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MAINSTOCKHEIM

Ein Blick in Kinderherzen

Melinda Hillion gestaltet mit 15 Mainstockheimer Kindern zwei ganz besondere Bücher.
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Melinda Hillion im Kreis ihrer kleinen Künstler, die das Thema Heimat in Bild und Text umgesetzt haben. Foto: Fotos: Hillion
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Warum sie sich so viel Arbeit gemacht hat? Melinda Hillion muss nicht lange überlegen. Weil es ihr Spaß macht, mit Kindern zusammenzuarbeiten. Und weil eine lebendige Integration zu einer Herzensangelegenheit für die Französin geworden ist, die seit vielen Jahren in Mainstockheim lebt.

Integration ist ein Wort, das Melinda Hillions Leben begleitet. Ihr Vater wurde in Marokko geboren, sie ist Französin. Sie hat in der Elfenbeinküste, in Kalifornien und in Dänemark gelebt. Integration war eine Notwendigkeit auf all den Stationen. Dabei gefällt ihr der Begriff gar nicht. „Es ist mit zu viel Druck verbunden“, erklärt sie. Zusammen Spaß haben, gemeinsam etwas unternehmen, ohne jeden Druck oder Zwang: Das ist für sie die Basis eines guten Zusammenlebens von verschiedenen Nationen – auf großer und kleiner Ebene.

Bis zu 15 Kinder hat Hillion in diesem Sinne in ihrem Atelier im ehemaligen Gasthaus Stern zusammengebracht. Die jüngste vier, die älteste zwölf Jahre. Deutsche Kinder waren dabei, Französische, Portugiesische, Syrische. Kinder aus Nigeria und dem Togo. Jungs und Mädels, schwarz, braun und weiß. Berührungsängste? „Null“, sagt die Künstlerin. Die Kinder haben sich von Anfang an gut verstanden. Jeden Samstagnachmittag haben sie sich für ein paar Stunden getroffen, um ein spezielles Projekt voranzutreiben: Ein eigenes Buch.

„Ich bin ... Du“, heißt das Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Jedes Kind malte sich selbst – quasi in drei Teilen. Zuerst den Kopf, dann den Körper und dann die Beine. Wie in einem Puzzle lassen sich die einzelnen Teile miteinander kombinieren und bringen beim Blättern immer ein anderes Ergebnis. Mal ist das blonde Mädchen mit einer kurzen Jeans bekleidet, mal der schwarz gelockte Junge mit einem bunten Kleid. Die Lehre erklärt sich von selbst: Wir sind unterschiedlich, aber auch gleich.

Die Kinder hatten bei dem Projekt so viel Spaß, dass sie gleich ein zweites Buch gestalten wollten. Hillion wählte als Thema das „wunderschöne Wort Heimat“. „Heimat ist der Ort, den Jung und Alt tief in ihrem Inneren in sich tragen“, sagt sie. Farben, Gerüche, Geschmäcker, aber auch Träume und die Fantasie prägen diesen Begriff – und letztendlich unsere Identität. Hillion fragte die Kinder, was es in ihrem Haus zu sehen gibt, welches Detail ihnen ganz besonders wichtig ist. „Mein Ziel war es, einen Neuanfang zu machen“, erklärt Hillion. Es ging ihr nicht um die zerstörten Häuser in Syrien oder im Iran und die entsprechenden Erinnerungen an die „alte“ Heimat.

Jedes Kind aus ihrer Ateliergruppe wohnt mittlerweile in Mainstockheim oder Kitzingen in einem „neuen“ Haus. In dem Buch „Heim sweet Heim“ öffnen sie die Türen dieser neuen Häuser zumindest einen Spaltbreit, gewähren den Betrachtern einen Blick in ihr Leben. „Sie laden uns damit ein, nicht nur einen Blick in ihr Zuhause, sondern auch einen Blick in ihr Herz zu werfen“, freut sich die Künstlerin.

Die jeweiligen Details werden in vier Sprachen übersetzt. Hannes aus Deutschland hat beispielsweise ganz viele Bücher in einem Regal und zwei Bilder an der Wand gemalt – die französischen, englischen und arabische Begriffe für Buch, Bild und Regal finden sich gleich daneben. Für Afraa aus Syrien ist der turnende Bruder das prägende Detail ihres neuen Hauses, für Jihan aus Portugal ist es der Baum und für Monachiso aus Nigeria ein Regenbogen.

Vor vier Wochen ist das Projekt beendet worden, das Buch gedruckt. Melinda Hillion hat ihr Ziel erreicht. Jedes Kind sollte ein eigenes Buch in Händen haben – und beim gemeinsamen Gestaltungsprozess miteinander ins Gespräch kommen.

Soziologen würden von einer gelungenen Integrationsarbeit sprechen. Die Französin aus Mainstockheim drückt es anders aus: „Wir hatten ganz viel Spaß zusammen und haben etwas Bleibendes geschaffen.“

Das Buch „Heim sweet Heim“ eignet sich für die Arbeit in Grundschulen oder Kindergärten. Wer Interesse hat, kann sich an Melinda Hillion unter folgender Email-Adresse wenden: melhillion@gmail.com