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KITZINGEN

Eine tierische Überraschung

Der Schutz der Mitarbeiter geht vor. Dieser Grundsatz gilt natürlich auch im Kitzinger Rathaus. Und deshalb werden die Tauben bald aus dem Dachstuhl ausziehen müssen.
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Ende des Projektes? Fast zwei Jahre lang hat Harald Knott Taubeneiner durch Gipseier ersetzt, um die Population zu verringern. Jetzt steht das Projekt im Rathausdachstuhl vor dem Aus. Foto: Archivfoto: Fuchs
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Der Schutz der Mitarbeiter geht vor. Dieser Grundsatz gilt natürlich auch im Kitzinger Rathaus. Und deshalb werden die Tauben bald aus dem Dachstuhl ausziehen müssen.

Im März 2013 eröffnete im Kitzinger Rathaus ein besonderes „Hotel“: Unter dem Dach wurde Platz für maximal 100 Tauben geschaffen. Der Grund: Die Stadt durfte die Tauben nicht mehr abschießen lassen, wie es bis 2011 Praxis war. Stattdessen musste eine andere Lösung gefunden werden, um die Taubenpopulation in den Griff zu bekommen. Ein Sperrholzverschlag im Dachstuhl wurde gebaut und von den Tauben nach und nach als neue Heimat angenommen. Harald Knott kümmerte sich täglich um das Projekt, fütterte die Tauben und ersetzte ihre Eier durch Gips-Imitate. Die positive Folge: Die Tauben-Population im Stadtgebiet hat sich verringert. Etwa 300 bis 400 Tauben weniger gibt es laut Knott dank des Projektes. Im Jahr 2013 hat es in Kitzingen rund 1000 Tauben gegeben.

Etwa 250 Eier hat Knott pro Jahr ersetzt und damit auch die Stadt sauberer gemacht. Etwa 250 Kilo weniger an Taubenmist ist so in der Stadt gelandet. Doch es gibt auch eine negative Folge: Mitarbeiter im Rathaus klagten über Hautreizungen. Die Stadtkasse im Obergeschoss musste bereits im Oktober evakuiert werden. Jetzt steht die Ursache laut Rathaus fest: Der Taubenkot war für die Hautirritationen zuständig.

„Ein hygienischer Arbeitsplatz sieht natürlich anders aus.“
Ralph Hartner, Hauptamtsleiter

Anfang Oktober fingen die Beschwerden bei drei Mitarbeiterinnen an. Unabhängig voneinander suchten sie einen Arzt auf. Gemeinsam machten sie eine andere unangenehme Entdeckung: Käfer, die durch die Decke ins Büro fielen. „20 bis 30 pro Woche waren das zu Spitzenzeiten“, berichtet der Leiter des Sachgebietes Personal, Christian Elflein. Zusammen mit Hauptamtsleiter Ralph Hartner hat er schnell reagiert und eine Ortsbegehung mit dem Betriebsarzt und Vertretern des Gesundheits- beziehungsweise Ordnungsamtes durchgeführt. „Die Käfer hatten mit den Hautreizungen nichts zu tun“, fasst Hartner die ersten Ergebnisse zusammen. „Aber ein hygienischer Arbeitsplatz sieht natürlich anders aus.“

Die Stadtkasse wurde evakuiert, die Mitarbeiterinnen in andere Büros einquartiert. Die Beschwerden verflogen. Ein Schädlingsbekämpfer wurde engagiert und ging im Büro der Stadtkasse seiner Arbeit nach.

Mehrere Untersuchungen

So weit, so gut, doch das Problem war noch nicht gelöst, die Ursache nicht eindeutig ermittelt. „Wir sind mit Bedacht vorgegangen und haben mehrere Untersuchungen angestellt“, erklärt Hartner. Auch wenn schon der erste Verdacht des Betriebsarztes auf die Tauben fiel.

Mit der neuen Klimaanlage, die mit Glaswolle gedämmt ist, gab es eine weitere mögliche Quelle für die Krankheitssymptome. Mittlerweile liegt allerdings das Ergebnis der Staub-Analyse vor. „Dort ist Harnsäure nachgewiesen worden“, sagt Elflein. Genauer gesagt: 13 Milligramm auf ein Kilo Hausstaub. Der normale Wert liegt bei null Milligramm. Harnsäure findet man im Kot von Vögeln.

Die Sache scheint klar: Die Hautreizungen wurden durch die Harnsäure im Staub ausgelöst. Dennoch bleiben Fragen offen: Wie sind die Käfer über zwei Dachstuhl-Stockwerke in die Kasse gekommen? Und warum haben sie sich ausgerechnet diesen Raum ausgesucht? Und wieso hatten andere Mitarbeiter im Obergeschoss keine Probleme mit Hautreizungen? Zumal beim Bau des Verschlags eine Plane ausgelegt wurde, um den Kot der Tiere zusätzlich abzufangen, wie Hartner versichert.

Verschlag war absolut dicht

Harald Knott bestätigt, dass der Verschlag absolut dicht war. Viel mehr will er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen und erst ein Gespräch im Rathaus abwarten. Zwei Dinge wundern ihn aber schon: Rund 40 000 Brieftaubenzüchter gibt es in Deutschland, außerdem tausende Geflügelhalter. Von Hautreizungen bei diesen Menschen ist ihm nichts bekannt. Außerdem fragt er sich, warum die Messungen nicht auch in anderen Räumen durchgeführt wurden.

Oberbürgermeister Siegfried Müller hat jetzt entschieden, den Taubenschlag schließen zu lassen. „Ich kann keinen anderen Grund für die Probleme sehen“, sagt er. Der Bereich soll von Grund auf gereinigt werden, eine Nachkontrolle der Werte durchgeführt werden. Die Stadt muss sich dann auf die Suche nach einem neuen Standort machen. „Wir müssen die Taubenregulierung schließlich weiter verfolgen“, sagt er. Auf die Bedenken von Harald Knott hat er auch eine Antwort: „Jeder Mensch reagiert halt anders auf Luftverunreinigungen.“

Wie es jetzt mit dem Taubenprojekt weitergeht? Ordnungsamtsleiter Frank Winterstein zuckt die Schultern. „Wir suchen einen alternativen Standort“, sagt er. Eine Suche, die schwierig werden dürfte. Ein neuer Taubenschlag müsste in der Innenstadt liegen, das Gebäude hoch genug sein. Und nach den jüngsten Erfahrungen müsste es wohl unbewohnt sein. „Diese Entwicklung hat mich tierisch überrascht“, sagt Winterstein. Aber eines steht auch für ihn außer Frage: Die Gesundheit der Mitarbeiter steht über allem. Für die Tauben muss er jetzt ein neues Zuhause suchen.

Taubenproblematik

Straßentaube: Die Straßen-, Haus- oder Stadttaube stammt von der rund ums Mittelmeer vorkommenden Felsentaube ab. Teils sind verwilderte Zuchttauben eingekreuzt, das Gefieder kann sehr verschieden gemustert sein. Brutbestand in Deutschland etwa 250 000 Paare. (Quelle: NABU).

Vergrämung: Tauben sind in vielen deutschen Städten ein Problem. Stuttgart und München beispielsweise setzen auf die gleiche Methode wie Kitzingen, in Köln wurden auch schon Greifvögel eingesetzt. Langfristig hat Coburg mit einem Fütterungsverbot und einer Verringerung der Nistplätze Erfolg.

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