Revolutionäre stellt man sich ganz anders vor. Diese beiden Frauen erfüllen keinesfalls das Klischee. Aber: Sie haben etwas Revolutionäres geleistet. Sie waren Pioniere und Trendsetter im fränkischen Weinbau. Ohne es zu wollen. Gestern erhielten sie den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Vor 50 Jahren hat Schwester Christa an alles mögliche gedacht, aber sicher nicht an einen Verdienstorden. 33 Jahre alt war sie damals und bewirtschaftete in Eigenregie die rund zwei Hektar große Weinbergsfläche an der Vogelsburg. Der Besitz ist im gleichen Jahr als Erbe an die Gemeinschaft der Augustinusschwestern übergegangen. Eine Mitschwester kümmerte sich um die Gaststätte, Schwester Christa um die Weinberge. Sie spritzte Herbizide und sie spritzte Insektizide. Wie das früher halt üblich war. Schwester Christa wurde krank. „Teile der Brühe sind in meine Gummistiefel gelaufen“, erinnert sie sich. Über die Fußsohlen hat sich das Gift in ihrem Körper verbreitet. „Wochenlang war mir schlecht“, erzählt sie. Danach traf sie eine Entscheidung. Schluss mit den Unkrautvernichtungsmitteln. Revolutionär für die 60er Jahre. Heute weit verbreitet.

„Aber damals, in den 70er Jahren, haben wir Pionierarbeit geleistet.“
Schwester Hedwig

Damals musste Schwester Christa einiges aushalten. Als „Peronospora-Christa“ ist sie verulkt worden, die umliegenden Winzer konnten mit den naturnahen Anbaumethoden der Schwester nichts anfangen. Manche fühlten sich in ihrer Berufsehre angegriffen. „Dabei wollte ich die anderen Winzer gar nicht in Frage stellen“, versichert sie. Die dürften manche Methode auf der Vogelsburg zumindest als fragwürdig empfunden haben.

Schwester Christa ist beispielsweise belächelt worden, weil sie Vögel fütterte. „Die haben dann aber viele Schädlinge weggefressen.“ Als sie Rosenstöcke an den Zeilenenden pflanzte, schüttelten die Winzer die Köpfe. „Dabei zeigen die Rosen schnell einen Befall von Peronospora an“, sagt sie. Sie warnen frühzeitig, dass der Pilz auch die Reben befallen könnte. Heute gehören Rosenstöcke längst zum Bild der fränkischen Weinlagen. Nicht nur aus optischen Gründen.

1973 kam Schwester Hedwig auf die Vogelsburg. Seit 2003 ist sie Priorin der Gemeinschaft. 1982 legte sie ihre Meisterprüfung als Winzerin ab. Auch sie wurde kritisch beäugt. Eine Frau in einer Männerdomäne, noch dazu eine Schwester. Eine Frau, die andere Wege ging. Begrünung zwischen den Zeilen, Verzicht auf maschinelle Bearbeitung, eine Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur. Heute beinahe eine Selbstverständlichkeit. Der Anteil der Ökowinzer im fränkischen Weinbau steigt seit Jahren. Der Bund Fränkischer Ökowinzer und Weingüter bewirtschaftet mittlerweile 172 Hektar der rund 6000 Hektar Weinfläche in Franken. Jedes Jahr lädt der Verein im August auf die Vogelsburg zur Verkostung ein. „Aber damals, in den 70er Jahren, haben wir Pionierarbeit geleistet“, sagt sie. „Ohne es zu wollen.“

Die Nitratbelastung des Bodens, immer wieder Erosionen, nicht nur in Steillagen. In den 80er Jahren merkten viele Winzer, dass die Methoden der Vergangenheit ihre Spuren hinterlassen haben. „Sukzessive wurde ein so genanntes Begrünungsmanagement eingeführt“, erinnert sich Schwester Hedwig und muss lächeln. Solche Fachausdrücke hat sie für ihre Arbeit nicht gebraucht. Dass totes Rebholz und Begrünung in den Zeilen gut für die Nährstoffe ist, war ihr aus der Praxis längst bewusst. Und dass der Einsatz von großen Maschinen den Boden belastet, ebenso.

Gestern händigten Staatssekretär Gerhard Eck und Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer die Ordensinsignien in der Residenz aus. „Es freut mich für Schwester Christa, weil sie immer zu kurz gekommen ist“, sagt Schwester Hedwig. „Sie war die Initiatorin und sie hat am Anfang die meiste Prügel abbekommen.“

Aus „verbalen Prügeln“ ist längst Anerkennung geworden. „Die Pionierleistungen der Schwestern haben mit dazu beigetragen, dass die Wichtigkeit nachhaltigen Wirtschaftens in den fränkischen Weinbergen erkannt wurde und Berücksichtigung findet“, heißt es in der Laudatio. Oder wie es Schwester Hedwig sagt: „Wir haben ein Kapitel in der Geschichte der Vogelsburg geschrieben. Und für den Fränkischen Weinbau einiges getan.“