LANDKREIS KITZINGEN

Gesucht: Lehrer

Fachkräftemangel macht nicht vor Schulen halt. Grund- und Mittelschule betroffen
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Demo für mehr Lehrer
Kein neues Thema: Schon 2011 demonstrierten Schüler und Eltern in München für mehr Lehrer. Foto: Archivfoto: Andreas Gebert/DPA

Wir kennen es von Bäckern, von Metzgern, vom Handwerk allgemein. Zu wenig Auszubildende, zu wenig Fachkräfte. Zumindest Letzteres trifft jetzt auch auf ein Berufsfeld zu, das wir bislang nicht mit diesem Thema in Verbindung gebracht hätten. „Wir sind mittendrin im Lehrermangel“, sagt Gerhard Bleß, Bezirksvorsitzender des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes in Unterfranken (ULLV).

Lehrer, die gleichzeitig zwei Klassen unterrichten, in dem sie beispielsweise die Verbindungstür zwischen den Klassenräumen auflassen; Lehrer, die um 8 Uhr in der Früh mit 20 Kindern rechnen und dann 30 oder mehr in der Klasse sitzen haben. Weil ein Kollege krank geworden ist und dessen Schüler auf andere Klassen aufgeteilt wurden. Weil die mobile Reserve, die eigentlich in solchen Fällen einspringen sollte, keine Reserven mehr hat. Alles Realität, wie Bleß versichert.

Während ausgebildete Lehrer an Gymnasien und Realschulen noch immer Warteschleifen einlegen müssen, weil es nicht genug Stellen gibt, suchen Grund-, Mittel- und Förderschulen zum Teil händeringend nach Personal. „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“, sagt Bleß. „Es gibt in diesen Bereichen keine jungen Menschen mehr, die eingestellt werden könnten.“

Im Schulamt Kitzingen ist man sich der Problematik bewusst. Leiter Kurt Krause spricht dennoch von einem „großen Glück.“ Die Nähe zur Universitätsstadt Würzburg mache es möglich, dass in der Regel genug Bewerbungen einlaufen. Dennoch gebe es Lücken – vor allem im Bereich der Mittelschulen. Kollegen, die in Ruhestand gehen, werden nicht selten durch – eigentlich – fachfremde Lehrer ersetzt. Wer Lehramt Gymnasium studiert und keine Anstellung bekommen hat, der kann in einem zweiten Qualifikationsschritt auf Lehramt Mittelschule umschwenken. Eineinhalb Jahre dauert die „Bewährungszeit“, in der die jungen Kollegen aber schon voll unterrichten.

Andreas Liebald, Personalrat des ULLV im Kreis Kitzingen, berichtet von Studenten, die nach ihrem ersten Staatsexamen ins kalte Wasser geworfen werden. Ohne Referendariat, ohne praktische Erfahrungen, werden sie eingesetzt – teils sogar als Klassenleiter. Genaue Zahlen hat Liebald nicht. Er schätzt, dass es im gesamten Schulamtsbereich derzeit fünf solcher Fälle gibt. „Das ist sicher nicht ideal“, sagt er. „Aber immerhin: es funktioniert.“

Sabine Huppmann, BLLV-Kreisvorsitzende, berichtet von einer jungen Kollegin, die Mitte November in Mutterschutz gehen sollte. „Sie hatte eine 1. Klasse, hat dann aber im Mutterschutz weitergearbeitet, weil einfach niemand da war, der die Klasse übernahm.“ Auch Gerhard Bleß werden einzelne Fälle wie der von einer jungen Frau zugetragen, die ihren Master in Biologie gemacht hat und jetzt vor einer Klasse steht. Ohne didaktische Kenntnisse, ohne Referendariat. „Ins eiskalte Wasser geworfen“, kommentiert Bleß. Dass die Qualität des Unterrichtes zunächst darunter leidet, müsse jedem klar sein, selbst wenn diese jungen Kollegen Nachqualifizierungsprogramme absolvieren.

Laut einer Pressemitteilung der Bildungsgewerkschaft GEW haben in Berlin schon jetzt rund 30 Prozent der Lehrer keine passgenaue Ausbildung. „So weit sind wir in Bayern noch lange nicht“, beruhigt Gerhard Bleß. Aber die Tendenz sei beunruhigend. „Auch bei uns ist der Bildungsauftrag mittelfristig gefährdet“, warnt der GEW-Vorsitzende für Unterfranken, Jörg Nellen. Der Staatsregierung – und insbesondere dem Finanzminister – wirft er eine Fehlplanung vor. Die Geburtenzahlen seien bekannt gewesen, dennoch habe es vor sechs Jahren geheißen, dass kein Bedarf zur Aufstockung in Grund- und Mittelschulen herrsche. Diese Fehlplanung habe eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Leiden müssten so sinnvolle Einrichtungen wie die mobile Reserve oder der mobile sonderpädagogische Dienst. Schon an den Universitäten fange das Dilemma an. Befristete Arbeitsverträge für Dozenten seien keine Motivation, gute Leute wandern ab.

Dem Bayerischen Staatsministerium sind die Probleme durchaus bekannt. In seiner Prognose zum Lehrerbedarf heißt es: „Beim Lehramt für Grundschulen ist mit einem Mangel an ausgebildeten Grundschullehrkräften zu rechnen. An den Mittelschulen und Förderschulen setzt sich der schon jetzt feststellbare Mangel an entsprechend ausgebildeten Lehramtsabsolventen fort.“

Norbert Zinsmeister spricht nicht von Mangel, nimmt beim Gespräch mit dieser Zeitung aber auffallend oft das Wort „noch“ in den Mund. Noch könne er von einer mathematischen Vollbesetzung sprechen, noch habe er Lehrer mit der entsprechenden Qualifikation an seiner St. Martin-Schule. Noch seien alle Pflichtstunden besetzt.

Der Schulleiter weiß aber auch, dass es bei Erkrankungen sehr schnell eng wird, dass die mobile Reserve dann nicht mehr ausreicht. Seine Zukunftsaussichten sind eher düster: Genug Sonderschullehrer werden nicht nachkommen, Zinsmeister prophezeit eine Deckungslücke – zumal immer mehr Förderlehrer an Regelschulen abgeordnet werden, weil dort das Thema Inklusion immer drängender wird. „Es kommen nicht genug junge Lehrer nach“, warnt Zinsmeister.

Und jetzt? So weiter machen wie bisher und auf das Prinzip Hoffnung setzen? Norbert Zinsmeister hat eine vermeintlich einfache Antwort: „Mehr Lehrer einstellen.“ Gerhard Bleß vom BLLV will dafür die Strukturen in der Ausbildung endlich geändert wissen. „Wir dürfen bei der Lehrerausbildung nicht mehr nach Schularten trennen“, fordert er. Sein Verband habe diesen Wunsch schon vor 20 Jahren geäußert. Zu spät sei es auch jetzt nicht. Der Vorteil: Auf dem Markt gäbe es insgesamt mehr Bewerber, denn das generelle Interesse am Lehrerberuf ist nach wie vor hoch. Die meisten Studenten wollen jedoch Gymnasiallehrer werden, gefolgt von Realschullehrern. Für den Beruf des Mittelschullehrers interessieren sich die wenigsten Lehramtsstudenten (siehe Zahlen im Infokasten).

Jörg Nellen von der GEW hat eine ganz andere Lösung für den Lehrermangel parat. „Wenn gut bezahlt wird, sind Fachkräfte sofort zu finden“, sagt er. Seine Gewerkschaft kämpft in den soeben begonnen Tarifverhandlungen mit den Ländern für sechs Prozent mehr.

Studentenzahlen

Die Zahl der Lehramtsstudenten an der Uni Würzburg im Vergleich. Auffallend: Die meisten wollen Gymnasiallehrer werden.

Wintersemester 2006/2007:

Lehramt Grundschule: 571; Lehramt Gymnasium: 2420; Lehramt Mittelschule: 402; Lehramt Realschule: 1110; Lehramt Sonderschule: 1067.

Wintersemester 2011/2012:

Grundschule: 657; Gymnasium: 3496; Mittelschule: 479; Realschule: 1223; Sonderschule: 1180.

Wintersemester 2017/18:

Grundschule: 1058; Gymnasium: 2518; Mittelschule: 558; Realschule: 581; Sonderschule: 1463.

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