KITZINGEN

Menschliche Versuchskaninchen

Das Päckchen sieht völlig harmlos aus. „Neutral verpackt“ schicken die Absender ihre Produkte los. Darin, in bunten Tütchen mit fantasievollen Namen, eine explosive Mischung: Sogenannte Legal Highs. Moderne Drogen in der Grauzone zwischen Legalität und Verbot.
Artikel drucken Artikel einbetten
Legal Highs
Sie sehen harmlos aus, sind aber hochgradig gefährlich: Legal Highs, oft auch Kräutermischungen genannt, können legal erworben werden. Doch die genaue Wirkung und gesundheitlichen Folgen der hoch dosierten chemischen Substanzen sind nicht absehbar, zumal sich die Zusammensetzung ständig ändert und für den Konsumenten nicht ersichtlich ist. Foto: Archiv-Foto: Frederik von Erichsen/dpa
+1 Bild
p>„Kräutermischungen kaufen“ – wer diese zwei Worte im Internet als Suchbegriff eingibt, bekommt in 0,3 Sekunden 58 000 Angebote. Uwe Kohler hat es ausprobiert. Er ist im Gesundheitsamt für die Gesundheitsförderung und Prävention zuständig. Da geht es auch um Drogen und Sucht – und damit um die Legal Highs.

Zahlen über den Konsum von Legal Highs in der Region gibt es nicht. „Aber es wäre ignorant zu sagen, hier wird nichts konsumiert“, stellt Kohler klar. Der Konsum der Kräutermischungen, Räucherstäbchen, Badezusätze oder Pilze ist allgemeiner Trend und macht vor keiner Schule Halt. Darauf deuten auch immer mehr Zwischenfälle hin, die mit den psychoaktiven Substanzen zu tun haben. Zum Beispiel in der Schule. Dass Schüler in der Pause verschwinden und mit roten Augen wiederkommen, manchmal gar nicht ansprechbar sind, wurde Kohler schon mitgeteilt. Lehrer wie Eltern stehen solchen Vorfällen, ja der ganzen Entwicklung relativ hilflos gegenüber.

Bei Workshops, die der 50-Jährige an Schulen hält und in denen er das Gespräch mit den Schülern sucht, hat so mancher Jugendliche schon über seine Erfahrungen berichtet. Was gut ist, findet Uwe Kohler, denn das Problem, das die Legal Highs mit sich bringen, lässt sich nicht durch abschreckende Erzählungen eines Erwachsenen ändern. Es geht ihm um einen Austausch und eine Diskussion. Darüber, die jungen Leute zum Nachdenken zu bringen – und bestenfalls dazu, die Finger davon zu lassen.

Wenn Jugendliche von schlimmen Erfahrungen berichten, kommt die Botschaft bei Altersgenossen viel eher an, so die Erfahrung Kohlers. Vom völligen Kontrollverlust über den eigenen Körper wird da erzählt, vom Kreislaufkollaps, dem die Clique völlig hilflos gegenüberstand. Davon, dass einer blutende Frösche vom Himmel hat regnen sehen. „Den Scheiß nehmen wir nicht mehr“, sei dann oft die erste Reaktion. „Und dann nehmen sie was anderes“, sagt Uwe Kohler.

„Es kann nicht intensiv genug über die

unkalkulierbaren

Gesundheitsgefahren

durch Legal Highs

aufgeklärt werden.“

Peter Häusinger Polizei-Pressesprecher

Das Problem: Der Konsument weiß gar nicht, was er da eigentlich raucht, schnüffelt oder schluckt. Mit Legal Highs wird versucht, die Wirkung verbotener Drogen chemisch nachzubilden. Trägerstoff sind meist Kräuter. „100 Prozent natürlich“, beschreiben die Hersteller und Händler deshalb ihre Produkte. Doch die Wirkung kommt nicht vom Trägerstoff, sondern von den darauf platzierten chemischen Substanzen. Deren Zusammensetzung bleibt unbekannt, über die Wirkung weiß der Konsument so gut wie nichts. Dass sie „chillig“ wirken, euphorisch machen, „eine Nacht auf den Fliesen“ bescheren oder eine „Reise durch den Kosmos“, wird beworben. Die Versprechungen sind ebenso vielfältig wie dubios. Ratschläge zur Einnahme fehlen oder bleiben schwammig. „Nur für erfahrene User“ oder „Wir haben Dich gewarnt“ steht da, manchmal die Anweisung, man solle lieber nur die Hälfte nehmen. Die Hälfte wovon, die Angabe fehlt allerdings. Dass auf manchen Tütchen gar der Aufdruck steht: „Nicht für den menschlichen Verzehr gedacht“, wird von den Konsumenten völlig ignoriert. Man weiß schließlich, dass das Zeug extra dafür hergestellt ist, dass man es zu sich nimmt.

Wie der Körper auf die Stoffe reagiert, bleibt die große Unbekannte, und er reagiert auch nicht immer gleich. Schon ein anderes Getränk vor oder nach dem Rauchen kann die Wirkung verändern. Mancher Stoff wirkt zeitlich versetzt, was die User aber nicht wissen. „Dann nehmen sie es womöglich gleich nochmal“, sagt Uwe Kohler. Klar ist: Der Konsum von Kräutermischungen bleibt nicht ohne Folgen. Immer öfter haben Rettungsdienste, Krankenhäuser und Ärzte mit den Folgen von Legal Highs zu tun. Aggressivität, Panik, Schock, Krampfzustände, Dehydrierung, Bewusstlosigkeit, Atem- oder Herzstillstand treten auf.

Doch nicht nur die Mediziner spüren die Folgen, auch die Polizei hat vermehrt mit Legal Highs zu tun. Nicht nur mit Autofahrern, die drogentypische Ausfallerscheinungen zeigen. Auch mit weit schwerwiegenderen Fällen: Im Januar hat ein Lkw-Fahrer auf der Rastanlage Würzburg eine Tanksäule umgefahren und ist dann mit seinem Fahrzeug in das Tankstellengebäude gekracht. Ebenfalls im Januar waren zwei Männer in Schweinfurt im Delirium und griffen die Rettungskräfte an, die ihnen helfen wollten. Ende Januar ließen mehrere Männer einen 21-Jährigen bewusstlos auf einer Parkbank in Kitzingen zurück. Der schlimmste Vorfall in diesem Jahr: In Rottendorf wurde ein 17-Jähriger tot in seiner Wohnung gefunden. Wie die Männer in den anderen Fällen, die Polizei-Pressesprecher Peter Häusinger exemplarisch nennt, hatte er zuvor Legal Highs konsumiert.

Häusinger bezeichnet schon die Bezeichnung „legal“ als irreführend. „Oftmals befinden sich auch Stoffe in den Mischungen, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, zum Beispiel Cannabinoide.“ Findet die Polizei solche Stoffe bei Personen, leitet sie grundsätzlich ein Verfahren nach dem Betäubungsmittelgesetz ein. Um festzustellen, ob der Besitzer sich strafbar gemacht hat, müssen aber erst die Inhaltsstoffe festgestellt werden.

Die überhaupt rauszufinden, ist schwierig. Weil immer weitere Stoffe unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, bringen die Hersteller oft neue Substanzen in die Kräutermischungen ein. Die Produktbezeichnung bleibt oft gleich, die Zusammensetzung wird geändert. Deshalb könne einem bestimmten Produkt kein Wirkstoff und keine Wirkstoffmenge zuverlässig zugeordnet werden, so Peter Häusinger. „Darin liegt auch die große Gefahr für die Konsumenten“, sie sei „unkalkulierbar“. Eine Ansicht, die Uwe Kohler teilt, nur mit anderen Worten ausdrückt: „Als User ist man ein Versuchskaninchen.“

Infos und Ansprechpartner

Aufklärung: Verschiedene Internet-Auftritte informieren über die Gefahren, die durch den Konsum sogenannter legaler Drogen entstehen. Informationen gibt es unter anderem bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (www.bzga.de) sowie unter www.mindzone.info. Mindzone ist eine Initiative junger Menschen, die bayernweit in Clubs an Infoständen auf die Folgen des Konsums legaler und illegaler Drogen aufmerksam machen. In Würzburg ist Mindzone seit August 2003 aktiv. Angesiedelt ist das Projekt bei der Psychosozialen Beratungsstelle des Caritasverbandes für den Landkreis Main-Spessart e.V. in Lohr. Die Aktionen finden im gesamten Großraum Würzburg statt. Informationen gibt es auch bei Uwe Kohler, er ist über das Gesundheitsamt im Landratsamt Kitzingen, Tel. (0 93 21) 92 80 erreichbar.

Kommentare (1)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren