KITZINGEN

Mit der ambulanten Pflege unterwegs

Es ist für viele Menschen ein unangenehmes Gefühl, auf die Hilfe von anderen angewiesen zu sein. Zwei Menschen aus Kitzingen geben Einblick in ihren Tag und erzählen, wie es ist, von der ambulanten Pflege des BRK abhängig zu sein.
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Monika Walter dokumentiert die Pflegeleistungen bei Rainer Kessler. Foto: Robert Wagner
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Es ist kurz nach 7 Uhr, als wir die Erdgeschosswohnung in der Kitzinger Siedlung betreten. Frau Poschmann wartet schon im Badezimmer. Pflegerin Elke Stapf begrüßt die 85-Jährige gut gelaunt. „Das ist der Herr Wagner“, stellt sie mich vor. Frau Poschmann nimmt zur Begrüßung meine Hand, lächelt mich an. „Sie sind heute aber ein bisschen spät“, sagt sie ohne Verärgerung Richtung Stapf. Ich entschuldige mich: Der Reporter hat den Zeitplan durcheinander gebracht.

Dieser Zeitplan ist eng getaktet: Für Elke Stapf beginnt der Tag früh, um 5 Uhr fährt sie los. Seit sechseinhalb Jahren ist sie für das BRK als ambulante Pflegerin unterwegs. Hilft alten Menschen und anderen Pflegebedürftigen beim Waschen und Anziehen, misst den Blutzuckerspiegel, überprüft Medikamente. Sie hat mit Demenzkranken ebenso zu tun wie mit Menschen, die im Kopf noch fit sind, aber deren Körper nicht mehr mitspielt.

Frau Poschmann gehört zur zweiten Gruppe. Dreimal in der Woche ist sie bei der Tagespflege in Iphofen. Daneben kommen die Pfleger vom BRK regelmäßig bei ihr daheim vorbei. Außerdem bekommt Frau Poschmann Hilfe von ihrer Tochter, die ein paar Kilometer weiter wohnt. „Daheim ist eben daheim“, sagt die 85-Jährige. „Solange es geht, bleibe ich hier.“

Zeit zum Reden

Während Elke Stapf ihr beim Baden hilft, darf ich mich in der Küche umsehen. Gedämpft höre ich ihre Stimmen. Frau Poschmann erzählt von ihren Kindern, ihren Enkeln und Urenkeln. „Die Menschen brauchen nicht nur jemanden, der ihnen hilft, sie brauchen auch jemanden zum Reden“, wird Elke Stapf später sagen. Dafür hätte sie gerne mehr Zeit – doch wie gesagt: Der Zeitplan ist eng getaktet. „Aber wir versuchen immer, uns ein paar Minuten zu nehmen.“ Sie denkt dabei auch an ihre Zukunft: Wie hätte sie es gerne später, falls sie selbst mal Pflege braucht? „Ich will das Gefühl haben, dass ich den Menschen wirklich geholfen habe“, sagt Stapf. „Das mache ich unheimlich gerne.“

Leider gibt es zu wenige Menschen, die so denken. „Wir brauchen dringend Mitarbeiter“, erzählt Monika Walter, Teamleiterin der Sozialstation des BRK in Kitzingen und Wiesentheid. Rund 35 Mitarbeiter hat der ambulante Pflegedienst, der Großteil arbeitet in Teilzeit. Arbeiten in drei Schichten, am Wochenende und an Feiertagen – das ist nicht Jedermanns Sache. Außerdem ist es auch körperlich anstrengend: Zwar gibt es mittlerweile viele technische Hilfsmittel wie verstellbare Pflegebetten oder Lifte, aber wenn man nicht auf die richtige Technik achte, könne man schnell Rückenprobleme bekommen.

Der Personalmangel führt dazu, dass Monika Walter neue Anfragen teilweise ablehnen muss. Es gibt mehr Pflegebedarf als -angebot. „Ich muss im Moment noch schauen, dass wir die Schichten um Weihnachten besetzen können“, sagt sie. Es müsse sich etwas tun – denn der Pflegebedarf werde in den nächsten Jahren sicher nicht geringer.

In Frau Poschmanns Küche hängen überall Fotos: Von ihrem Bruder, der als junger Mann in Stalingrad fiel. Ein schmächtiger Kerl in viel zu großer Uniform. „Nicht einmal 20 Jahre ist er geworden“, sagt Frau Poschmann. Vom Ehepaar Poschmann in früheren Tagen. Er stattlich, sie elegant. Und viele Fotos von den Kindern, den Enkeln und Urenkeln.

Während Frau Poschmann von ihrem Mann erzählt, der am Ende des Krieges aus Ostpreußen fliehen musste und dabei eigentlich auf der später versenkten Wilhelm Gustloff hätte mitfahren sollen, bekommt Elke Stapf einen Anruf. „Wir sind spät dran“, sagt sie. Wir müssen los. „Sie haben ja gar keine Plätzchen probiert“, sagt Frau Poschmann zu mir. „Die hat meine Tochter gemacht, ich hab sie Ihnen extra hingestellt.“ Schnell greife ich also zu. Die Plätzchen sind vorzüglich. Dann lassen wir Frau Poschmann zurück. „Wir sehen uns morgen früh, Frau Poschmann“, sagt Pflegerin Stapf. Und dann auch wieder pünktlich.

Zurück beim BRK steige ich bei Monika Walter ins Auto. Wir fahren zu Herrn Kessler, einem Multiple-Sklerose-Patienten. „Es ist beeindruckend, wie viel er trotzdem noch selbst macht“, sagt Monika Walter. „Aber er will es eben auch unbedingt.“

Herr Kessler wohnt in einer schönen Wohnung in Kitzingen. „Noch“, wie er sagt. Vor 28 Jahren wurde Multiple Sklerose bei ihm diagnostiziert. Seit sechs Jahren sitzt er dauerhaft im Rollstuhl. Sein Körper wird immer schwächer. „Anfang Oktober hatte ich einen Infekt“, erzählt er. „Nach einem Fieberschub ging plötzlich gar nichts mehr.“ Wie ein Schluck Wasser habe er sich gefühlt. Seitdem braucht er die ambulante Pflege. Mittlerweile sind die Pfleger vom BRK bis zu dreimal am Tag bei ihm. Vor drei Monaten konnte Herr Kessler noch selbst mit seinem umgebauten Auto fahren. „Das werde ich jetzt wohl verkaufen.“

Das größte Problem ist im Moment, erst einmal vom Bett in den Rollstuhl zu kommen. „Transfer“ nennt sich das in der Fachsprache und mit der fachspezifischen Technik gelingt es Monika Walter auch, den Mann, der sicherlich schwerer ist als sie selbst, in den Rollstuhl zu hieven. Sie hilft ihm beim Waschen und beim Anziehen. „Welches T-Shirt wollen Sie heute anziehen, Herr Kessler?“, fragt sie. „Das ist doch egal, nehmen Sie einfach das oberste“, antwortet er und lächelt mir verschmitzt zu. „Dann also grün heute“, sagt die Pflegerin.

Einsamkeit ist große Sorge

Herr Kessler lädt uns in sein Wohnzimmer ein. Dort stehen auf einem Regal gut ein Dutzend Pokale. Während Monika Walter die Pflegeleistungen für die Abrechnung dokumentiert, erzählt Herr Kessler von seinem Sport, dem Rollstuhl-Kegeln. Dem geht er in Uffenheim nach, mit einer zwei Meter langen Schiene können selbst diejenigen mitkegeln, deren Arm zu schwach ist, um die Kugel zu werfen. Bald möchte Herr Kessler auch selbst wieder mitmachen. „Ich hoffe schon, dass es bald wieder besser geht.“ Dass er wieder selbstständiger und mobiler sein wird. „Dauerhaft nicht mehr rausgehen zu können, das wäre das Schlimmste“, sagt er zum Abschied.

Den Kontakt zu anderen Menschen zu verlieren, das ist für viele Pflegebedürftige eine große Sorge. Besonders jetzt in der Weihnachtszeit. „Mehr als die Hälfte der Menschen, die wir betreuen, ist gut in der Familie und im Bekanntenkreis eingebunden“, erzählt Monika Walter. Aber es gibt eben auch jene, die das ganze Jahr alleine sind. Auch über die Feiertage. „Wir bringen den Menschen Weihnachtskerzen und kleine Geschenke vorbei.“ Ein vollwertiger Ersatz für die Familie können sie jedoch nicht sein, weiß die Teamleiterin – selbst dann, wenn sie mehr Personal und Zeit für die Pflegebedürftigen hätten.

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