CASTELL/KITZINGEN

Er will Kitzingen weiter entwickeln

Er hat viel zu erzählen. Denn er hat viel erlebt. Und er hat viel vor. Jens Oertel geht als einziger parteiloser Kandidat ins Rennen um den Oberbürgermeisterposten von Kitzingen.
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Das Kitzinger Rathaus im Blick: Der parteilose Jens Oertel will Oberbürgermeister werden. Mit seiner Familie lebt er in Castell. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Er hat viel zu erzählen. Denn er hat viel erlebt. Und er hat viel vor. Jens Oertel geht als einziger parteiloser Kandidat ins Rennen um den Oberbürgermeisterposten von Kitzingen.

Jens Oertel wohnt in Castell. Er gehört keiner Partei an. Er war noch nie Stadt- oder Gemeinderat. Dennoch investiert er seit Monaten eine Menge Zeit und Energie in seine Kandidatur. Was den Mann antreibt? Die Antwort ist vielschichtig. Eine Motivation: Oertel will gestalten, er will etwas entwickeln. „Kitzingen ist so ein wunderbarer Ort“, sagt er. „Aber die Stadt schläft seit ein paar Jahren.“

Jens Oertel ist in der christlichen Kommune Gnadenthal in Hessen aufgewachsen. Ein besonderer Ort: Familien leben dort, Brüder und Schwestern. Die Mitglieder kommen aus unterschiedlichen Kirchen und Konfessionen. Toleranz wird gelebt. Aber auch ein Leben im Rhythmus von Gebet und Arbeit. Erfahrungen, die ihn geprägt haben. Früh schon zog es ihn ins Ausland. Mit 15 Jahren in die USA. Später wurde Israel so etwas wie seine zweite Heimat. Insgesamt vier Jahre hat er dort verbracht, erst ohne, dann mit Familie. Seine Frau Margaritha hat er dort kennengelernt, wichtige berufliche Erfahrungen gesammelt.

Organisationsentwickler. So lautet Oertels Berufsangabe. „Kein geschützter Begriff“, sagt er und gibt zu: „Es klingt relativ diffus.“ Wenn Jens Oertel von seinen beruflichen Erfahrungen erzählt, wird allerdings schnell klar, worum es beim Organisationsentwickeln geht. Und wie sich das auf die Arbeit eines Oberbürgermeisters übertragen lässt.

Zweite Heimat Israel

Für große Hilfswerke war Oertel als Entwicklungshelfer im Einsatz. In Israel, Palästina, im Libanon. Er hat Veränderungsprozesse begleitet und strukturiert, beispielsweise den Übergang von einer kirchlichen zu einer säkularen Leitung an einer Schule. Für israelische Unternehmen hat er Industrieparks im Libanon entwickelt. Im Gegensatz zu vielen Unternehmensberatern geht es ihm bei Veränderungsprozessen nicht darum, Menschen freizustellen, sondern ihnen neue Optionen zu eröffnen.

Neue Optionen braucht nach seiner Überzeugung auch Kitzingen. „Die Stadt sollte eigentlich das Zentrum in der Region sein“, meint er. Städte wie Iphofen oder Dettelbach würden Kitzingen allerdings diesen Rang ablaufen. „Eine gute Infrastruktur alleine reicht nicht aus“, sagt Oertel. „Kitzingen braucht eine aktive Wirtschaftsförderung.“ Dafür müsse sich allerdings das Selbstverständnis innerhalb der Verwaltung ändern. In Kitzingen ist sie bei Anfragen von Interessenten eher defensiv eingestellt. „In anderen Gemeinden werden Investoren unterstützt statt behindert.“ Warum das so ist? Oertel hat sich seine Gedanken gemacht.

Gesetze lassen in ihrer Auslegung einen gewissen Spielraum zu. Sie können ganz eng oder weit ausgelegt werden. Je klarer die langfristige Ausrichtung, je klarer die Vorgaben vom Stadtrat und je deutlicher das Vorbild des Oberbürgermeisters, desto freier und selbstbewusster kann die Verwaltung agieren. Der passionierte Segelflieger und Segelfluglehrer gibt ein Beispiel aus seinem privaten Umfeld. Sohn Joseph fliegt selber. Er ist 14 Jahre jung. „Das Gesetz lässt das zu“, sagt Oertel. „Aber natürlich liegt die Entscheidung bei mir, ob ich es auch zulasse. Ich traue ihm das zu.“

Mit einem breiten Rücken Risiko eingehen. So lässt sich das zusammenfassen. Oertel würde es auch zu seinem persönlichen Motto als Oberbürgermeister machen. „Es muss jemand Akzente setzen“, sagt er. Und ein Parteiloser sei dafür nicht die schlechteste Wahl.

„Es muss jemand Akzente setzen“
Jens Oertel

Oertel hat diese Entscheidung ganz bewusst getroffen. „Ich bin keiner Interessensgruppe etwas schuldig“, erklärt er. Ein Vorteil, auch für die Arbeit mit dem Stadtrat. Oertels Beobachtung aus vielen Sitzungsbesuchen: Etliche Splittergruppen sind im Gremium versammelt, aber auch eine ganze Menge Leute, die mit Herz und Verstand die Stadt voranbringen wollen.

Eine seiner ersten Amtshandlungen wäre es deshalb, ein verbindliches und klares Leitbild zu verabschieden. „Ohne Leitbild kein Weg“, verdeutlicht er. Im Moment würden im Stadtrat einzelne Punkte besprochen, der Blick für das Gesamtbild fehle. „Es wird nicht strategisch gedacht und gehandelt“, bedauert er. „Man muss doch festlegen, wo Kitzingen in 10 oder 15 Jahren stehen möchte.“ Und dabei hilft ein Blick in die Vergangenheit. Als Handelsstadt, als Wirtschaftsstandort und als Bildungsstadt mit einer kulturellen Vielfalt habe Kitzingen Wurzeln, auf denen man aufbauen könne. Das Wichtigste seien aber die Menschen vor Ort. Die will Oertel in die Entscheidungen einbinden. „Der Wunsch nach einer Veränderung ist groß.“ Das hat er in den vielen Gesprächen, die er seit Anfang November geführt hat, immer wieder gehört. „Der Rückzug ins Private muss aufgehalten werden“, wünscht er sich. Wie er die Bürger aufrütteln kann, weiß er selbst noch nicht hundertprozentig. „Da fehlt mir der Werkzeugkasten.“ Im Gegensatz zur Wirtschaftsförderung. Da zeigt sich Oertel selbstbewusst. „Ich weiß, dass ich das kann.“

Wird es also reichen, für den parteilosen Mann aus Castell? Jens Oertel zieht die Stirn in Falten. „Alle gehen von einer Stichwahl aus“, sagt er. Einen Favoriten scheint es nicht zu geben. Das sei ihm in den Gesprächen mit den Bürgern signalisiert worden. Und noch etwas haben ihm die Bürger mit auf den Weg gegeben: Oertel selbst könne ganz groß rauskommen – oder grandios scheitern.

OB-Kandidat Jens Oertel

Geburtstag: 20. August 1966

Familienstand: Seit 23 Jahren verheiratet mit Margaritha, sechs Kinder zwischen 9 und 20 Jahren.

Ausbildung: Abitur in Rüsselsheim, Nahoststudien University of Michigan, Pädagogikstudium an der

Hebräischen Universität Jerusalem. Heute als selbständiger Organisationsentwickler tätig. Projekte für Caritas International, Misereor, Stef Wertheimer.

Hobbies/Engagement: Fluglehrer beim LSC Kitzingen, Mitglied im Förderverein alte Synagoge Kitzingen und Kirchenvorstand in der Johanniskirche Castell, Ehrenamtlicher Betreuer in der JVA Ebrach.

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