LANDKREIS KITZINGEN

Lebensfroh trotz harter Diagnose

1985 ist Angelika Gahr das erste Mal mit dem Wort Multiple Sklerose (MS) konfrontiert worden. Seither hat sich ihr Leben verändert. Die Mainbernheimerin hat ihren Mann verloren, ihren Lebensmut nicht. Sie ist ein Gründungsmitglied der „Kontaktgruppe MS“ im Landkreis Kitzingen. Und deren Vorsitzende. „Ich will den Betroffenen helfen. Und deren Angehörigen.“
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(huGO-ID: 31768841) Multiple Sklerose, Kontaktgruppe Kitzingen, Angelika Gahr FOTO Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter
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1985 ist Angelika Gahr das erste Mal mit dem Wort Multiple Sklerose (MS) konfrontiert worden. Seither hat sich ihr Leben verändert. Die Mainbernheimerin hat ihren Mann verloren, ihren Lebensmut nicht. Sie ist ein Gründungsmitglied der „Kontaktgruppe MS“ im Landkreis Kitzingen. Und deren Vorsitzende. „Ich will den Betroffenen helfen. Und deren Angehörigen.“

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Weltweit sind davon rund 2,5 Millionen Menschen betroffen, in Deutschland erhalten zirka 2500 Menschen Jahr für Jahr die Diagnose. Der Krankheitsverlauf kann ganz unterschiedlich sein. Meistens beginnt MS schon im frühen Erwachsenenalter.

Martina Ondreka hat das genau so erlebt. Mit 16 Jahren begannen die ersten Symptome: Taubheitsgefühle in den Armen. „Und manchmal konnte ich nicht so gut laufen.“ Sie hat sich nichts dabei gedacht. Wird schon wieder vorübergehen. Mit 22 Jahren hat sie ihren ersten richtigen Schub erlebt. „Ich konnte nicht mehr die Treppe hochlaufen.“ Mitte zwanzig dann die verstörende Diagnose: Multiple Sklerose. „Du fällst erst einmal in ein Loch“, erinnert sie sich.

Angelika Gahr kann das bestätigen, auch wenn es ihr Mann war, der die Diagnose vor mehr als 30 Jahren erhielt. Der Ratschlag des Arztes lautete damals: Bloß nicht zur Selbsthilfegruppe gehen. „Die würden nur über die Krankheit reden und sonst nichts anderes“, erinnert sich Angelika Gahr. Sie ging trotzdem hin, weil sie mehr über die Krankheit erfahren wollte. „Zum ersten Mal habe ich damals Menschen getroffen, die trotz MS glücklich waren“, erzählt sie. „Die mit der Krankheit leben konnten.“

Der Besuch in der Würzburger Selbsthilfegruppe war ein Ansporn, 1989 gründete Herbert Gahr die Kitzinger Kontaktgruppe MS. Etwa 20 Mitglieder sind aktuell bei den monatlichen Treffen dabei. Junge Frauen, Männer und ihre Familien. Die Arbeit mit den Angehörigen ist Angelika Gahr ganz wichtig. „Von der Diagnose MS ist die ganze Familie betroffen“, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Mein erster Gedanke war: MS bedeutet Rollstuhl“, erinnert sie sich. Sie sah unüberwindbare Probleme auf sich und ihre Familie zukommen, ein Leben in Isolation. Sie sollte sich täuschen.

Rausgehen, andere Menschen treffen, Kontakte knüpfen, mit Gleichgesinnten sprechen: Für die Betroffenen ist das genauso wichtig wie für die Angehörigen. Angelika Gahr organisiert seit 1989 Vorträge, gesellige Treffen, Familienfreizeiten. „Die Kinder merken auf einmal, dass ihre Mutter nicht die einzige ist, die ganz langsam läuft oder im Rollstuhl sitzen muss“, erzählt sie. Der Effekt ist enorm: Die Betroffenen werden selbstbewusster, die Kinder öffnen sich, die Partner können sich mit Gleichgesinnten über ihre Alltagsprobleme austauschen.

„Outen Sie sich“, rät Angelika Gahr deshalb allen Betroffenen und ihren Angehörigen. „Gehen Sie offen mit Ihrer Krankheit um.“ Auch wenn es nicht immer leicht ist.

Martina Ondreka musste das schmerzlich erfahren. „Die Leute schauen dich natürlich komisch an, wenn du nicht mehr richtig laufen kannst, oder mit 25 Jahren einen Stock brauchst.“ Oft werden MS-Kranke auch mit Alkoholikern verwechselt, weil sie beim Laufen so oft Schwanken. Oft werden sie misstrauisch beäugt, weil sie mit 30 Jahren schon verrentet sind, den Tag daheim oder beim Arzt verbringen. Weil es nicht anders geht.

Medikamente gab es vor 30 Jahren kaum, heute ist MS für Pharmakonzerne auch ein großer Markt. „Immer wieder hoffen die Betroffenen, dass es ein Heilmittel gibt“, sagt Angelika Gahr. Immer wieder werden sie enttäuscht. Auch wenn es mittlerweile eine Menge Präparate gibt. „Die haben alle ganz schön heftige Nebenwirkungen“, gibt Ondreka zu bedenken.

Immerhin: MS ist nicht ansteckend, nicht tödlich und nicht erblich, wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft auf ihrer Internetseite mitteilt. Auch Vorurteile, dass MS zwangsläufig zu einem Leben im Rollstuhl führt, seien so nicht richtig.

Tatsächlich ist auch Angelika Gahr in der Kitzinger Kontaktgruppe mit ganz unterschiedlichen Krankheitsgeschichten konfrontiert worden. „Manche werden in sehr kurzer Zeit bettlägerig“, sagt sie. „Andere haben fast gar kein Symptom.“ Was die allermeisten eint, die Kontakt zur Kontaktgruppe aufnehmen? „Sie hoffen auf eine Lösung“, sagt Angelika Gahr. „Sie wollen wissen, wie ihre Krankheit zu behandeln ist.“

Ratschläge in diese Richtung können natürlich nur die behandelnden Ärzte geben. Angelika Gahr macht den Betroffenen und ihren Angehörigen ein ganz anderes Angebot: gemeinsame Unternehmungen, sich austauschen, miteinander lachen und die Krankheit annehmen.

Vor acht Jahren ist Angelika Gahrs Mann verstorben. Sie hat trotzdem den Vorsitz der Kontaktgruppe behalten. Weil sie weiß, wie sich Betroffene und ihre Angehörigen fühlen, weil sie diesen Menschen Freude schenken will. „Wenn ich jedes Mal die fröhlichen Gesichter in unserem Ausflugsbus sehe, ist das Dank genug für mich“, sagt sie.

Kontakt: Angelika Gahr 09323/6975.

Die nächsten Treffen: 9. April, 14. Mai, 11. Juni, jeweils um 14.30 Uhr im katholischen Pfarrheim von Mainbernheim.

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