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KITZINGEN

Terrorgefahr: Wachsam, nicht ängstlich

Terror soll Unsicherheit erzeugen. Wie gehen Polizei und Veranstalter im Kreis Kitzingen damit um?
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Nur einen Tag nach den Anschlägen feiern die Gäste im Eventzentrum Strohofer unbeeindruckt. Von Angst keine Spur. Foto: Gaelle Strohmenger

Rund 800 Menschen drängen sich in die „Music-Hall“ in Geiselwind. Tanzen, feiern, „Headbangen“ bei der „Death Crusher Tour 2015“. Ein ganz normaler Abend also im Eventzentrum Strohofer? Wohl kaum: am Abend zuvor starben in der Pariser Konzerthalle „Bataclan“ 89 Menschen. Das hatte auch Auswirkungen auf Veranstalter und die Polizei im Landkreis Kitzingen.

„Natürlich war das etwas anders. Am Freitag die Anschläge, und am Samstag dann eine Veranstaltung bei uns“, sagt Ruth Strohofer, Geschäftsführerin des gleichnamigen Autohofes. Einige Techniker, die am Samstag Dienst hatten, kannten den bei den Anschlägen getöteten „Merchandiser“ Nick Alexander persönlich. „In der Branche kennt man sich untereinander, das ist ein enger Kreis“, erzählt die Geschäftsführerin.

Probleme habe es bei dem Konzert keine gegeben. „Eine französische Band wollte an dem Abend zusätzliche Security – das haben wir dann auch gemacht“, erzählt Moritz Strohofer. Die Gäste hätten hingegen keine Angst gehabt.

„Es gibt keinerlei Hinweise auf geplante Terrorakte.“
Harald Hoffmann Polizei Kitzingen

Bei der Veranstaltung am vergangenen Samstag zeigte sich dann ebenfalls: Die Besucher lassen sich nicht einschüchtern. „Wir hatten mit 600 Gästen gerechnet, es waren dann mehr als 900“, bestätigt Moritz Strohofer. Und auch bei den Christkindles Werkstätten in Rödelsee konnten die Veranstalter keine Probleme feststellen. „Trotz des schlechten Wetters am Freitag hatten wir sehr viele Besucher“, erklärt Helga König, eine der Organisatorinnen des Weihnachtsmarktes. Auch hier sei von Angst nichts zu spüren gewesen.

Für Angst gibt es laut Harald Hoffmann, Dienstellenleiter der Polizeiinspektion Kitzingen, auch keinen Grund. „Es gibt keinerlei konkrete Hinweise auf Gefahren durch terroristische Aktionen im Landkreis“, erklärt der Polizeibeamte.

Allerdings sei die „abstrakte Bedrohung“ weiterhin hoch, erklärt Michael Zimmer vom Polizeipräsidium Unterfranken. Das gilt schon seit Jahren, im Prinzip seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001.

Sowohl Zimmer als auch Hoffman rufen die Menschen dazu auf, verdächtige Beobachtungen der Polizei zu melden. Das könnten Personen, aber vor allem auch herrenlose Gegenstände wie Koffer sein. Hoffmann betont: „Wir wollen die Hemmschwelle in der Bevölkerung senken, sich bei uns zu melden. Falls jemand etwas Verdächtiges sieht, kann er einfach die 110 anrufen.“ Negative Konsequenzen, wenn sich der Verdacht als Irrtum herausstellt, hat das in keinem Fall.

So war es beispielsweise auch bei der vor einer Woche an einer Bushaltestelle in der Nähe der jüdischen Gemeinde in Würzburg aufgefunden Tasche, die einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst hatte – und sich dann glücklicherweise als Fehlalarm herausgestellt hatte.

Trotzdem: Hoffmann ist sich der Schwierigkeit dieser Aufforderung bewusst. „Da gibt es sicher ein Spannungsfeld“, sagt er. Einerseits ist es Aufgabe der Polizei, jegliche Bedrohung ernst zu nehmen und wachsam zu sein. Andererseits ist Angst aber völlig fehl am Platz. Sind die Menschen übersensibilisiert, drohen Unruhe und Zwietracht.

Hoffmann beschreibt den Mechanismus anhand von Schulkindern: „Wenn es einen Fall gab, indem ein fremder Mann ein Kind angesprochen hat, und Eltern dann ihre Kinder fragen: 'Wurdest du auch von einem Mann angesprochen?', sagen manche Kinder 'Ja', obwohl es gar nicht so war. Das ist die Kraft von Suggestivfragen.“

Auch wenn dies bei Erwachsenen noch einmal anders sei: Durch Suggestion könnte Angst erzeugt werden. Dann könnten die Menschen schnell übervorsichtig oder gar paranoid werden – und damit über das Ziel hinaus schießen. Schließlich sei die Bevölkerung „nicht der verlängerte Arm des Gesetzes“, sagt Hoffman. Und Angst und Panik zu erzeugen, sei ja gerade das Ziel der Terroristen.

Die Polizei Unterfranken weist deshalb darauf hin, dass sie bei Veranstaltungen in den nächsten Wochen, vor allem bei Weihnachtsmärkten, ihre Streifen „lageangepasst verstärken“ wird. Harald Hoffmann stellt jedoch klar, dass die Präsenz bei solchen Veranstaltungen grundsätzlich erhöht ist. „Eine nochmalige Erhöhung aufgrund der letzten Ereignisse ist nicht nötig“, sagt der Beamte. Allerdings haben die Ereignisse, auch um das abgesagte Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft in Hannover am vergangenen Dienstag, noch einmal die Sinne geschärft.

Allgemein weisen alle Beteiligten daraufhin, dass die Sicherheitsbestimmungen schon jetzt sehr umfangreich sind. „Die Sicherheitskonzepte für Veranstaltungen sind eher ganze Bücher als einzelne DIN A4 Seiten“, erklärt Zimmer. „Da steht drin, wer wann und wie informiert werden muss, wie die Menschen benachrichtigt werden sollen, wie Evakuierungen abzulaufen haben und vieles mehr“, bestätigt auch Moritz Strohofer. Es werden Personen- und Taschenkontrollen am Eingang gemacht, die Mitarbeiter sollen verschärft auf liegengebliebene Gegenstände achten.

„Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“
Moritz Strohofer Eventzentrum Geiselwind

„Wir Veranstalter sind uns jederzeit unserer Verantwortung gegenüber den Menschen bewusst – und gehen deshalb auch immer mit Respekt an die Planung heran“, erklärt der junge Eventmananger. Die Zusammenarbeit unter den Veranstaltern, den Kommunen, der Polizei und anderen Rettungskräften ist gut – „außerordentlich gut sogar“, sagt Michael Zimmer.

Im Vordergrund stehen trotz der jüngsten Ereignisse aber weiterhin andere „Gefahrenlagen“: Brände, Schlägereien oder Unwetter. Egal wie unwahrscheinlich Unfälle und Gewalttaten seien, man müsse eben darauf vorbereitet sein, sagt Moritz Strohofer.

Veranstaltungen wie Konzerte und Weihnachtsmärkte sind freie, offene Treffpunkte – und sollen das auch bleiben. „Wir können doch beispielsweise nicht einfach die Weihnachtsmärkte absperren“, erklärt der Kitzinger Polizist Hoffmann. Und auch Moritz Strohofer betont: „Gerade bei Metall-Konzerten sind die Gäste sehr auf ihre Freiheit bedacht. Ich glaube nicht, dass die sich verängstigen lassen.“ Das habe man ja schon am Samstag nach den Anschlägen gesehen. Und so bleibt nur eins: Die Gefahr ernst nehmen, aber nicht überreagieren. Wachsam bleiben, aber nicht ängstlich zu sein.

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