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LANDKREIS KT

Wenn aus einer Übung ein Ernstfall wird

Bei einem Termin im Wald, bricht die Redakteurin zusammen. Die Rettungskette Forst funktioniert.
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Mit vereinten Kräften hieven Feuerwehrleute und Rettungskräfte den Verletzten auf die orangefarbene Trage, die anschließend - zum leichteren Tragen - in ein Stahlgestell gehoben wird. FOTO Diana Fuchs Foto: Diana Fuchs
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Raureif liegt über den Feldern. Bei Langenberg, einem Ortsteil von Geiselwind, bahnt sich die Sonne langsam ihren Weg durch den Hochnebel. Doch am Waldrand, wo sich 80 Gemeinde- und Forstarbeiter sowie Rettungskräfte treffen, ist es noch dunstig. Der Frost knistert bei jedem Schritt, als sich die Männer auf den Weg Richtung Galgenberg machen. Auf einer kleinen Anhöhe mitten im Wald sollen sie erleben, wie die „Rettungskette Forst“ funktioniert. Und sie sollen lernen, wie sich sich im Fall des Falles am besten verhalten.

372 Unfälle im Kreis Kitzingen

Manfred Flurschütz mimt ein Opfer. Als die Männer aus dem ganzen Landkreis bei ihm ankommen, liegt er bäuchlings auf dem kalten, nassen Waldboden. „Er ist bewusstlos!“, ruft Norbert Wolf, der im echten Leben zusammen mit Flurschütz bei der Gemeinde Wiesentheid arbeitet. „Wir haben diesen Baum hier fällen wollen.“ Wolf deutet auf eine stattliche Eiche, dann auf den Stumpf einer morschen Birke. „Aber dann ist meinem Kollegen ein Birkenstamm auf den Kopf gefallen und hat seinen Helm abgeschlagen.“

Nachdem Norbert Wolf einen Notruf abgesetzt hat, wissen BRK, Notarzt und Feuerwehr genau, wo sie suchen müssen. 116 neu installierte, so genannte „Rettungstreffpunkte“ in allen Teilen des Landkreises lotsen sie bei Notfällen in die richtige Richtung – sofern der Alarmierende die Nummer des nächsten Rettungstreffpunktes weiß. Wolf hatte sich vor dem Einsatz im Wald die entsprechende Zahl notiert beziehungsweise die Notfall-App aufs Handy geladen. Er kann deshalb die wichtige Ziffernfolge sofort nennen.

Norbert Wolf bringt Manfred Flurschütz in die stabile Seitenlage und kontrolliert noch einmal Atmung und Puls. Dann eilt er zum Rettungstreffpunkt, wo er die Helfer in Empfang nehmen und ihnen den Weg zum Verunglückten zeigen wird.

Die Minuten vergehen, das „Opfer“ rührt sich noch immer nicht. Die 80 Männer, darunter mehrere Förster, stehen in einem großen Halbkreis um den Unfallort herum. Klaus Behr, Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kitzingen, macht deutlich, dass diese Übung schnell Realität werden könnte: „Pro Jahr geschehen in Unterfranken etwa 2 500 Unfälle in der Land- und Forstwirtschaft.“ Forstreferendar Christopher Traub ergänzt: „Allein im Landkreis Kitzingen gab es im vergangenen Jahr 372 solcher Vorfälle.“

Dann beobachten Christopher Traub, Klaus Behr und die anderen Männer, wie die Retter mit medizinischen Geräten und einer Trage den Hang heraufkommen. Leicht außer Atem knien die Ersten neben Manfred Flurschütz nieder, überprüfen seine Vitalfunktionen und die Kopfwunde.

Mit vereinten Kräften heben die BRK- und Feuerwehrmänner ihn schließlich auf die Trage, was gar nicht so einfach ist, denn der abschüssige Waldboden ist ziemlich rutschig. Feuerwehrmänner stemmen sich am unteren Ende der Trage gegen den Hang, ihre robusten Stiefel tun jetzt gute Dienste. Flurschütz' Kopf soll keiner weiteren Belastung ausgesetzt werden. Deshalb wird er mit Luftkissen gestützt und nur ganz vorsichtig bewegt.

Doch ehe die Männer Flurschutz zum Sanitätsauto tragen können, fällt zwei Meter nebenan jemand anders einfach um, wie ein gefällter Baumstamm. Plötzlich gibt es ein echtes Opfer – mich. Ich hatte mich schon am Vortag nicht wirklich wohl gefühlt, sondern unnatürlich müde, weshalb ich an einen kleinen Infekt dachte. Nie hätte ich mir träumen lassen, vor versammelter Mannschaft in Ohnmacht zu fallen.

Ich erinnere mich schemenhaft daran, dass jemand meinen Namen ruft. Und dass sich die Buchstaben EL RD über mich beugen. Erst weiß ich nicht, wo ich bin, aber dann fällt mir die Rettungsübung wieder ein. Ganz offensichtlich bin ich nun das Sorgenkind. Ein freundlicher Mann mit warmen Händen hält meinen Kopf, andere legen EKG-Dioden an meinem Körper an. Irgendwann tragen mich sechs Männer zum Sanitätsauto, obwohl ich viel lieber laufen würde, doch EL RD erlaubt es nicht. Mit einem Notarzt neben mir, geht es ins Kitzinger Krankenhaus, wo eine Lungenentzündung diagnostiziert wird.

Was heißt EL RD?

Während meines einwöchigen Klinikaufenthaltes finde ich Dreierlei heraus. Erstens: Der EL RD ist der Einsatzleiter Rettungsdienst, quasi der Boss der Retter, der den Einsatz koordiniert. Zweitens: Eine Lungenentzündung erkennt man selbst nicht unbedingt. Und drittens: Die Rettungskette Forst funktioniert einwandfrei.

Vielen Dank an jeden Helfer, auch im Namen aller zukünftigen Opfer. Und das sind sicher nicht nur Redakteurinnen und Forstarbeiter, sondern auch private Holzmacher, Wanderer und Freizeitsportler. Im Notfall sollten sie alle wissen, wo der nächste Rettungstreffpunkt ist und welche Nummer er hat. Ich hab' mir die App „Hilfe im Wald“ noch im Krankenhaus aufs Handy geladen.

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder unter www.inFranken.de

Rettende Schilder im ganzen Landkreis

Rettungsnetz: Die Bayerische Forstverwaltung hat in Kooperation mit dem Bayerischen Innenministerium ein bayernweit einheitliches System fester Rettungspunkte aufgebaut – sowohl für die privaten als auch die kommunalen Waldbesitzer. Verunglückt jemand im Wald, kann dieses Netz von Rettungstreffpunkten auch von Landwirten, Winzern, Freizeitsportlern, Erholungssuchenden, Jägern oder Anglern genutzt werden.

116 Punkte: Alle 116 Rettungstreffpunkte im Landkreis Kitzingen sind mit einem 40 mal 25 Zentimeter großen Schild gekennzeichnet. Darauf finden sich die Nummer des Treffpunktes, zum Beispiel „KT 2012“, und eine klare Handlungsanweisung zum weiteren Vorgehen.

App fürs Smartphone: Mit der kostenlosen Smartphone-App „Hilfe im Wald“ können die Rettungstreffpunkte auch per Handy schnell abgerufen werden. Diese App steht im „Google Play Store“ für Smartphones mit Android-Betriebssystem zum Download bereit. Auch Betreiber von Windows-Phones können die App herunterladen.

Unfall melden: Ereignet sich ein Unfall, so gilt folgender Ablauf: Unfallstelle sichern, den Verletzten versorgen, den Notruf (112) absetzen, dabei die Bezeichnung des nächstgelegenen erreichbaren Rettungstreffpunktes angeben, wenn möglich selbst zum Rettungstreffpunkt gehen, auf das Eintreffen des Rettungsdienstes warten und diesen schnellstmöglich zum Verletzten lotsen.

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