WIESENTHEID

Wiesentheid fair-zaubert

Auf den ersten Blick sieht man. . . gar nichts. Wiesentheid ist immer noch Wiesentheid. Eine knapp 5000 Einwohner zählende Marktgemeinde am Steigerwaldrand. Und doch: Wiesentheid ist ein besonderes Städtchen. Es sind Kleinigkeiten, die sich summieren, und den Ort und seine Ortsteile auszeichnen: der Kaffee, der bei Festen ausgeschenkt wird, die Geschenke, die der Bürgermeister bei Jubiläen verteilt, die Säfte, die es während der Gemeinderatssitzung gibt. Das sind allesamt fair gehandelte Produkte.
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In Tansania: Helma Schug hat sich vor Ort von den positiven Auswirkungen des fairen Handels überzeugt. Foto: Foto: privat
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Wiesentheid ist die erste „Fairtrade-Gemeinde“ im Landkreis Kitzingen – und damit Vorbild für andere. Die Stadt Kitzingen hat sich ebenfalls um den Titel „Fairtrade-Town“ (Fair-Handels-Stadt) beworben. Solche Fairtrade-Towns fördern gezielt den fairen Handel auf kommunaler Ebene. In Wiesentheid gaben Gemeinderätin Helma Schug und ihr Team vom Eine-Welt-Laden den Anstoß dazu.

Tante war Missionarin in Afrika

„Ich war zehn, als meine Tante 1972 zu Besuch kam. Sie war Missionarin in Afrika und hat gesagt, dass viele Afrikaner nur deshalb arm sind, weil wir das Land ausbeuten“, erzählt die Wiesentheiderin. Das hat die junge Helma beschäftigt. So richtig etwas dagegen tun konnte sie jedoch erst als Erwachsene.

Um die Jahrtausendwende herum besuchte Helma Schug einen Fastengottesdienst in Münsterschwarzach, nach dem Fair-Waren angeboten wurden. „Das hat mir gefallen. Zusammen mit Gundi Schneider hab' ich überlegt: Ein Laden mit fair gehandelten Produkten wäre toll!“ Allerdings war klar, dass so ein Projekt nur funktionieren kann, wenn genügend Leute es mittragen, so dass man „halbwegs normale Öffnungszeiten garantieren kann“. Es fanden sich 25 interessierte Wiesentheider – und als Gräfin Damiana das alte Bauernhaus in der Bahnhofstraße für eine kleine Miete zur Verfügung stellte, ging es los. Vor gut elf Jahren war das.

Alle halfen zusammen. Sie brachten den Garten in Ordnung, säuberten die Räume und machten Holz, um das kleine Haus beheizen zu können. Für die Erstbestückung mit fairen Waren kratzten die Initiatoren privat 5000 Euro zusammen. „Der Fair-Handel der Abtei Münsterschwarzach hat uns damals sehr unterstützt, mit Rat und Tat“, ist Helma Schug noch heute dankbar.

Der Wiesentheider Weltladen etablierte sich rasch. „Wenn in einer Gemeinschaft jeder das machen kann, was er gerne macht, dann funktioniert's.“ Die einen übernehmen gerne den Ladendienst, andere gärtnern, dekorieren, kaufen ein oder kümmern sich bei Festen um den Eine-Welt-Laden-Stand. Helma Schug findet: „Wir sind alle miteinander mit unserem Laden gewachsen.“

Viermal pro Jahr gibt es ein Treffen mit den Verantwortlichen von 40 anderen Weltläden in Mainfranken – zum Erfahrungsaustausch. Dort kam das Gespräch auch auf die Fairtrade-Towns. Helma Schug trug die Idee nach Wiesentheid. Ab März 2015 befasste sich das Eine-Welt-Team mit den Kriterien, die man als Fair-Town erfüllen muss.

„Wir haben festgestellt, dass wir einen Großteil ohnehin schon tun. Wir haben faires Frühstück angeboten, Fastenessen und das 'Weltladen-Café' bei musikalischen Veranstaltungen organisiert. Über Sabine Halbritter haben wir schon immer gut mit der Pfarrei zusammengearbeitet“, erzählt Helma Schug.

Außerdem hatte das Team noch viele andere Einfälle, wie man die Idee des Fairhandels weiter verbreiten könnte. Beim Ferienpass, bei Wanderungen und Führungen konnten die Gäste anschaulich erleben, was Fairhandel bedeutet.

„Fairtrade gehört zum guten Ton“

Die Initiative fruchtete. Im April beschloss der Marktgemeinderat einstimmig, sich um den Titel „Fairtrade-Town“ zu bewerben. Eine siebenköpfige Steuerungsgruppe, in der sich Politik, Wirtschaft und Bürger austauschen, leitete die Bewerbung in die Wege und sorgte dafür, dass sich auch sonst noch so einiges in Wiesentheid tat. Vom Kaffee fürs LSH-Lehrercafé bis zum Tee im Lokal Okey's gibt es fair gehandelt Heißgetränke.

„In Gastronomie und Handel gehören fair gehandelte Waren zum Glück schon zum guten Ton.“ Auch Unternehmen wie Elektro Bräutigam sind auf den Fairtrade-Zug aufgesprungen. Bei Andi Liebalds Kellerkonzerten gibt es während der Pausen Snacks und Chips aus fairem Handel.

Wo diese herkommen, weiß Helma Schug genau. Sie war selbst schon in Tansania und hat dort nicht nur die Hilfsprojekte für die Wiesentheider Partnergemeinde Mbinga in Tansania begutachtet – unter anderem wurden drei Dörfer an die Wasserleitung angeschlossen und Solaranlagen gebaut –, sondern auch Kaffeebauern besucht. „Wenn Du siehst, wie mühsam und liebevoll die Bohnen geerntet und verpackt werden, dann wird dir klar: Der etwas höhere Preis ist mehr als gerechtfertigt. Ich kann jedenfalls keinen Kaffee mehr wegschütten.“

Aber nicht nur Menschen aus Afrika profiteren vom Fairhandel, betont die dreifache Mutter, die sich in Wiesentheid auch um die somalischen Flüchtlinge kümmert. „Im fairen Handel hat jeder Platz, der ums Überleben kämpft, vom Kakaobauern aus Mexiko bis zum Teekräuter-Anbauer aus einem abgelegenen Alpental.“

Apropos überleben: Für Helma Schug schließt sich hier der Kreis. „Der Fairhandel zielt schon immer darauf ab, dass die Menschen da, wo sie ihre Waren produzieren, auch leben können.“ Denn wo dies nicht der Fall ist, müssen die Menschen ihr Land verlassen. Helma Schug formuliert es so: „Wenn wir nicht bereit sind zu teilen, dann kommt die Not zu uns.“

Infos: www.fairtrade-towns.de

Fairtrade-Town

Fairtrade-Town: Ende September wurde Wiesentheid offiziell zur Fairtrade-Town (der 362. in Deutschland) ernannt. Kitzingen ist in der Bewerbungsphase, andere Gemeinden im Landkreis diskutieren darüber.

Voraussetzungen: Fünf Kriterien sind für eine erfolgreiche Bewerbung zu erfüllen. Der entsprechende Ratsbeschluss bedeutet auch, dass in allen öffentlichen Sitzungen und beim (Ober-)Bürgermeister fair gehandelter Kaffee und ein weiteres Getränk ausgeschenkt werden. Eine lokale Steuerungsgruppe koordiniert die Aktivitäten vor Ort. In den Einzelhandelsgeschäften, bei Floristen, in Cafés und Restaurants werden mindestens zwei Produkte aus fairem Handel angeboten (Richtwert ist die Einwohnerzahl). In Schulen, Vereinen, Kirchen und öffentlichen Einrichtungen werden Produkte aus fairem Handel verwendet und Bildungsaktivitäten zum Thema angeboten.

Dauer: Die Auszeichnung als Fairtrade-Town gilt für zwei Jahre; sie kann verlängert werden.

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