KITZINGEN

Begräbnisse: Wandel der Erinnerung

Individueller und bunter - Bestattungen verändern sich. Selbst die Ökologie wird wichtig.
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Ein Sarg, der viel über das Leben des Verstorbenen aussagt. Foto: Foto: Bundesverband Bestattungsbedarf
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Menschen begannen sehr früh in ihrer Geschichte ihre Toten zu bestatten. Tatsächlich handelt es sich dabei sogar um eine der ersten rituellen und damit kulturellen Handlungen der Menschheit überhaupt. Die bekanntesten Grabmäler sind die ägyptischen Pyramiden. Die größte, die Cheops-Pyramide, ist 138 Meter hoch. Sie sollte dem Pharao den Weg zu den Göttern ebnen, war steingewordenes Zeichen seiner Macht. Heute käme sicher keiner auf die Idee, sich so ein pompöses Mausoleum zu errichten.

Heute wünschen sich die Menschen ganz unterschiedliche Formen der Beisetzung. Und diese Wünsche sind ständig im Wandel. Das ist auch im Landkreis Kitzingen so. Im Jahr 1990 waren noch 75 Prozent aller Bestattungen in der Stadt Kitzingen Erdbestattungen. Ein Vierteljahrhundert später hat sich das Verhältnis fast umgekehrt: Im letzten Jahr gab es 63 Prozent Urnenbeisetzungen. Uwe Plomitzer, Mitarbeiter im Kitzinger Standesamt, macht einerseits die geringeren Kosten einer Urnenbestattung dafür verantwortlich. „Der Hauptgrund ist aber sicherlich die gestiegene Flexibilität der Menschen.“ Wer kann und will sich heute noch dauerhaft um die Gräber kümmern?

Doch das ist nur ein Aspekt des Wandels. „Bestattungen werden immer individueller“, erklärt Otto Volk, Geschäftsführer des Gleichnamigen Bestattungsunternehmens. Ein relativ neuer Bereich betrifft den Erinnerungsschmuck. Manche Angehörige lassen sich aus der Asche einen Diamanten pressen. „Wir bieten auch Anhänger, Ringe und Armbänder mit dem Fingerabdruck des Verstorbenen an“, sagt Tobias Volk, der ebenfalls im Familienbetrieb arbeitet. Auch Totenmasken können hergestellt werden.

Es gibt ausgefallene Designs bei Särgen und Urnen – und sogar Urnen zum selber Bemalen. Tobias Volk erzählt von einer Beerdigung, die sich ganz um den 1. FC Nürnberg drehte: „Die Blumen, die Dekoration, alles war in den Vereinsfarben. Dazu wurde die Hymne des Clubs gespielt.“ Es hätten sich sogar schon Menschen bei ihnen gemeldet, die zum Sterben in die Schweiz fahren wollten. „Die riefen an: 'In vier Wochen ist meine Urne da'.“

Ein weiterer Trend geht zu mehr Umweltverträglichkeit. Laut dem Bundesverband Bestattungsbedarf spiele die bei immer mehr Kunden eine große Rolle. Sie kaufen gerne schnell verrottende Urnen und Särge. Problematisch findet es Andreas Barber aber, wenn Gräber ganz verschwinden und kein Zeichen mehr an den Toten erinnert. „Die Menschen brauchen einen Ort für ihre Trauerarbeit“, sagt der Vorarbeiter des städtischen Friedhofpersonals.

Die Bedürfnisse ihrer Angehörigen würden Menschen oft vergessen, wenn sie ihre eigene Beerdigung planen. „Viele sagen, ich kann meinen Kindern ja nicht zumuten, sich 30 Jahre um mein Grab zu kümmern“, sagt Barber. Sie würden dann lieber kostengünstige Alternativen bevorzugen. „Dabei haben sie ihre Kinder nicht einmal gefragt.“ Oft würden die sich dann nämlich doch einen anderen Gedenkort wünschen.

Der Tod und der Tote verschwinden immer mehr aus der Wahrnehmung. Tobias Volk erinnert sich an einen Fall, bei dem ihm der hinterbliebene, erwachsene Sohn irgendwann sagte, er glaube nicht daran, dass sein Vater damals im Sarg lag und nun da begraben liege. Das Sterben sei zu weit weg.

Für Tobias Volk sagt es viel über eine Kultur aus, wie sie ihre Toten behandelt. „Das ist ein Spiegel der Gesellschaft.“ Dabei beginnt das Problem nicht erst mit dem Tod: „Ich bin traurig, dass es Palliativstationen gibt“, sagt der Bestatter. Nicht, weil es falsch ist, sich um die Sterbenden zu kümmern, sondern weil vieles auch von den Angehörigen zuhause geleistet werden könnte. Das wäre letztlich sowohl für den Sterbenden als auch für seine Hinterbliebenen besser. „Sterben ist ein Teil des Lebens – viele verdrängen das.“ Es sei wie in vielen anderen Lebensbereichen: „Das Sterben wird 'outgesourced'.“ So wandele sich auch die Bedeutung des Friedhofs: „Früher war der Friedhof Begegnungsstätte, war Teil des Lebens“, sagt Otto Volk.

Respekt hat nachgelassen

Für Andreas Barber hat der Wandel auch noch andere negative Konsequenzen: „Die Menschen haben weniger Respekt vor den Friedhöfen.“ Gräber würden schlechter gepflegt, Müll einfach auf dem Gelände entsorgt. „Die Leute schmeißen oft auch ihre Christbäume hierhin.“ In Etwashausen habe er sogar einen alten Autoreifen gefunden. Die Leute liefen mit ihren Hunden durch den Friedhof, führen Rad. „Und wenn ich sie dann anspreche, dann werde ich noch doof angemacht“, sagt Barber.

Insgesamt zeigt sich eine eigenartige Mischung. Denn auf der einen Seite stehen die neuen Angebote der Bestatter. Moderne Särge, Urnen und Erinnerungsschmuck. Neue Formen der Bestattung, moderne Reden und moderne Musik. Auf der anderen Seite gibt es die Zeichen der Verdrängung des Todes, des „Outsourcings“, wie es Tobias Volk ausdrückt. Trauerplätze verlieren ihre Bedeutung und die Menschen ihren Respekt vor ihnen.

Was heißt das für unseren Umgang mit Verstorbenen? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Wirklich beantworten lässt sich die Frage wohl erst in der Zukunft, wenn kommende Generationen unsere Art Tote zu bestatten so analysieren, wie wir es heute mit den Pyramiden der Ägypter machen.

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