LANDKREIS KITZINGEN

Die Retter hinter der 112

Es sieht ein bisschen aus wie im Tower eines Flughafens. Ganz oben, unterm Dach der Würzburger Feuerwache, sitzen Frauen und Männer konzentriert an riesigen Pulten mit vielen Knöpfen. Sie sprechen in Mikrofone und beobachten gleichzeitig vier bis fünf blinkende Bildschirme. Allerdings dirigieren sie keine Flugzeuge, sondern Feuerwehren und Rettungsdienste.
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Offene Türen für Lebensretter: „Im Notfall die 112 wählen!“ Das schärfen Brandamtsrat Michael Neis und Harald Rehmann, Direktor der Feuerwehr Würzburg, allen Menschen ein. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Es sieht ein bisschen aus wie im Tower eines Flughafens. Ganz oben, unterm Dach der Würzburger Feuerwache, sitzen Frauen und Männer konzentriert an riesigen Pulten mit vielen Knöpfen. Sie sprechen in Mikrofone und beobachten gleichzeitig vier bis fünf blinkende Bildschirme. Allerdings dirigieren sie keine Flugzeuge, sondern Feuerwehren und Rettungsdienste.

Diese Lotsen heißen Disponenten. Der Raum, in dem sie in Zwölf-Stunden-Schichten arbeiten, ist die „Integrierte Leitstelle“, quasi das Notruf-Zentrum der Region. Wer in Würzburg (Stadt und Land) oder den Landkreisen Kitzingen sowie Main-Spessart einen Notruf absetzt, landet hier bei Nancy Jungk und ihren Kollegen. Im Regelfall haben zwischen drei und sechs ausgebildete Disponenten zeitgleich Dienst; bei Katastrophen, etwa Unwettern, können es aber auch bis zu 16 sein.

Disponenten müssen schnell sein

Nancy Jungk strahlt Ruhe aus. Sie ist seit 1996 hauptamtliche Disponentin. In dieser Zeit hat sie tausende schicksalsträchtige Anrufe entgegengenommen. Kein Verkehrsunfall, kein Herzinfarkt und kein Brand hat sie kalt gelassen – und doch hat sie mit kühlem Kopf die Informationen verarbeitet und schnellstmöglich professionelle Retter auf den Weg geschickt. „Oft sind die Leute, die anrufen, sehr aufgeregt oder hysterisch. Manche wissen nicht genau, wo sie sind, sondern haben zum Beispiel irgendwo auf der Autobahn einen Unfall beobachtet“, erzählt Jungk. In solchen Fällen muss sie die Menschen zunächst – so gut es geht - beruhigen, um an das Maximum an Information zu kommen: Wo, wer, wie, was?

All diese Fragen klärt Jungk bestmöglich ab und tippt gleichzeitig Schlagworte in den Computer ein, etwa „Explosion“, „Tierrettung“ oder „Dachstuhlbrand“. 600 solcher Schlagworte kennt das Rettungsleitsystem. Es schlägt aufgrund hinterlegter Daten vor, welche Retter alarmiert werden sollen.

„Aber natürlich ist nicht jede Situation zu automatisieren“, stellt Brandamtsrat Michael Neis fest, der als Berufsfeuerwehrmann aktiv im Rettungseinsatz ist, aber auch die Arbeit der Disponenten beherrscht. „Jeder Disponent muss schon noch selbst denken und letztlich aufgrund seiner Erfahrung agieren.“

Wenn beispielsweise ein Jogger anruft, der gerade irgendwo im Wald liegt, weil er einen Unfall hatte und nicht mehr aufstehen kann, dann hilft das Stichwortverzeichnis beim Lokalisieren wenig. Dann gilt es, den Anruf zurückzuverfolgen.

„In Deutschland geht das bei allen Nummern“, erklärt Neis. Und wenn jemand vermisst wird, dann fordert der Disponent die Hilfe der Polizei an. Die sucht gegebenenfalls mit Hubschrauber und Wärmekamera.

600 Anrufe gehen im Schnitt in der Integrierten Leitstelle Würzburg ein – pro Tag. Gut die Hälfte zieht einen Rettungseinsatz nach sich, alle anderen werden an Polizei oder Bereitschaftsärzte weitergeleitet.

Notfallhilfe geht vor

„Gerade bei Unfällen – egal ob auf den Straßen, zu Hause oder in Betrieben – muss alles sehr schnell gehen“, sagt Harald Rehmann, Direktor der Feuerwehr Würzburg und Chef der Leitstelle. Er verspricht: „Notfallhilfe geht immer vor und ist bei uns jederzeit gewährleistet.“ Bei weniger zeitkritischen Einsätzen – Krankentransporten zum Beispiel – gebe es jedoch schon Wartezeiten.

Die Disponenten lernen in 20 Monaten in- und externer Ausbildung, stets konzentriert zu sein und trotzdem schnell mal umdisponieren zu können, betont Rehmann. Vor allem aber müssen sie seelisch stabil sein. Denn sobald sie nach teilweise sehr emotionalen Gesprächen die Retter auf den Weg geschickt haben, können sie nur noch hoffen, dass die Einsatzkräfte rechtzeitig eintreffen.

Lange Zeit zum Grübeln bleibt ihnen jedoch meist nicht. Nancy Jungk weiß aus Erfahrung: Das Notruf-Telefon bleibt nie lange still.

Telefonnummern, die jeder kennen sollte

Notruf 112: In ganz Europa kann man über die einheitliche Notrufnummer 112 rund um die Uhr Hilfe durch Feuerwehr und Rettungsdienst anfordern – aus allen Telefonnetzen, vorwahl- und gebührenfrei.

Im Notfall richtig verhalten: Damit die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle schnell geeignete Einsatzkräfte alarmieren können, müssen Sie als Anrufer wichtige Informationen durchgeben. Dafür gibt es die fünf "W": Wo ist das Ereignis? Wer ruft an? Was ist geschehen? Wie viele Betroffene? Warten auf Rückfragen! Legen Sie nicht gleich auf, die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle benötigen von Ihnen vielleicht noch weitere Informationen.

Alarmieren und helfen: Wenn andere Personen Hilfe brauchen, leisten Sie Erste Hilfe, soweit Sie sich nicht selbst in Gefahr bringen. Helfen Sie den Einsatzkräften beim Auffinden des Ereignisortes! Beides kann Leben retten. Sind bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand Wiederbelegungsmaßnahmen erforderlich, unterstützt der Leitstellen-Disponent bei Bedarf Laien-Ersthelfer durch eine telefonische Anleitung zur Wiederbelebung.

Andere wichtige Nummern: Unter der Notrufnummer 110 erreichen Sie die Einsatzzentralen der Bayerischen Polizei, unter 0800 6 888 000 die Bundespolizei, die unter anderem für bahnpolizeiliche Angelegenheiten zuständig ist. Benötigen Sie außerhalb der regulären Sprechstunden Ihres Hausarztes ärztliche Hilfe bei nicht lebensbedrohlichen gesundheitlichen Problemen, hilft der Ärztliche Bereitschaftsdienst bei der Vermittlung eines Arztes. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist bayernweit über die Rufnummer 116 117 erreichbar – aus allen Telefonnetzen vorwahl- und gebührenfrei. ldk

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