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PRICHSENSTADT.

Vom Erinnern und Versöhnen

In Prichsenstadt werden Stolpersteine für sieben ehemalige jüdische Mitbürger verlegt.
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Marie-Louise Fürstin zu Castell-Castell und der Künstler Gunter Demnig. Foto: Foto: Korber
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Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Diesen Satz aus dem Talmud nahm sich der Kölner Bildhauer Gunter Demnig zu Herzen. 1992 begann er damit, besondere Pflastersteine zu verlegen. Kürzlich war er in Prichsenstadt aktiv.

Die Pflastersteine sind aus Messing und erinnern mit ihrer Inschrift an die Menschen, die einst als Nachbarn unter uns gelebt haben, ehe sie von den Nationalsozialisten ausgegrenzt, deportiert und schließlich ermordet wurden. Ehe ihr Besitz verkauft und jede Erinnerung an sie gelöscht wurde.

Zu Tränen gerührt

Stolpersteine nennt Demnig sein Projekt. Weil er erreichen will, dass man nicht einfach vorübergeht, sondern innehalten und sich erinnern soll. Was als Kunstaktion gegen den Widerstand der Behörden begann, gilt heute als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Über 62 000 Stolpersteine hat Demnig bislang verlegt, in ganz Europa. Dennoch kommt er meist persönlich, wenn es gilt, neue Steine zu setzen, wie am Freitag in Prichsenstadt. „Es ist für mich nach wie vor keine Routine“, sagt er. Es sei immer wieder anders, mit immer neuen Begegnungen. „Jedes Mal ein Erlebnis.“ Einmal sagte ein Hinterbliebener, der wegen der Zeremonie eigens aus dem Ausland angereist war, zu Demnig: „Jetzt kann ich ruhig von hier weggehen. Ab sofort kann ich Deutschland wieder betreten.“

Auch in Prichsenstadt sind Angehörige der Menschen gekommen, an die erinnert werden soll: Helen Cweren und ihre Tochter Leah Goldstein sind aus Columbus/Ohio angereist. Helen Cweren erzählt, dass sie als Kind viel Zeit bei ihren Großeltern verbrachte, denen die Flucht aus Prichsenstadt und Deutschland 1939 gelang. Ihre Mutter lief als Kind noch durch die Kirchgasse, wo in Haus Nummer Neun die Familie des Onkels Max Fleischmann lebte, fremd und pittoresk für die Amerikanerin. Sie war zehn, als der geliebte Großvater starb; viele Fragen konnte sie ihm nicht mehr stellen. Offen und freudig begann sie die Zeremonie, doch bei ihrer Rede kamen ihr die Tränen.

Das mochte an den Biografien der Ermordeten legen, die von Schülern der Nikolaus-Fey-Schule und des Gymnasiums Wiesentheid vorgelesen wurden. Wolf-Dieter Gutsch hat sie erarbeitet. Der ehemalige Lehrer nutzt seine Zeit als Pensionär, für den Verein Alt-Prichsenstadt e.V. die Geschichte der jüdischen Prichsenstädter zu rekonstruieren und den Kontakt zu noch lebenden Angehörigen in aller Welt herzustellen. Auch Werner Steinhausers Buch „Juden in und um Prichsenstadt“ leistet einen Beitrag zu diesem Anliegen.

Max und Frieda Fleischmann, ihre drei Töchter Hilde, Inge und Trude sowie Bertha Frank und ihr Mann Bernhard: Sie alle wohnten einst im Freihof. Ihr Leben und Leiden wurde an diesem Tag noch einmal lebendig – nicht nur wegen der Grausamkeiten, die sie erlitten, sondern auch wegen der menschlichen Details, die man über sie erfuhr. Reproduzierte Fotografien wurden vor ihren Häusern aufgestellt, Kerzen und Blumen abgelegt. Für die Franks, die im KZ Theresienstadt umkamen, wurde – mutmaßlich zum ersten Mal überhaupt – das Totengebet „Kaddish“ von allen Anwesenden gemeinsam gesprochen.

Danach gelang es den Rednern, die richtigen Worte zu finden. Der Bürgermeister Prichsenstadts, René Schlehr, der Vorsitzende des Vereins Alt-Prichsenstadts, Volker Mehlert und der Landrat Main-Spessarts a.D., Armin Grein, sie alle mahnten, dass das Erinnern nicht aufhören dürfe. Nur die Kenntnis der Vergangenheit führe in die Zukunft.

Marie-Louise Fürstin zu Castell-Castell, die das Engagement ihres Mannes für die Aussöhnung mit Israel bei dieser Gelegenheit in Ehren hielt, fügte in der ihr eigenen, verschmitzten Weise hinzu: „Ich bin aus ganz egoistischen Gründen hier.“ Denn das Erinnern entlaste und befreie. Und es stünde schon in der Bibel, dass gesegnet sei, wer Israel segne.

Bleibende Mahnung

Nicht alle Kultusgemeinden in Deutschland könnten sich mit den Stolpersteinen anfreunden. Manche fürchten, das Gedenken in Form von Straßensteinen könnte dazu führen, mit Füßen getreten zu werden. Oded Baumann von der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg versicherte, dass er einer würdigen, ehrenden Form des Gedenkens beigewohnt habe. Ähnlich dürfte es jeder der Anwesenden gespürt haben – von den Parteivertretern der Grünen, der FDP, der Freien Wähler und SPD über die Pfarrer von Prichsenstadt und Bimbach bis hin zu den Vertretern der Sponsoren von Volksbank, Sparkasse und Castell-Bank.

Das Quartett „Hemo SAX-BAR“ umrahmte die Zeremonie mit feierlich-melancholischen Stücken aus der jüdischen Liturgie, passend und stimmungsvoll. Und wie nach jeder Beerdigung gab es danach einen Leichenschmaus. Bei Kaffee und Kuchen im Café Römer fanden die Teilnehmer in den Alltag zurück. Erleichtert und gerüstet dafür, weiterzugehen. Helen Cweren beispielsweise zum Treffen mit einer wiederentdeckten Verwandten in München. Gunter Demnig zur nächsten Verlegung.

Die Stolpersteine in Prichsenstadt bleiben. Genau so wie ein Bücherschrank aus Eiche aus dem Hausrat der Familie Fleischmann. Er wurde seinerzeit für 220 Reichsmark vom damaligen Bürgermeister ersteigert und steht noch immer im Trausaal des Rathauses.

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