LANDKREIS KITZINGEN

„Wer ein Muslim ist, lebt friedlich“

Müssen Sie sich rechtfertigen? Natürlich nicht. Aber sie stellen sich trotzdem den Fragen. Auch wenn sie mit den Anschlägen von Paris, mit den Verhaftungen in Belgien und Berlin, mit Gewalt und Terrorismus rein gar nichts zu tun haben. Yüksel Sari ist Vorsitzender des Vereins Neue Moschee e.V. in Kitzingen. Safiye Klein die Pro-Dialog-Beauftragte.
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Plädoyer für die Vielfalt: Yüksel Sari und Safiye Klein engagieren sich im Verein Neue Moschee Kitzingen e.V. Sie sprechen sich für eine bunte, friedfertige und tolerante Gesellschaft aus. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Müssen Sie sich rechtfertigen? Natürlich nicht. Aber sie stellen sich trotzdem den Fragen. Auch wenn sie mit den Anschlägen von Paris, mit den Verhaftungen in Belgien und Berlin, mit Gewalt und Terrorismus rein gar nichts zu tun haben. Yüksel Sari ist Vorsitzender des Vereins Neue Moschee e.V. in Kitzingen. Safiye Klein die Pro-Dialog-Beauftragte.

Haben Sie die Entwicklungen der letzten Tage schon verdaut?

Sari: Der Anschlag von Paris hat uns erschüttert, weil er auch ein Angriff auf die Muslime war. Unser Name und unsere Religion wurden in den Schmutz gezogen. So ein Verhalten hat mit dem Islam gar nichts zu tun. Töten ist für uns die allergrößte Sünde. Wenn man einen Menschen tötet, tötet man die ganze Menschheit, so steht es im Koran.

„Islam und Terrorismus haben nichts miteinander zu tun.“
Yüksel Sari Vorsitzender Neue Moschee
Haben Sie eine Erklärung dafür, wie sich solche Terrorgruppen im Namen des Islam bilden können?

Sari: Der Islam wirkt wie ein Schutzschild für diese Menschen. Dahinter verstecken sie sich und verbreiten Angst und Schrecken.

Klein: Schon der Begriff islamistischer Terror ist falsch. Dieser Begriff macht mich aggressiv. Wer ein Muslim ist, der lebt friedlich. Muslime mögen die Vielfalt und kommen mit verschiedenen Menschen zurecht. Wir müssen jetzt argumentieren über eine Gruppe, mit der wir gar nichts zu tun haben. Wir kennen solche Leute nicht und müssen uns für sie rechtfertigen.

Sari: Muslime leben seit 50 Jahren friedlich in Europa, es hat nie Anschläge gegeben.

Wie kann sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen verbessern?

Sari: Es gibt eine Umfrage von der Bertelsmann-Stiftung, nach der zwei Drittel der Deutschen zu wenig über den Islam wissen. Sobald ein Anschlag verübt wird, werden alle Muslime über einen Kamm geschert und schlecht gemacht. Mein großer Wunsch lautet deshalb, dass die Menschen unterscheiden lernen. Islam und Terrorismus haben nichts miteinander zu tun.

Was kann Ihr Verein tun, um das Verständnis zu fördern?

Sari: Seit 2010 bieten wir an jedem 3. Oktober einen Tag der offenen Moschee an. Im letzten Jahr sind außerdem 15 bis 20 Schulklassen durch die Moschee geführt worden, wir hatten insgesamt rund 600 Besucher. Wir versuchen, an die Bürger ranzukommen, auch mit Ständen an den Stadtfesten. Wir wollen ins Gespräch kommen. Aber das Interesse muss auch von der anderen Seite kommen.

Klein: Seit den Führungen in der Moschee hat sich was bewegt. Eltern, Lehrer und Schüler erkennen mich auf der Straße, man kommt ins Gespräch. Das finde ich schön. Aber der Schritt hätte schon früher erfolgen können.

Gibt es auch Kontakt mit Vertretern anderer Religionen?

Sari: Im Oktober waren etwa 40 Pfarrer und Religionslehrer aus dem Raum Kitzingen in der Moschee. Wir hatten auch schon Vertreter der jüdischen Gemeinde hier. Beim Fastenbrechen laden wir Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche ein.

Lässt sich so ein Angebot überhaupt noch steigern?

Klein: Wir haben schon weiterführende Pläne, aber es ist natürlich immer gut, wenn auch die anderen auf uns zukommen. Jeder darf uns kontaktieren und Fragen stellen. Wir müssen und wir wollen zusammen leben, auch wenn es gravierende Unterschiede gibt.

Was meinen Sie?

Klein: Die Meinungsfreiheit in der westlichen Welt ist grenzenlos. Karikaturen über Propheten sind bei uns undenkbar.

Das ist ein Teil der Pressefreiheit.

Klein: Die Pressefreiheit ist sicher wichtig, aber wir würden nie eine Karikatur über Jesus machen. Wir würden niemals Respektspersonen schlecht darstellen, auch nicht Politiker. Es muss doch auch eine Grenze für Journalisten geben.

Sari: Man muss sich nicht gegenseitig lieben, aber man muss sich respektieren.

Klein: Das rechtfertigt natürlich in keinster Weise die Anschläge.

Der Islam gebietet mehr Respekt als das Christentum?

Sari: Karikaturen sind im Islam undenkbar.

Klein: Für uns ist es sogar komisch, dass Jesus ohne Kleider am Kreuz hängt.

Wie geht es jetzt weiter? Werden Sie das Thema weiter verfolgen und ansprechen?

Sari: Unser Imam hat bei den letzten beiden Freitagsgebeten das Thema angesprochen. Im Schnitt kommen rund 200 Gläubige in die Moschee und lauschen seinen Worten.

Und wie geht es international weiter?

Sari: Die Lage wird sich beruhigen, die Menschen werden verstehen, dass der Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun hat. Die Gefahr ist natürlich da, dass wieder ein neuer Anschlag kommt. Immer wenn ich Nachrichten höre, habe ich Angst, dass sich unsere Religion wieder rechtfertigen muss.

Der Verein Neue Moschee Kitzingen hat rund 190 Mitglieder. Im Raum Kitzingen leben fast 1000 Muslime.

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