KITZINGEN

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft

Vom Puffmobil erzählt er nicht immer. Auch das Kitzinger Dreiländer-Eck ist nicht bei jeder Stadtführung Thema. Genauso wenig wie die Trennung von weißen und schwarzen Toiletten. Dieter Heine passt sich den Gästen an. Je nachdem, ob diese eher an den Menschen oder an den Bauwerken Kitzingens interessiert sind, eher an der Geschichte der Stadt oder an den Geschichten drumherum.
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Dieter und der Turm: Wenn Stadtführer Dieter Heine den Gästen die Besonderheiten Kitzingens erklärt, dürfen die Geschichten vom Falterturm und seiner schiefen Haube nicht fehlen. Foto: Fotos: Diana Fuchs
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Vom Puffmobil erzählt er nicht immer. Auch das Kitzinger Dreiländer-Eck ist nicht bei jeder Stadtführung Thema. Genauso wenig wie die Trennung von weißen und schwarzen Toiletten. Dieter Heine passt sich den Gästen an. Je nachdem, ob diese eher an den Menschen oder an den Bauwerken Kitzingens interessiert sind, eher an der Geschichte der Stadt oder an den Geschichten drumherum.

„Über Kitzingen gibt es in jeder Hinsicht viel zu erzählen“, findet Dieter Heine – obwohl er gar kein waschechter Kitzinger ist. Er ist gebürtiger Kleinlangheimer und zog als Kind mit seiner Familie nach Albertshofen. „Ich bin aber quasi halb in Kitzi aufgewachsen, hab' im heutigen Stadtmuseum die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gemacht und war später Lehrling in der VR-Bank. Die heißen Zeiten hab' ich hautnah miterlebt.“

Man glaubt ihm das aufs Wort, sobald man ein Weilchen mit ihm in der Stadt unterwegs war. Er kennt nicht nur die Häuser und Straßen, sondern auch die Menschen. „Servus Dieter!“, tönt es von allen Seiten. Oft sind es alte Bekannte, die der Stadtführer zufällig bei einer seiner Touren trifft. Peter Schweser zum Beispiel.

Im Untergeschoss von Schwesers Elternhaus in der Rosenstraße war die „Florida Bar“. Ganz in der Nähe gab es das Gin-House und die Frankenklause. „Da, im so genannten Dreiländer-Eck, hat das Nachtleben in den 60er Jahren getobt“, erzählt Schweser. „Vor allem, wenn Pay-Day, also Zahltag, war, haben die Amis es krachen lassen.“

Und nicht nur dann. Seine Großmutter Maria Körner hat eine alte Bahlsen-Dose gehabt, berichtet Schweser. In diesem Kästchen bewahrte sie Uhren, Ringe und andere Pfandgegenstände auf, die feierfreudige GIs hinterlegten, wenn sie nicht mehr bar zahlen konnten.

Rassentrennung war damals noch ein großes Thema. „In den Kasernen gab es Toiletten für die Weißen und welche für die Schwarzen“, berichtet Dieter Heine. Auch die Kitzinger Straßenzüge und Kneipen seien zunächst aufgeteilt gewesen, fügt Schweser an: „Die Rosenstraße war eine Farbigenstraße. Und die Military Police, die Militärpolizei, war nicht zimperlich. Es gibt kein schrecklicheres Geräusch als einen Gummiknüppel, der auf einen Kopf trifft.“

Aber Peter Schweser hat auch schöne Erinnerungen: „Weißt Du noch, die dicken Steaks und Bratkartoffeln, die es beim Bambino in der Reichssiedlung gegeben hat – immer mit 'nem Gewürzkümmerle dazu?“

Dieter Heine nickt und leckt sich grinsend über die Lippen. Doch dann wird er ernst: In Sachen Gastronomie müsse Kitzingen heute eine Schippe drauflegen, findet er. Natürlich könne es keine 100 Bars und Lokalitäten mehr geben, wie zu Hoch-Zeiten in den 60er und 70er Jahren, als Kitzingen quasi „Klein Las Vegas“ war. „Gerade am Main wäre ein Biergarten aber mehr als sinnvoll, schon allein für die vielen Radfahrer. Und überhaupt ist die Gastronomie im Stadtzentrum ausbaufähig. An manchen Tagen weiß man gar nicht, wohin man die Gäste zum Mittagessen schicken soll.“

Seit Heine zu Jahresanfang seinen Job als Bereichsleiter in der Bank gegen das Rentnerleben getauscht hat, ist der 63-Jährige fast täglich in Kitzingen unterwegs. „Ich hatte immer Kundenkontakt. Heute unterhalte ich mich halt so mit den Leuten.“

Um ihnen vom Falterturm bis zur Kreuzkapelle alle Sehenswürdigkeiten fachmännisch zeigen und erklären zu können, nahm er 2011 am Gäste- und Stadtführer-Lehrgang teil. Dabei lernte er unter anderem im Detail all die Gebäude kennen, die er als Jugendlicher in ganz anderem Licht gesehen hatte. „Das Kolosseum zum Beispiel. Da wollte ich mit 15 unbedingt rein – zu einer der Beat-Partys, die immer sonntags stattfanden. Natürlich wurde ich von der Polizei kontrolliert. Und weil der Eintritt erst mit 16 erlaubt war, gab es einen Brief vom Landratsamt an meine Erziehungsberechtigten.“

Die lustigen alten Geschichten halten Heine jedoch nicht davon ab, die aktuellen Schönheiten der Stadt zu sehen. „Das ehemalige Gartenschaugelände ist einfach genial. Da pulsiert das Leben.“ Es gebe nichts Schöneres, als sich mit einer Flasche Wein und einer guten Brotzeit auf den Stadtbalkon zu setzen und das Panorama zu genießen.

„Das schätzen auch die Gäste“, betont er. Und was noch? „Viele loben die Tatsache, dass alle Sehenswürdigkeiten und Geschäfte vergleichsweise nahe beieinander liegen.“ Kitzingen habe also durchaus eine attraktive Größe – „auch wenn das viele Einheimische nicht immer so sehen“.

Stadtführungen

Wochenende: Wer die Geheimnisse der Stadt Kitzingen mit einem professionellen Gästeführer erkunden möchte, kann dies jeden Samstag und Sonntag zwischen Mai und Oktober tun, Treffpunkt ist um 11 Uhr an der Tourist-Info (Alte Mainbrücke); die Führung kostet pro Person 2,50 Euro. Für größere Gruppen empfiehlt sich eine Anmeldung bei der TI, Tel. (0 93 21) 92 00 19, die fast alle Wunschtermine möglich macht. Gruppe (25 Personen): 60 Euro.

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