Der junge Mann ist im ersten Lehrjahr bei Iglhaut. „Ich habe genau den richtigen Beruf für mich gefunden“, sagt er und strahlt. Ohne die Berufsbörse würde er womöglich jetzt noch suchen.
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Erfolgsmodell: Beim Speed-Dating lernen sich Ausbildungsbetriebe und Schüler unkompliziert kennen. Martha Schröer und Thomas Desch von Mercedes Iglhaut unterhalten sich mit Nico aus Mainbernheim. Foto: Foto: ralf dieter
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Wenn jemand wissen will, warum die Berufsbörse im Allgemeinen ein Erfolgsmodell ist und das Speed-Dating im Besonderen, dann muss er einfach Andre Roder fragen. Der junge Mann ist im ersten Lehrjahr bei Iglhaut. „Ich habe genau den richtigen Beruf für mich gefunden“, sagt er und strahlt. Ohne die Berufsbörse würde er womöglich jetzt noch suchen.

80 Aussteller aus Industrie, Handel, Verwaltung und Handwerk, mehr als 160 verschiedene Berufe. Schon die Zahlen zur mittlerweile 18. Berufsbörse der Wirtschaftsschule in Kitzingen sind beeindruckend. Bettina Schütz und Johanna Kister sind die Lehrerinnen, die hinter diesen Zahlen stehen. In den Sommerferien 2014 haben sie bereits die Betriebe angeschrieben, Ende Oktober fand die erste Vorbesprechung statt. „Es steckt ein Haufen Arbeit dahinter“, sagt Schütz und lacht. Arbeit, die sich lohnt. „Am schönsten ist es, wenn die Schüler profitieren“, meint Kister. Wie vor zwei Jahren, als der damalige Schülersprecher gleich nach seiner Abschlussrede vom Ausbilder der Telekom angesprochen wurde. „Dem hatte die Rede so gut gefallen, dass er ihn gleich angeworben hat“, erinnert sich Kister.

Kennenlernen in zehn Minuten

Seit sieben beziehungsweise zwei Jahren leiten die beiden das Organisationsteam. Vieles ist mittlerweile Routine, doch immer wieder gibt es Neuerungen. In diesem Jahr haben die Agentur für Arbeit und die Lindner AG zum ersten Mal einen Bewerbungsmappen-Check angeboten. Zum zweiten Mal fand das Speed-Dating statt – in rund zehn Minuten lernen sich dabei Schüler und Betrieb kennen, direkt am Stand, unverkrampft und locker.

Nico geht in die 8. Klasse der Mittelschule Iphofen. Die ganze Klasse informiert sich an diesem Donnerstag bei der Berufsbörse. Nico hat sich für ein einziges Speed-Date angemeldet. „Autos interessieren mich total“, erklärt er Thomas Desch und Martha Schröer von Mercedes Iglhaut. Seinem Vater hilft er bei Reparaturen, ein Praktikum hat er auch schon absolviert. Nico gibt seine Bewerbungsmappe ab und sagt, dass er gerne ein weiteres Praktikum bei Iglhaut machen würde. Für die Osterferien wird ein Termin vereinbart.

Ausbilder Thomas Desch ist vom Speed-Dating angetan. „Man kann sich ungezwungen beschnuppern und bekommt einen guten ersten Eindruck“, sagt er.

„Das Handwerk hat einen goldenen Boden.“
Michael Bissert, Kreishandwerksmeister

Und erfolgreich ist es auch noch. Sechs Schüler hatten sich 2014 zum Speed-Dating bei Iglhaut angemeldet. „Drei von ihnen haben wir einen Vertrag angeboten“, informiert Desch. Einer davon steht nur wenige Meter entfernt und beantwortet gerade Fragen von Schülern, die zufällig am Stand vorbeikommen.

Andre Roder war vor einem Jahr noch Schüler an der Wirtschaftsschule und ist damals genauso zufällig am Iglhaut-Stand vorbeigekommen. „Ich war noch planlos, was meine berufliche Zukunft angeht“, erinnert er sich. Also hat er sich bei Thomas Desch informiert. Und der hat ihn spontan zum Speed-Date eingeladen. Andre ist schnell nach Hause gefahren, hat seine Unterlagen geholt und das Gespräch geführt. „Zum Glück“, sagt er heute. Ein einwöchiges Praktikum später stand für ihn fest, dass er Kfz-Mechatroniker werden will. „Als ich den Ausbildungsvertrag angeboten bekam, war das der schönste Tag in meinem Leben“, sagt er.

Zwei Stockwerke höher, im Dachgeschoss, sitzt Martina Ritz am Stand der Klinik Kitzinger Land und führt ebenfalls ein Speed-Date-Gespräch. Acht Anmeldungen hat die Lehrerin für Pflegeberufe im Vorfeld erhalten. „Im letzten Jahr waren es nur zwei.“ Als sinnvoll bezeichnet sie das Projekt – für beide Seiten. „Man bekommt viele Informationen und einen guten ersten Eindruck.“ Im Moment gibt es für die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger noch genügend Bewerber. „Aber es werden ein bisschen weniger.“

Mit ein „bisschen weniger“ wäre der Ehren-Obermeister der Bäckerinnung, Claus Lux, mehr als zufrieden. 19 Betriebe gibt es in der Kitzinger Innung. Im Ausbildungsjahr 2014/15 haben gerade einmal zwei Auszubildende für die Backstube angeheuert. „Das sind schon besonders schwierige Zeiten“, gibt Lux zu. „Wir suchen händeringend nach Leuten.“ Am Stand der Bäckerinnung können die Schüler jedenfalls erleben, wie vielfältig der Beruf ist. Konditormeister Georg Will verziert selbst gebackene Lebkuchen, die für einen guten Zweck verkauft werden. „Das Geld geht ans Kitzinger Tierheim.“ Der Beruf soll auf keinen Fall vor die Hunde gehen.

Schüler gezielt ansprechen

Nachwuchsmangel und die Suche nach geeigneten Auszubildenden: Dieses Thema wird an fast allen Ständen diskutiert. Kreishandwerksmeister Michael Bissert freut sich über eine Seltenheit: bei den Anlagenmechanikern steigt die Zahl der Bewerbungen. „Um rund zehn Prozent im letzten Jahr.“ Probleme gibt es dafür bei den Spenglern und Klempnern. „Aber es ist immer noch so“, versichert Bissert: „Das Handwerk hat einen goldenen Boden.“

Die Maler- und Lackiererinnung war ein paar Jahre nicht auf der Berufsbörse vertreten. Jetzt erläutern Peter Lorenz und Andreas Zobel Schülern die Ausbildungszeiten und die Aufstiegschancen. „So eine Veranstaltung darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen“, sagt Zobel. Früher ging die Börse allerdings über zwei Tage. Für die Maler und Lackierer war der Aufwand zu groß. „Jetzt kann man die Schüler viel gezielter ansprechen“, lobt Lorenz.

Ganz gezielt geht Friseurmeisterin Antja Polat auf die Schülerinnen zu. Am Stand der Friseurinnung können sich Interessierte nicht nur frisieren lassen, sondern auch selbst frisieren. Helen Harris dreht ihrer Freundin Mia Michelmann unter der Aufsicht der Meisterin Locken ins blonde Haar. Helen ist eine Ausnahme. Sie weiß schon jetzt genau, welchen Beruf sie später lernen will. „Ich will Friseurin werden. Unbedingt.“

Wer diese Sicherheit nicht mitbringt, der hatte gestern viel Gelegenheit, eine passende Ausbildung zu finden. Die Berufsbörse an der Wirtschaftsschule ist längst eine Erfolgsgeschichte. Für Betriebe und Schüler gleichermaßen.

 

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