KITZINGEN

Rassismus beginnt im Kleinen - und endet auch da

Die Arbeiterwohlfahrt organisiert einen Tag gegen Fremdenfeindlichkeit. Viele unterschiedliche Menschen kommen ins Gespräch.
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Bunte Vielfalt am Wilhelm-Hoegner-Haus – sowohl in der Luft als auch am Boden. Foto: Fotos: Robert Wagner
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Ein Ballon ist zu früh gestartet. Jetzt schwebt er unter einem Balkon des Wilhelm-Hoegner-Hauses, die Schnur fast drei Meter in der Luft. Darunter steht eine Gruppe Jugendlicher. „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ werden sie genannt, „umFs“. Ein unpersönlicher Sammelbegriff für eine Vielzahl individueller Menschen und Schicksale. Einer der Jungs holt einen Stuhl, stellt sich darauf, springt hoch. Er ist zu klein. Ein älterer Herr um die 60 nähert sich, stellt sich selbst auf den Stuhl und hüpft. Er ist groß genug.

Es sind Szenen wie diese, die sich die Organisatoren der AWO gewünscht haben für ihre Veranstaltung gegen Rassismus. „Eigentlich ist das Motto ja verkehrt“, sagt Gerald Möhrlein, Vorsitzender des Kreisverbandes. „Es müsste 'für mehr Vielfalt' heißen.“ Denn es geht um Begegnungen zwischen ganz unterschiedlichen Menschen.

Das bestätigt auch Sybille Schmitz-Rügamer. „Rassismus gibt es überall“, sagt die Leiterin des Wilhelm-Hoegner-Hauses. Das Einzige, das wirklich gegen die alltäglichen Vorurteile hilft, sind echte, lebendige Kontakte und Bekanntschaften, erklärt sie. Deshalb hat sich die Arbeiterwohlfahrt in Kitzingen zum bundesweiten Aktionstag gegen Rassismus etwas Besonderes einfallen lassen.

Bereits am Freitag trafen sich jugendliche Flüchtlinge zum gemeinsamen Kochen. Kheer, ein süßer Milchreis, und Bolani, vegetarische Teigtaschen aus Afghanistan, standen auf dem Kochplan. Dazu deutsche Rindswürste. „Am Anfang waren die Jugendlichen noch etwas zurückhaltend“, erzählt Schmitz-Rügamer. Doch mit der Zeit wurde die Stimmung lockerer. „Die Küchenchefin war ganz begeistert – einen der Jungen wollte sie gleich anstellen.“

Am Montag sollte dann in großer Runde gemeinsam gegessen werden. Davor ließen die Anwesenden noch unzählige bunte Ballons fliegen. Während sie auf den Start warteten, diskutierten einige. Es gab auch kritische Stimmen. Ein älterer Herr äußerte laut Vorbehalte gegen die Flüchtlingspolitik.

Schmitz-Rügamer erzählt von ihren Erfahrungen. Von einer älteren Dame, die gerne rassistische Kommentare loslasse – und doch ist ihre engste Vertraute eine dunkelhäutige Mitarbeiterin. Gerald Möhrlein erklärt das Phänomen: Viele Menschen, die die AWO in Alten- und Pflegeheimen betreut, seien noch in der Kriegszeit aufgewachsen. Viele hätten Fluchterfahrungen gemacht. „Manche von ihnen haben das Gefühl, den Flüchtlingen heute wird mehr geholfen als ihnen damals“, sagt der Kreisvorsitzende und wirbt für ein „positives Entgegentreten“.

Was er damit meint, erklärt Schmitz-Rügamer: Einen Mann, der sich abfällig gegenüber den Flüchtlingen geäußert hatte, habe sie nicht zurechtgewiesen. Sie habe versucht, Verständnis zu wecken. „Ich habe ihm gesagt, dass er damals ja selbst flüchten musste. Wer, wenn nicht er, könne also das Schicksal der jungen Flüchtlinge verstehen?“

Die Menschen, die dann die bunten Ballons starten lassen, sind mindestens genauso unterschiedlich, wie die luftgefüllten Flugobjekte. Alte Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator, junge Flüchtlinge, Menschen mit allen möglichen psychischen Erkrankungen und Problemen. Dazu die Mitarbeiter und ein paar Besucher. Beim gemeinsamen Essen sitzen sie alle bunt gemischt. Die Stühle werden knapp. Eine ältere Frau bietet einem jungen Afghanen an, sich doch auf ihren Rollator zu setzen. Dann lässt sie sich von einem anderen Jungen erklären, was es denn mit diesen „Bolani“ auf sich hat.

„Wir können nicht die Welt retten“, sagt Schmitz-Rügamer. Statt der großen Symbolpolitik sind es ihrer Meinung nach die kleinen, gemeinsamen Aktionen, die wichtig sind, um Vorurteile abzubauen und Rassismus im Keim zu ersticken. Es scheint sich zu lohnen: Beim Blick in die Essensrunde fällt ein älterer Herr auf. Es ist derselbe, der sich vorher noch abfällig gegen Flüchtlinge geäußert hat. Nun sitzt er mitten unter ihnen.

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