KITZINGEN.

Spielen, Erinnern und Vergessen

Beim Theaterspielen verarbeiten viele Flüchtlinge ihre Vergangenheit – Zehn Nationalitäten stehen auf einer Bühne.
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Nichts sehen, nichts hören, nichts reden? Von wegen: Die Theatergruppe der KHG „Die Überlebenden“ tritt am Freitag in Kitzingen auf. Foto: Foto: KHG

Viele Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, lassen einen Teil ihres Herzens zurück. Familie, Freunde, Hab und Gut und viele andere Dinge, an denen das Herz hängt, bleiben dort. In Würzburg hat sich eine Gruppe von Flüchtlingen zum Ziel gesetzt, ihre Geschichte auf die Bühne zu bringen, um sie so für jedermann erlebbar zu machen. Am Freitag, 30. Juni, tritt die Asyl-Theatergruppe „Die Überlebenden“ in Kitzingen auf. Wir haben uns vorab mit Gina Jiménez, der Leiterin der Theatergruppe, unterhalten.

Frage: Wie kam es dazu, eine Theatergruppe aus Flüchtlingen zu bilden?

Gina Jiménez: Barbara Duss, eine Theaterpädagogin aus der Schweiz, ist auf die Idee gekommen. Sie wollte Flüchtlingen die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen auf die Bühne zu bringen und mit dem Publikum darüber ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam mit der Caritas hat sie bereits im Jahr 2009 das erste Stück kreiert – gemeinsam erarbeitet mit den Schauspielern.

Frage: Worum ging es dabei?

Jiménez: Das Stück trug den Titel „Aus dem Leben des Herrn Salim“ und handelte vom Alltag eines HIV-positiven Migranten. Zum Ensemble gehörten damals Geflüchtete unterschiedlicher Herkunftsländer und zwei Studentinnen, die zum Asyl-Arbeitskreis der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Würzburg gehörten. 2011 hat die Gruppe in Zusammenarbeit mit dem Mainfrankentheater das Stück „Traum vom Leben“ aufgeführt. Bei zahlreichen Aufführungen in und um Würzburg haben Besucher die Chance ergriffen, mehr vom Leben der Flüchtlinge zu erfahren und sie als Bereicherung unserer Gesellschaft zu erleben. In den Jahren darauf folgten weitere Theaterstücke – und Auftritte in Deutschlands.

Frage: Aus welchen Ländern kommen die Schauspieler – und wie klappt das mit der Verständigung untereinander?

Jiménez: Wir kommen aus zehn verschieden Ländern: Iran, Irak, Afghanistan, Gambia, Deutschland, Peru, Costa Rica, Rumänien, Ukraine und Syrien. Das Arbeiten in der Theatergruppe schafft ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jeder Einzelne macht die Erfahrung, dass die Gruppe für ihn da ist. Es ist ein wichtiger Ort der Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Identitäten, Träumen, Traumata und Problemen. In dieser Atmosphäre wächst das Vertrauen, hier spricht man auch mal über traumatische Erlebnisse und tritt durch das Theaterspiel in einen Verarbeitungsprozess eigener Probleme und Sorgen ein. Ganz nebenbei hilft das gemeinsame Spielen beim Erlernen der deutschen Sprache.

Frage: Das heißt, die Proben sind viel mehr als das Einstudieren des Stücks?

Jiménez: Auf jeden Fall. Während der Pause reden wir viel über andere alltägliche Dinge, wie Wohnungssuche oder andere Angelegenheiten, die den Geflüchteten am Herzen liegen. Die Kommunikation untereinander spielt eine große Rolle.

Frage: Und in welcher Sprache findet die statt?

Jiménez: Die meisten unserer Mitglieder sprechen Deutsch, aber während der Probe wird es auch auf Englisch oder Farsi übersetzt. Die beste Kommunikation ist und bleibt jedoch Körpersprache und Humor.

Frage: Wer übt die Stücke ein?

Jiménez: Wir haben unser Training in zwei Teile gesplittet: Den Tanz-Part übernimmt eine Tanzlehrerin aus Costa Rica: Lobo Calderón. Um den zweiten Schwerpunkt, das Theaterspielen, kümmere ich mich.

Von welchen Themen handeln die Stücke?

Jiménez: Es geht um konkrete Erfahrungen und Probleme bei der Flucht sowie bei der Ankunft in Deutschland. Die Flüchtlinge haben eigene Erlebnisse geschildert und diese in Szenen umgewandelt. Das hat ihnen gleichzeitig bei der Verarbeitung des Erlebten geholfen.

Frage: Und in welcher Sprache kommen sie auf die Bühne?

Jiménez: Weil wir wollen, dass das Theaterspiel Spiel und Spaß bleibt, können sich unsere Schauspieler auch in ihrer Muttersprache äußern. Es wird also auch mal Farsi auf der Bühne gesprochen.

Frage: Welches Feedback erhofft sich die Theatergruppe von den Zuschauern?

Jiménez: Unser bestes Feedback ist es, wenn das Publikum sich von sensibilisiert fühlt und Empathie mit den Schauspielern spürt. In den anschließenden Diskussionsrunden mit den Zuschauern finden sehr bewegende und wichtige Gespräche statt – oft geht es dabei auch darum, wie man Asylarbeit weiter verbessern kann. Wir freuen uns immer, wenn wir nach Auftritten Anfragen für weitere Termine bekommen.

Flüchtlinge spielen Theater

Wann? Der Freundeskreis Flüchtlinge in Kitzingen lädt am Freitag, 30. Juni, um 20 Uhr in die Alte Synagoge ein. Zu Gast ist die Asyl-Theatergruppe „Die Überlebenden“ der KHG Würzburg mit ihrem Stück „Heimatlos“. Der Eintritt ist frei. Nach dem Stück besteht die Möglichkeit, bei Snacks und Getränken mit den Schauspielern ins Gespräch zu kommen.

Was? „Heimatlos“ ist ein Stück von Geflüchteten über ihre Flucht, die Ankunft in Deutschland, das Leben in der Gemeinschaftsunterkunft, die Schwierigkeiten mit den Behörden und über ihre permanente Angst, wieder abgeschoben zu werden.

Wer? Die Theatergruppe „Die Überlebenden“ trifft sich einmal in der Woche. Studierende und Flüchtlinge üben verschiedenste Theatertechniken ein und entwickeln im Laufe der Zeit einzelne Szenen, die dann zu einem Stück zusammengestellt werden.

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