KITZINGEN

Wenn Frauen stifteln gehen

„Einfach zusammensetzen? Das geht nicht.“ Monika Bürks greift zu Rock und Mieder, ihre Finger wandern zentimeterweise weiter, deuten auf die unzähligen kleinen Fältchen, stecken kleine Nadeln mit bunten Köpfen in den Stoff. Und sagt dabei den Satz, der so typisch ist für das, was sie tut: Die Trachtenschneiderin aus Ipsheim gibt ihr Wissen über eine Kunst weiter, die ganz schön kompliziert ist.
Artikel drucken Artikel einbetten
Die Innenseite deutet an, wie schwierig das Nähen ist: Anna Kram umrahmt die Knopflöcher des grauen Lodenflanells mit dunkelrotem Paspel. Foto: Foto: Daniela Röllinger
+16 Bilder

25 Jahre ist es her, dass Monika Bürks mit dem Schneidern von Trachten begonnen hat. „In meinem ersten Leben habe ich ganz moderne Sachen gemacht“, erzählt die Schneidermeisterin lachend. Wie sie dann auf die Tracht gekommen ist? „Mich interessiert so altes Zeug.“ Und so hat sie die traditionelle, handwerkliche Kunst nicht nur gelernt, sondern ist zur echten Fachfrau geworden. Sie hat eine neue Tracht für das Coburger Land entworfen, die Bamberger Tracht modernisiert und gibt ihr Wissen bei Lehrgängen weiter – so wie jetzt erstmals im Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Kitzingen.

„Frau Bürks, ich näh' mit zweieinhalb?“, fragt Anna Kram. Ein kurzes Nicken der Kursleiterin genügt, schon kann die Arbeit an der Nähmaschine weitergehen. „Das war die Nadel“, sagt kurz darauf Kerstin Hack-Mohr. Ist das dünne Ding doch tatsächlich am allerletzten Kurstag abgebrochen. Die Prichsenstädterin nimmt es mit Humor, sucht in ihrem Nähkasten zwischen Faden, Stecknadeln, Schneiderkreide, Jeans- und Stretch-Nähnadeln nach Ersatz.

Sieben Frauen haben sich seit Mitte März regelmäßig am Samstag getroffen, um unter Anleitung von Monika Bürks ein klassisches Trachtenoutfit zu nähen. Ein Dirndl, wie man es gemeinhin nennt, auch wenn es die unterschiedlichsten Modelle gibt. Maßgeschneidert und damit passgenau, der Miederausschnitt so tief, der Rock so lang wie jede einzelne es wollte. Ein Dirndl abseits vom üblichen Schnitt in den Nähzeitschriften und von der Stange.

Anfangs wurde jede Kursteilnehmerin genau vermessen, Monika Bürks machte Schnitte aus Papier, die später auf Stoff übertragen wurden. Dass während des Schneiders beim Anprobieren trotzdem die eine oder andere Naht aufgetrennt, enger oder weiter gesetzt wurde, musste niemandem die Laune verderben. „Ganz normal“, ist das beim Schneidern, wie Bürks erklärte. „Man kann viel messen und berechnen, aber jeder Körper ist ja anders und folgt keinem System.“

Fünf Samstage von 9 bis 17 Uhr, dazu mindestens zwei Abende daheim für die Hausaufgabe – eine Tracht zu nähen, ist zeitintensiv. Näherfahrung braucht man, sonst kann man den Kurs gar nicht absolvieren. Deshalb gibt es vor jedem Lehrgang erst einmal einen Infoabend. Damit die Teilnehmerinnen wissen, auf was sie sich da einlassen.

Während Kerstin Hack-Mohr und Claudia Wallochny bereits Dirndl im Schrank haben, hat Anna Kram noch keines – und will auch keines. „Ich habe keine Gelegenheit, so was zu tragen“, sagt sie, und sie sei auch nicht der Typ dafür. Deshalb entsteht an ihrer Maschine ein Trachtenrock mit einem Janker. Die Knopflöcher des grauen Lodenflanells mit dunkelrotem Paspel umrahmt, die silbernen Knöpfe ein Hingucker.

Längst nicht alles wird mit der Maschine genäht. Ein großer Teil ist echte Handarbeit. Das Stifteln zum Beispiel. Bis die kleinen Fältchen am hinteren Rockteil fertig sind, müssen unzählige winzige Stiche gesetzt werden. Ein innen liegender Stoffstreifen mit kleinen Karos dient als Orientierung. Konzentration ist gefragt. „Das ist meditativ“, sagt Wallochny. An ihrem Rock erklärt Monika Bürks, wie die nebeneinander liegenden Fäden zusammengezogen und damit die Falten gelegt werden. „Man muss darauf achten, dass es oben ein bisschen enger gezogen ist als unten, damit der Rock schön über den Po fällt.“

Fein säuberlich haben die Frauen gestiftelt, Zackenlitze und Vorstoß genäht, die Paspelschnur an die Ausschnittkanten des Mieders angebracht, den Beleg zum Beschweren des Rockes innen mit außen unsichtbaren Stichen befestigt. Der bunte Stoffstreifen wird mit der Hand eingenäht, er wird später als Hingucker hervorblitzen, wenn der Rock sich beim Gehen bewegt. Wer noch nie genäht kann, wird all die Schritte kaum schaffen, bis der nächste Kurstag ansteht. Neben der Näherfahrung braucht man auch viel Geduld, wie Claudia Wallochny festgestellt hat. Schnell, zwischendurch und nebenbei entsteht so ein Dirndl nicht. Aber wer die Zeit aufbringt, wird mit einem Unikat belohnt.

ONLINE-TIPP

Mehr Bilder: www.inFranken.de

Nächster Kurs im September

Der nächst Trachtennähkurs „Alltagsgewand“ unter Leitung der geprüften Trachtenschneiderin Monika Bürks findet ab September im Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten in Kitzingen statt. Am Montag, 19. September, gibt es um 16 Uhr ein Informationstreffen dazu. Der Info-Nachmittag ist kostenlos, die Kursgebühr beträgt 170 Euro zuzüglich Materialkosten. Gute Nähkenntnisse und eine funktionstüchtige Nähmaschine sollten vorhanden sein.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren