Kitzingen

Jedes Jahr rund 350 neue Anfragen

Nach aktuellen bundesweiten Schätzungen ist jedes vierte bis fünfte Mädchen im Laufe ihres Leben von sexueller Gewalt betroffen. Jeder achte bis zwölfte Junge. Erschreckende Zahlen. Der Verein Wildwasser Würzburg e.V. hilft den Betroffenen in unserer Region, berät und begleitet bei aktueller oder zurückliegender Gewalterfahrung. Antje Sinn ist eine von fünf hauptamtlichen Beraterinnen in Teilzeit.
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Eine von fünf hauptamtlichen Beraterinnen in Teilzeit beim Verein Wildwasser e.V.: Antje Sinn. Foto: Foto: Sinn
Frage: Welche Menschen suchen Ihre Hilfe?

Antje Sinn: Das ist ganz verschieden. Eltern bei Kenntnis von sexuellem Missbrauch, Frauen nach häuslicher Gewalterfahrung, Angehörige, die sich sorgen, LehrerInnen oder ErzieherInnen, die einen Verdacht haben, Jugendliche, die eine Vergewaltigung erleben mussten.

Wie können Sie diesen Mädchen und Frauen helfen?

Sinn: Das kommt darauf an, was sie erlebt haben oder welche Anliegen sie haben. Zunächst einmal geht es darum, in Kontakt zu kommen und den Betroffenen einen sicheren Platz anzubieten, an dem sie in allen Fragen Unterstützung erhalten.

Und dann?

Sinn: Dann können wir diesen Frauen oder Mädchen Beratungen oder Begleitungen anbieten, beispielsweise zu einer Anwältin. Oder wir bieten ihnen an, unser Netzwerk für Weitervermittlungen zu nutzen – beispielsweise für einen Therapieplatz.

Wie viele Menschen melden sich bei Ihnen?

Sinn: Pro Jahr sind es cirka 350 neue Anfragen unterschiedlichster Art. Unser Zuständigkeitsgebiet umfasst die Stadt Würzburg sowie die Landkreise Würzburg, Main-Spessart, Kitzingen und eingeschränkt den Main-Tauber-Kreis.

Gibt es Fälle, die besonders häufig vorkommen.

Sinn: Wir haben es mit allen Formen der sexualisierten Gewalt zu tun. Vergewaltigungen, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt, seelische Gewalt, Stalking. Oft nennen Mädchen oder Frauen auch mehrere Gewalterfahrungen.

Die meisten Vorfälle ereignen sich im nahen Umfeld?

Sinn: Das ist tatsächlich so. Aber immerhin wird das Thema mehr und mehr angesprochen, in der Öffentlichkeit, in der Politik, in den Institutionen. Es ist unsere Aufgabe, dies immer wieder anzusprechen. Es gibt dazu Filme, viele Bücher. Es wird nicht mehr ganz so tabuisiert, wie noch vor 30 Jahren.

Warum bleiben solche Fälle oft unter dem Deckmantel der Familie?

Sinn: Weil das Thema sexuelle Gewalt hilflos und sprachlos macht und Angehörige oder Freunde verwirrt. Es ist nicht zu begreifen, für alle schwierig auszuhalten. Das gilt übrigens auch für alle Institutionen, also Schulen, Arbeitsstätten oder Jugendhilfeeinrichtungen.

Was raten Sie Betroffenen in solchen Fällen?

Sinn: Achtsam mit sich umgehen und auf sich schauen, sich professionelle Hilfe suchen oder mit jemandem darüber sprechen, dem sie vertrauen. Niemand muss damit alleine bleiben.

Wie können Freunde oder die Familie Betroffenen helfen?

Sinn: Indem sie da sind, zuhören, das Mädchen oder die Frau in ihren Bedürfnissen ernst nehmen, Trost zusprechen, glauben. Und sich auf ihr Tempo einlassen.

Das heißt?

Sinn: Das heißt zum Beispiel, dass eine Anzeige von Betroffenen gewollt sein muss. Sie müssen den Zeitpunkt dafür wählen dürfen. Generell ist es so, dass die meisten Betroffenen erst einmal Ruhe und wieder Stabilität im Alltag brauchen.

Warum wirkt eine sexualisierte Gewalterfahrung so lange nach?

Sinn: Zum einen kann eine solche traumatische Erfahrung zu schwersten seelischen Wunden führen. Zum anderen machen die Betroffenen manchmal die Erfahrung, dass ihre Grenzen nicht respektiert wurden. Es braucht Zeit, wieder darauf zu vertrauen, dass eigene Grenzen geachtet werden. Und es braucht Zeit, sich auf Beziehungen einzulassen, Menschen wieder vertrauen zu können.

Und die neuen Medien? Beeinflussen die Ihre Arbeit?

Sinn: Digitale Risiken, besser gesagt Online Gewalt, ist tatsächlich unsere neueste Herausforderung. Denken Sie nur an Entwicklungen wie Sexting oder Cyber Grooming.

Was verstehen Sie darunter?

Sinn: Beim Sexting werden intime Bilder, die zum Beispiel während einer Partnerschaft gemacht wurden, nach einer Trennung an Dritte weiter geschickt. Cyber Grooming ist das Fachwort für eine Art der Kontaktanbahnung zur Anfertigung kinderpornografischer Aufnahmen oder auch Treffen, die häufig zu gewaltvollen sexuellen Handlungen führen. Bei betroffenen Kindern und Jugendlichen kann dies schwerste seelische Wunden hinterlassen, begleitet von Gefühlen wie Schuld, Selbstekel, Scham und Angst.

Was kann Wildwasser dagegen tun?

Sinn: Zum Beispiel frühzeitig Kinder und Jugendliche informieren, dass sie sich Hilfe holen dürfen, wenn sie Schlimmes erlebt haben. Oder an Schulen präventiv tätig werden.

Wildwasser e.V.

Geschichte: Wildwasser Würzburg e. V. entstand aus dem Zusammenschluss von Frauen, die den Mut hatten, mit ihrer Betroffenheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie machten erstmals in Würzburg auf die hohe gesellschaftliche Relevanz des Themas sexualisierte Gewalt in der Kindheit aufmerksam. Als Konsequenz auf die wachsende Nachfrage um Unterstützung von Betroffenen gründete sich 1989 der Verein Wildwasser Würzburg e. V. – nun Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt in der Region Würzburg. Angebot: Wildwasser e.V. bietet ab dem 1. Dezember 2016 eine Frauengruppe an. Die Gruppe trifft sich an zehn Abenden in vierzehntägigem Abstand und richtet sich an Frauen, die in ihrer Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren mussten. Informationen und Anmeldung unter Tel. 0931/13287, Email: info@wildwasserwuerzburg.de oder auf der Homepage: www.wildwasserwuerzburg.de Benefizkonzert: Studierende der Musikhochschule Würzburg veranstalten am Sonntag, 13. November, ab 18 Uhr ein Benefizkonzert zugunsten der Arbeit von Wildwasser Würzburg e.V.. Veranstaltungsort: Schönstattzentrum Marienhöhe Würzburg (Hubland).

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