SCHWARZACH

Milch - lokal und doch global

Wenn der Ölpreis fällt, dann wackelt in Neuseeland die Börse - und in Deutschland sinkt der Milchpreis. Von idyllischen Vorstellungen ist wenig geblieben. Heute ist der Markt international. Dazu auch ein Kommentar von Robert Wagner.
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Milchwirtschaft
Und so sieht heute die Wirklichkeit in den großen Betrieben aus. Technisierung steigert die Wettbewerbsfähigkeit. Foto: Foto: Carmen Jaspersen/dpa
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Wenn der Ölpreis fällt, dann wackelt in Neuseeland die Börse – und in Deutschland sinkt der Milchpreis. So ungefähr lässt sich die Situation von deutschen Milcherzeugern beschreiben. Landwirte stehen in internationaler Konkurrenz, der Markt ist schnelllebig und sprunghaft.

„Der Verbraucher weiß gar nicht, was hinter den Kulissen alles passiert“, sagt Lothar Ehehalt, seit einem Jahr Vorsitzender des Milcherzeugerrings Unterfranken. „Es interessiert eigentlich auch keinen. Man hat lieber diese heile Welt von früher vor Augen, mit Kühen auf der Wiese.“

In Wirklichkeit seien Landwirte heute gleichzeitig Agraringenieure, Techniker, Manager und Ökonomen. Auch kompliziertere Finanzinstrumente wie Derivate – bekannt durch ihre zentrale Rolle bei der Finanzkrise 2008 – sollten sie beherrschen. „Oft ist heute schon lange vor ihrer Produktion ein Drittel der Produkte verkauft“, erklärt Ehehalt.

„Der Verbraucher weiß gar nicht, was hinter den Kulissen alles passiert.“
Lothar Ehehalt Milcherzeugerring Unterfranken

Als Milchwirt hat Ehehalt gelernt, den internationalen Markt genau zu beobachten – und das weit über die engen Grenzen der Landwirtschaft hinaus. Auch politische Entscheidungen sind wichtig. Das Ende der Ein-Kind-Politik in China im vergangenen Oktober – ein Glückstag für die Milcherzeuger? „Da entsteht mittelfristig eine große Nachfrage nach Milchprodukten“, sagt der Landwirt. Und das ist sehr wichtig: Schon jetzt ist China laut Deutschem Bauernverband weltweit größter Abnehmer von Milchpulver – und das mit Abstand.

Mit Bestürzung und Sorge hat Ehehalt hingegen auf den Börsencrash in China vor wenigen Tagen reagiert. Viele Kleinanleger hätten so viel Geld verloren. „Geld, das fürs Leben fehlt.“ Hinzu kommt, dass der Ölpreis niedrig ist. Was das mit Milch zu tun hat? „Die Erdöl produzierenden Länder müssen viele Lebensmittel importieren.“ Dazu fehlt dann Geld. Dazu das Importembargo Russlands und ungünstige Wechselkurse. „So einen Druck auf die Märkte habe ich seit mindestens 20 Jahren nicht erlebt“, sagt Ehehalt kopfschüttelnd.

Bei knapp 30 Cent pro Kilogramm steht der Milchpreis momentan. Seit seiner Hochphase vor zwei Jahren ist er um über zehn Cent gefallen. Dass die weltweiten Entwicklungen den Preis derart beeinflussen, ist auf den ersten Blick kaum verständlich. „Der Großteil der Milch bleibt im deutschen Markt“, erklärt Ehehalt. Der Export gehe zumeist in die europäischen Nachbarländer. „Nur ein ganz kleiner Teil geht wirklich auf den Weltmarkt – doch der Teil bestimmt den Preis.“

Die internationalen Preise werden an der neuseeländischen Börse entschieden. „Da schaut man als Milcherzeuger hin, da werden die Preise gemacht“, sagt der Landwirt. Alle Abnehmer würden sich an den dortigen Preisen orientieren. Auch die großen Lebensmittelketten in Deutschland, die den Markt beherrschen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Als Milchbauer stehe man am Ende einer langen Kette. Das Motto lautet: Friss oder stirb. „Viele Produkte kann ich lagern – Milch aber nicht“, beschreibt Ehehalt. „Bevor man die Milch verderben lässt, verkauft man sie lieber für wenig Geld.“

Und es ist wirklich wenig Geld. Die Preise bei deutschen Lebensmittelhändlern sind teilweise absurd. Da kostet Käse mehr als Fleisch. „Und Mineralwasser teilweise mehr als Milch“, sagt Ehehalt kopfschüttelnd. Dabei sind laut Forschern der TU Berlin zwischen 100 und 400 Liter Wasser nötig, um einen Liter Milch zu produzieren.

Für den Einzelnen kann der niedrige Preis schlimme Auswirkungen haben. „Wenn du morgens aufstehst und weißt, du arbeitest zehn bis zwölf Stunden und hast abends nichts verdient – das ist schon frustrierend.“ Das Ergebnis: Viele hören auf. Im Landkreis waren es im letzten Jahr alleine zehn Milchbauern. Das sind knapp acht Prozent aller Betriebe. In ganz Bayern haben laut Milcherzeugerring 2015 knapp 700 aufgehört. So viele Betriebe, wie es in Unterfranken insgesamt gibt.

Zwischen Stabilität und Dynamik

Eines der Hauptprobleme der Milchbauern ist in einem allgemeinen Widerspruch zu suchen. Auf der einen Seite ist da der schnelllebige, dynamische und globale Markt. Auf der anderen Seite die auf viele Jahre ausgelegte, lokale Landwirtschaft. „Ich kann nicht einfach das Band anhalten, wenn die Preise niedrig sind. Wir müssen mit unseren Tieren arbeiten, sie füttern und melken“, erklärt Ehehalt. Stallanlagen und Geräte kosten schnell einmal über eine Million Euro.

Dafür brauche man über viele Jahre planbare Einnahmen. „Oder dich holt die Bank“, sagt Ehehalt. Frustration schwingt in seinen Worten mit: „Du bist wie in einem Hamsterrad, du drehst dich immer mit.“

„Oder dich

holt die Bank.“

Lothar Ehehalt Landwirt

Große Hoffnungen hat der Vorsitzende des unterfränkischen Milcherzeugerrings nicht. „Alles was im Moment passiert, nützt nur den Großbetrieben. Wenn ich sehe, wie die politischen und gesellschaftlichen Strömungen sind, dann wird sich der Konzentrationsprozess noch beschleunigen.“ Bald komme mit TTIP das nächste Problem auf die deutschen Landwirte zu. Konkurrieren müssten sie dann mit den USA, in denen die Beschränkung der Medikamentengabe, die Dokumentationspflicht und der Tierschutz weit weniger ausgeprägt seien. „Hier werden wieder einmal die Interessen der Landwirtschaft der Industrie geopfert“, sagt Ehehalt.

Auch ganz persönlich hat das für ihn Konsequenzen. Sein Sohn, gerade 26, arbeitet mit im Betrieb. „Kann ich ihm das überhaupt zumuten? Oder soll ich sagen: Mach's nicht?“, überlegt der Landwirt. Dann wäre der Milchmarkt in ein paar Jahren weiterhin global und schnelllebig – nur eben ohne die Ehehalts.

 



Immer weiter im Kreis

von unserem Redaktionsmitglied Robert Wagner

Bauern, so die landläufige Meinung, haben immer was zu meckern. Mal sind die Preise zu niedrig, mal die Auflagen zu hoch. Doch die Zahlen belegen: Ganz Unrecht haben sie wohl nicht. Zu viele Landwirte haben in den letzten Jahren aufgegeben, als dass man das auf einen „normalen“ Wandel zurückführen könnte.

Die Gründe für die Probleme sind so vielschichtig, dass jeder Betroffene die Verantwortung ohne schlechtes Gewissen weiterschieben kann: Die Lebensmittelhändler zahlen zu wenig? Ja, aber doch nur, weil sie im harten Konkurrenzkampf um Kunden auf jeden Cent achten müssen. Also sind die Kunden zu geizig?
Schon, aber doch nur, weil viele von ihnen aufgrund niedriger Löhne und Minijobs auch am Essen sparen müssen. Also ist es ein politisches Problem? Irgendwie auch, aber die für Sozialmaßnahmen nötigen Steuererhöhungen will keiner. Und bei politisch festgelegten Quoten und bürokratischen Richtlinien schreien nicht zu letzt wieder die Bauern selbst. Also ist es am Ende doch die eigene Schuld der Landwirte? Ja, aber – und schon beginnt der Kreislauf von Neuem.

So lange Schuldzuweisungen die Diskussion bestimmen, wird sich wenig ändern und schon gleich gar nichts verbessern. Nötig ist ein gesellschaftlicher Konsens: Was sind uns unsere Lebensmittel wert?

Aus dieser Überlegung müssen Regeln entstehen, die die Landwirte, die Tiere und die Verbraucher schützen – notfalls auch vor uns selbst.

 

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