KITZINGEN

Keine Hilfspolizisten

Die Siwaner lassen ihr Pfefferspray stecken. Ihre Waffen sind Geduld und Redegewandtheit
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Von Anfang an dabei: Monika Heß und Karl Pfeiffer laufen seit fünf Jahren Streife im Rahmen der Kitzinger Sicherheitswacht (Siwa). FOTO Diana Fuchs Foto: Diana Fuchs
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Die Siwaner sind wundersame Wesen. Sie sehen ein bisschen aus wie Polizisten, sind aber keine. Auch keine Verkehrsüberwacher. Die Siwaner sind ein eigenes Volk. Seit fünf Jahren gibt es sie in Kitzingen. „Und das ist gut so“, sagt Joachim Schinzel, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Kitzingen.

Schinzel betreut die Sicherheitswacht – kurz „Siwa“ – in fachlicher Hinsicht. Aktuell gehen fünf Siwaner regelmäßig auf Streife durch die Stadt und einige Ortsteile. Maximal zehn Beschäftigte hat das bayerische Innenministerium für Kitzingen genehmigt. So viele haben vor der Eröffnung der Kleinen Gartenschau 2011 in Kitzingen eine 40-stündige Ausbildung absolviert. Krankheitsbedingt sind die Siwaner in Kitzingen derzeit etwas dezimiert. Für eine Aufwandsentschädigung von acht Euro pro Stunde sind aktuell zwei Frauen und drei Männer durchschnittlich je sechs Stunden pro Woche unterwegs. An welchen Wochentagen und zu welcher Tageszeit, können sie selbst entscheiden.

Seit Anbeginn dabei ist unter anderem Karl Pfeiffer aus Kitzingen. Vor Dienstantritt begibt er sich in die Polizeiinspektion Kitzingen, zieht dort seine dunkelblaue Dienstkleidung mit dem bayerischen Wappenlöwen auf dem Ärmel an, schnappt sich Funkgerät und eine Art Pfefferspray – „Das Spray habe ich aber noch nie gebraucht!“ – und informiert sich im Dienstgruppenraum kurz über das Tagesgeschehen. „Wenn es Ruhestörungen oder Vandalismus gegeben hat, dann laufen meine Kollegen und ich die betreffenden Orte verstärkt ab.“

Joachim Schinzel nickt und fügt ein Beispiel an: „Als es auf einem Spielplatz in Kitzingen immer wieder Schwierigkeiten gab, haben wir die Siwa quasi täglich vorbeigeschickt. Das hat geholfen. Die Siwaner vermitteln den Bürger ein gewisses Sicherheitsgefühl.“

Schinzel betont aber auch: „Die Siwaner sind keine Hilfspolizisten. Im Prinzip sind sie besonders geschulte Bürger, die ihren Mitmenschen zeigen, wie ein ordentliches, friedliches Zusammenleben funktioniert.“ Sie wirken mit ihrer Präsenz der allgemeinen Straßenkriminalität entgegen. Bei verdächtigen Vorkommnissen informieren sie über Sprechfunk die nächste Polizeistreife.

Einmal hat Karl Pfeiffer mitbekommen, dass nach einem Tankbetrüger gefahndet wird. „Das gesuchte Auto habe ich am Kitzinger Bahnhof gesehen.“ Pfeiffer gab seine Beobachtung per Funk durch – und eine Polizeistreife griff den Betrüger auf.

„So etwas passiert aber nicht ständig. Unsere Haupttätigkeit ist es, einfach präsent zu sein, Fragen zu beantworten, oft auch von Touristen, und Menschen auf bestimmte Ge- und Verbote hinzuweisen – zum Beispiel das Radfahrverbot in der Fußgängerzone.“ Nicht alle Zeitgenossen nehmen die zumeist freundlichen Hinweise der Siwaner ernst. „Wir bekommen immer wieder patzige oder freche Antworten und die Leute machen einfach weiter. Im schlimmsten Fall müssen wir dann eben die Personalien feststellen und die Polizei benachrichtigen.“

„Einfach mal Frust loswerden“

Cordula Schmidt, die Leiterin der Polizeiinspektion Kitzingen, kommentiert das so: „Manchen Menschen mangelt es eben an Einsichtsfähigkeit. Dann kommen wir ins Spiel.“ Sie weiß, dass die Siwa manchmal mit Situationen konfrontiert wird, die außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches liegen. „Für die Bürger ist oft nicht klar, wofür nun die Sicherheitswacht zuständig ist, wofür die Polizei und wofür die Stadt, also das Ordnungsamt. Die wollen sich mitteilen, auf Missstände hinweisen und einfach mal ihren Frust loswerden, sobald sie jemanden in einer Art Uniform sehen.“

TV-Serien wie „Auf Streife“ tragen zu diesem Verhalten bei, ist sich Joachim Schinzel sicher. „Die Leute unterscheiden da nicht mehr. In den Serien gehen neben der Polizei auch das Ordnungsamt, also Beamte, auf Streife; bei uns ist es die Siwa. Das kann man nicht vergleichen.“

Die Kitzinger Siwaner müssen sich zum Beispiel oft Beschwerden über herumliegenden Hundekot und Kippen anhören. „Da können wir den Leuten nur zustimmen – wir finden auch, dass man als Raucher durchaus die Abfalleimer benutzen sollte und als Hundehalter die Hundekottüten. Aber das ist eben nicht unser Metier. Das ist was für die Stadt“, macht Karl Pfeiffer deutlich. „Nicht alle Leute verstehen das.“

In den allermeisten Fällen bleibe der Ton aber freundschaftlich. „Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück – nach diesem Motto sprechen wir mit den Leuten“, sagt Pfeiffer. „Viele Menschen lächeln uns mittlerweile sogar an. Ältere Damen zum Beispiel und auch viele Geschäftsleute freuen sich sichtlich über unseren Beitrag zur Sicherheit in Kitzingen.“

Der 65-Jährige hat während seines Streifendienstes die Erfahrung gemacht: „Der Egoismus vieler Menschen hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Egal, ob Halteverbot oder nicht – das Auto wird abgestellt, auch wenn es anderen nun im Weg ist. Andere belegen einfach zwei Parkplätze statt einem, ist ja bequemer beim Aussteigen...“ Vielleicht hat Karl Pfeiffer auch aufgrund dieser Negativbeispiele sein eigenes Verhalten geändert. „Ich halte mich jetzt strikt an Vorschriften und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Nicht nur, weil ich ein Vorbild sein will, sondern auch, weil ich sehe, was alles passieren kann, wenn man das nicht tut.“

Der Erfolg ist schwer messbar

Fünf Jahre gibt es die Siwa nun in Kitzingen. Ob sie ein Erfolgsmodell ist? In Zahlen erfassen und messen lässt sich die Arbeit der Siwaner kaum. Die Missetaten, die die Siwa durch ihre bloße Anwesenheit verhindert, tauchen ja in keiner Statistik auf. „Diese präventive Arbeit ist uns aber ganz wichtig“, sagt Joachim Schinzel.

Zum Dienstende geht Karl Pfeiffer wieder in die Polizeiinspektion. Dort vermerkt er im Tätigkeitsbericht, ob etwas Besonderes passiert ist und wo er unterwegs war. Dann zieht er seine Zivilkleidung an und geht heim. Reich wird er durch sein Ehrenamt nicht, denn die Aufwandsentschädigung von acht Euro wird steuerfrei höchstens für 300 Stunden pro Jahr bezahlt. Maximal 2400 Euro kann ein Siwaner im Jahr also verdienen, mehr Entgelt würde Steuerzahlungen nach sich ziehen. Pfeiffer macht den Streifendienst nicht wegen „der paar Euro“, die am Ende herausspringen. Er sieht die Sache pragmatisch: „Ich bin gern an der frischen Luft, das ist ja auch gesund, und ich rede gern mit Menschen. Und wenn ich damit auch noch meiner Stadt etwas Gutes tun kann, dann ist das doch spitze.“

Die Siwa

Bayerische Sicherheitswacht: Schon vor über 20 Jahren hieß es aus dem Bayerischen Innenministerium, dass zur Bewahrung der Inneren Sicherheit die Mithilfe der Bürger nötig und sinnvoll ist. Mittlerweile besteht in gut 125 Orten eine Siwa. Insgesamt gibt in ganz Bayern etwa 800 Siwaner.

Siwa in Kitzingen: Im Juni 2011, also vor fünf Jahren, ging die Kitzinger Sicherheitswacht erstmals auf Streife. Zuvor hatten die damals zehn Männer und Frauen eine 40-stündige Schulung begonnen, neun schlossen sie mit Erfolg ab. Derzeit sind krankheitsbedingt nur fünf Siwaner im Dienst. Sie leisten je bis zu 300 Stunden Dienst pro Jahr.

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