WÜRZBURG

Was ist heute normal?

Heute ist es schwer, die eigene Sexualität zu finden und seine eigenen Grenzen zu setzen: Eine Ausstellung in Würzburg will Jugendlichen Orientierung verschaffen.
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Was ist erlaubt, was geht zu weit? Die Jugendlichen sollen lernen, ihre eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen. Foto: Fotos: Robert Wagner
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Einer der Jungs stößt einen Freund an, zeigt mit dem Finger auf ein Schild. „Pornos zeigen, wie Sex geht“. Mit einem Grinsen im Gesicht flüstert er dem anderen etwas zu, beide lachen laut. „Das gehört dazu“, sagt Daniela Englert, Jugendreferentin der Kirchlichen Jugendarbeit (kja) der Diözese Würzburg. Gerade für Jugendliche sei das Thema Sex oft schwierig. Ein lockerer Umgang, ein Lachen, kann helfen, sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen. Die beiden jungen Männer drehen das Schild um. Dort steht: „Pornos verkörpern eine extrem eingeschränkte und gefühlsarme Sexualität. Die meisten träumen von etwas anderem.“

Bei der Ausstellung „Echt Krass“, die noch bis zum 23. Juli im Kilianeum in Würzburg zu sehen ist, geht es um die Prävention von sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen. An fünf Aufstellern sind wichtige Informationen mit teils provokanten Thesen, Sprüchen und Bildern verknüpft. Die Schüler sollen sich selbstständig mit den Themen auseinandersetzen, miteinander reden, sich austauschen.

Klassische Aufklärungsarbeit, in der jemand vor der Gruppe steht und referiert, ist das nicht. „Das ist ja auch ein peinliches Thema, da wollen die Jugendlichen nicht, dass man mit wachsamen Auge dahinter steht“, erläutert Martina Amon vom Präventionsreferat der kja, die die Ausstellung betreut. Das Konzept kommt offensichtlich an.

„Bei den Schülern hat eine intensive Auseinandersetzung und ein reger Austausch stattgefunden“, sagt Studiendirektor Johann Bux von der Berufsschule Kitzingen-Ochsenfurt. Gleich mit mehreren Klassen waren die Ochsenfurter in Würzburg. „In den Nachgesprächen war immer wieder zu hören, wie wichtig es ist, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und die von anderen zu achten.“

Dieses Bewusstsein für die eigenen Grenzen ist das Kernziel der Ausstellung, die vom Präventionsbüro „Petze“ in Kiel konzipiert wurde. „Die Jugendlichen heute sind nicht sexualisierter als früher“, erklärt Amon. „Sie haben auch nicht früher Sex.“ Das seien Vorurteile. Allerdings werden sie früher und in höherem Maße mit sexuellen Inhalten, Klischees und Werbebotschaften bombardiert. Damit müsse man erst einmal umgehen lernen. „Die Orientierung fehlt.“

An einer Stellwand sind einige Beispiele für sexualisierte Werbung zu sehen. Unter anderem von einem bekannten Fast-Food-Hersteller: Ein Frauenkopf im Profil. Ihrem geöffneten Mund nähert sich ein extra großer Burger. Darunter steht: „It?ll blow your Mind!“ Geht es hier noch um Essen oder um ein Angebot für Oralverkehr?

„Die Jugendlichen

heute sind nicht sexualisierter als früher.“

Martina Amon Bildungsreferentin

Das Thema hat gerade in den letzten Tagen und Wochen noch einmal an öffentlicher Brisanz gewonnen. Mit der Verschärfung des Sexualstrafrechts, mit der Diskussion um das Prinzip „Nein-heißt-Nein“. Mit den Ereignissen um die Silvesternacht 2015/2016. Und mit dem Fall Gina-Lisa Lohfink. Die hatte vergeblich darum gestritten, dass ein Sexvideo von ihr mit zwei Männern als Vergewaltigung gewertet wird – obwohl im Video mehrmals „Nein“ und „Hör auf“ zu hören war. Vom Fleischhersteller Wiesenhof kursierte gleichzeitig ein Video, bei dem Komiker Atze Schröder für die „größte Wurst“ mit den Worten wirbt: „Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“

In diesem Umfeld also wachsen Jugendliche heute auf und müssen ihre eigene Sexualität entdecken und entwickeln. „Klischees werden gefördert“, sagt Martina Amon. „Bei den Jugendlichen entsteht Verwirrung: Was ist normal?“ Von einer „Verrohung“ der Jugend will Amon aber nicht sprechen: „Die Jugendlichen wünschen sich die gleichen Dinge wie früher.“ Zärtlichkeit, Vertrauen, Geborgenheit.

Heute sind jedoch die technischen und medialen Möglichkeiten größer. „Wir konnten früher ja keine Bilder per SMS schicken“, sagt Amon. Heute können Jugendliche Bilder und Videos einfach per Klick über Facebook, WhatsApp und Co verteilen. Schnell und einfach, ohne viel nachdenken zu müssen. Das kann verstörende Pornografie sein – aber eben auch private Aufnahmen oder ungünstige Fotos von Freunden. Die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschwimmen. Umso wichtiger, die eigenen Grenzen zu kennen und zu schützen. „Denn jede Grenzverletzung hinterlässt Schäden der Seele und meist auch des Körpers“ – so das Fazit einer Ochsenfurter Klasse.

Den Jugendlichen ist das gar nicht so einfach zu vermitteln, wie Martina Amon erklärt: „Was hilft es den Jugendlichen zu erklären, sie sollen aufpassen, was sie von sich auf Facebook stellen?“ Der Hinweis darauf, dass das Internet nicht vergisst und alles was man dort teilt, auf einen zurückfallen kann – sei es sofort oder in paar Jahren beim Vorstellungsgespräch – werde kaum angenommen. „Das ist so weit weg, das interessiert die Jugendlichen nicht.“

Dennoch: Die ehrliche, direkte Art der Ausstellung kommt an. Die Bilder und Videos erreichen die Jugendlichen. Und so hört man von den Kindern, wenn sie vor den Stellwänden stehen, öfters folgenden Ausruf: „Oh, echt krass!“

Öffnungszeiten: Am Samstag, 23. Juli, steht die Ausstellung zwischen 10 und 16 Uhr allen Interessierten ohne vorherige Anmeldung offen. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen: Kirchliche Jugendarbeit, Referat für Präventionsarbeit, Martina Amon, Kilianeum-Haus der Jugend, Ottostraße 1, Würzburg, Tel. (09 31) 38 66 37 48, E-Mail: martina.amon@bistum-wuerzburg.de.

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