KITZINGEN

Nur exzessiv oder schon süchtig?

Internetnutzung der Kinder verunsichert viele Eltern. Da ist Kommunikation gefragt
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KINA - Das Smartphone im Unterricht
Die Nutzung von Handy und Computer gehört zum Alltag. Viele Eltern aber machen sich Sorgen, dass ihre Kinder zu viel Zeit mit diesen Medien verbringen. Foto: Foto: Nicolas Armer/dpa

Eltern horchen bei diesen Zahlen alarmiert auf: Durchschnittlich 22 Stunden pro Woche sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen zwölf und 25 Jahren online. Sie chatten, surfen oder gamen. Worte, die es noch nicht gab, als die Eltern dieser Kinder selbst jung waren, weil es ganz einfach die Möglichkeiten noch nicht gab. Entsprechend groß ist die Verunsicherung. Wieviel Zeit darf man erlauben, wo fängt die Sucht an?

Seit einigen Jahren spielt das Thema Internet Anfang Februar in den Schulen eine besondere Rolle. Am 7. Februar ist „Safer Internet Day“, der sich mit den Gefahren auseinandersetzt, die dieses Medium für die Nutzer mit sich bringt. Rund um diesen Termin gibt es in vielen Schulen Workshops für die Kinder oder Elternabende, die sich mit verschiedensten Themen befassen.

In diesem Jahr haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Drogenbeauftragte der Bundesregierung anlässlich des Safer Internet Days besonders auf Probleme übermäßiger Internetnutzung hingewiesen. Sie zitieren neue Studien, wonach es deutlich mehr computerspiel- und internebezogene Störungen bei Jugendlichen gibt als 2011. „Aktuell sind 7,1 Prozent der zwölf- bis 17-jährigen Mädchen und 4,5 Prozent der gleichaltrigen Jungen betroffen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, spricht von etwa 270 000 Jugendlichen, die von Internetanwendungen abhängig seien.

Wie schwierig es ist, die Grenze zwischen exzessiver Nutzung und Sucht zu ziehen, machen Gespräche mit Fachleuten deutlich. „Der Trend zeigt, dass seit einigen Jahren auch Medienabhängige zu uns kommen“, sagt Ewald Burkard von der psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme der Caritas Kitzingen. Allerdings sind es eher Eltern, die sich melden. „Jugendliche sehen die Mediennutzung nicht als Problem.“ Eltern dagegen stünden der langen Nutzung von Medien – Jungs spielen meist PC-Spiele, Mädchen surfen im Internet oder chatten in sozialen Netzwerken – ohnmächtig gegenüber, so Burkard. Doch um das Problem einordnen zu können, um zu erkunden, ob es sich um ein Risikoverhalten handelt oder schon um ein Suchtproblem, muss die Situation erst einmal analysiert, der Hintergrund einbezogen werden.

Betroffene blocken ab

Wie lange sitzt Sohn oder Tochter wirklich an Computer und Handy? Seit wann existiert das Problem schon? Warum taucht der Jugendliche in die virtuelle Welt ab? Wie sieht es mit ihrem Selbstbild aus, wie mit dem sozialen Umfeld? Gibt es noch Hobbys und Freunde? Manchmal gehe es da eher um den Erziehungsbereich und um die persönlichen Beziehungen zuhause. „Man muss nicht gleich auf den Suchtzug aufspringen“, sagt Ewald Burkard.

Treten aber wirklich soziale Störungen auf, wird womöglich die Schule geschmissen oder die Ausbildung abgebrochen, sind tatsächlich Konsequenzen gefragt. Was nicht leicht ist, denn die Mehrzahl der Betroffenen blocke total ab, ist kaum noch erreichbar, so die Erfahrung des Suchtberaters. Allerdings hat er schon erlebt, dass junge Leute zwar erst eine Beratung verweigern, die ihre Eltern anstoßen, aber dann nach ein, zwei Jahren selbst zur Beratungsstelle kommen.

Mit der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen befasst sich auch Lambert Zumbrägel. Er ist Medienpädagoge beim Bezirksjugendring, zeigt den in der Jugendarbeit Tätigen, wie sie das Web nutzen können. „Das Internet ist nicht nur schlecht“, sagt er. Mit seiner Arbeit ist aber auch die Prävention verbunden. Die Zunahme der internetbezogenen Störungen bei Jugendlichen liege unter anderem schon daran, dass es deutlich mehr Geräte gibt als 2011, meint der Medienpädagoge. „Heutzutage hat jeder ein Handy.“

„Die exzessive Nutzung ist kein Kriterium für Sucht“, sagt auch Lambert Zumbrägel. Anzeichen für eine Sucht gebe es dann, wenn sich die Lebensgewohnheiten ändern, wenn Dinge vernachlässigt werden oder wenn jemand einfach nicht ohne Handy oder Computer leben kann. „Es geht darum, ob das Leben des Jugendlichen noch im Gleichgewicht ist.“ Die Gefahr, süchtig zu werden, sei größer, wenn online gespielt wird. Wer gegen den Computer spielt, sei nicht so suchtgefährdet wie derjenige, der im Netz gegen andere Menschen spiele. „Wir Menschen agieren da ganz anders.“

Computer zu spielen oder am Handy zu sitzen sei bis zu einem gewissen Grad normal. Normal sei aber auch, dass Eltern sich Sorgen machen. Dazu seien sie berechtigt und auch verpflichtet, Eltern seien schließlich die Sorgeberechtigten. Es reiche aber nicht, nur zu sagen: „Muss das schon wieder sein?“ Eltern müssten ihre Sorgen formulieren und sagen, warum sie das Tun der Kinder nicht gutheißen.

Eltern seien vor allem verunsichert, weil sie sich in der digitalen Welt nicht auskennen, nicht damit umgehen können, was alles auf sie und die Kinder einprasselt. „Sie wissen nicht, ob das richtig oder falsch ist.“ Eine mögliche Gefahr alleine sei kein Kriterium. So hätten sich beispielsweise die Gefahren im Straßenverkehr nicht geändert, die Eltern kennen sie und setzen die Kinder diesen doch täglich aus.

Eltern müssen Sorgen formulieren

Auch wenn Erwachsene die digitale Welt nicht kennen, dürften sie nie sagen: „Ich kenn mich da nicht aus“, so Zumbrägel, und auch nicht mit vorgefertigten Urteilen kommen. „Sie müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen.“ Nur dann können sie die Situation beurteilen, können in einen konstruktiven Dialog mit ihren Kindern treten, können argumentieren.

Haben die Eltern ihre Sorgen formuliert, ist es an den Kindern, sich ihrerseits zu erklären: Was ist Dir das Spielen oder Surfen wert, dass Du damit so viel Zeit verbringst? Was fasziniert am Spielen oder an den Sozialen Medien so sehr? So lauten die Fragen, die Kinder und Jugendliche ihren Eltern beantworten können müssen. Sie müssen die Sorgen ihrer Eltern entkräften – indem sie beispielsweise freiwillig zeigen, dass es auch ohne die Mediennutzung geht.

Bleibe nach den Gesprächen die Sorge erhalten, das Kind könnte online-süchtig sein, seien Konsequenzen von Seiten der Eltern gefragt. Man könne zum Beispiel schauen, wie das Kind reagiert, wenn es drei Tage kein Handy nutzen darf. „Die meisten exzessiven Phasen gehen wieder vorbei“, beruhigt Lambert Zumbrägel. „Irgendwann vergeht der Spaß am Spiel.“

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