LANDKREIS KITZINGEN

Der Frust der vier Ehrenamtlichen

Der Frust ist da. Er ist nicht wegzuleugnen. Über Nacht ist er nicht gekommen, er hat sich schleichend in den Köpfen und Herzen der vier Frauen eingenistet. Akzeptieren wollen sie das nicht. Sie wollen etwas dagegen tun. Schließlich sind sie gerne ehrenamtlich tätig.
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Ohne die Hilfe von Ehrenamtlichen würde die Integration von Flüchtlingen in Deutschland nicht gelingen. Doch deren Arbeit kann auch frustrierend sein. Vier Helferinnen aus Kitzingen wollen jetzt einen „Freundeskreis für Flüchtlinge“ gründen. Foto: Foto: Ralf Dieter
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„Unsere Arbeit läuft zu oft ins Leere“, klagt Birgit Großmann. Seit einem Jahr betreut sie zusammen mit einer anderen Ehrenamtlichen rund 20 junge Asylbewerber aus Afghanistan. Etwa drei Stunden investiert sie täglich in ihr Ehrenamt. Formulare ausfüllen, Schriftverkehr beantworten, Erziehungsgeld beantragen, Arztfahrten ausführen. Ihre Bilanz ist ernüchternd. „Unterm Strich hat es zu wenig gebracht, nur Trauer.“ Großmann nennt ein Beispiel: Ein junger Afghane lernt die neue Sprache schnell, stellt sich bei einem Praktikum gut an. Der Bäckermeister ist froh, einen neuen Gesellen zu bekommen. Kurz vor dem ersten Arbeitstag wird der junge Mann abgeschoben. Die Interventionen bei der Ausländerbehörde bringen nichts, trotz Unterstützung durch die Handwerkskammer: „Es war vieles für die Katz“, sagt Großmann und senkt bedauernd den Kopf. Ihre Arbeit mit den Flüchtlingen will sie trotzdem fortsetzen. „Diese Menschen sind mir ans Herz gewachsen.“

„Wir brauchen ein paar Leitfiguren. Gerade jetzt.“
Birgit Heckelmann Ehrenamtliche

Kaum Ermessensspielraum bei den Behörden, kaum einmal Flexibilität. Das ist es, was auch Birgit Pauluhn ärgert. Mehr noch: Sie fühlt sich als Ehrenamtliche alleine gelassen. Weder die Politik noch die Kirche in Stadt und Landkreis Kitzingen würden sich explizit für die vielen Helfer einsetzen. Und die Wohlfahrtsverbände würden die ehrenamtliche Arbeit viel zu oft als selbstverständlich annehmen. „Wir sind keine Frauen, die sich aufopfern wollen. Wir wollen gestalten“, sagt Pauluhn.

Der Frust sitzt manchmal tief. Auch bei Birgit Heckelmann. Seit zwei Jahren kümmert sich die Geschäftsfrau um die Flüchtlinge in Rüdenhausen. In manchen Fällen fühlt sie sich allein gelassen – so wie bei der Wohnungssuche für eine syrische Familie. Vier Kinder durften nach langem Schriftverkehr endlich nachkommen. Innerhalb von vier Tagen mussten sie ihr Land verlassen. Bei der Suche nach einer Bleibe in Mainfranken fühlte sich niemand zuständig. Auf der Gemeinde beschied man ihr, die Familie zur Not in einem Obdachlosenheim unterzubringen. Im Landratsamt habe es mit Verweis auf den sozialen Frieden geheißen, die Behörde könne nicht helfen. Sozial benachteiligte Familien aus Deutschland dürften nicht benachteiligt werden. „Das will ich doch auch nicht“, stellt Heckelmann klar. Ihr Vorschlag: Man könne die Wohnungsvergabe nach Dringlichkeit regeln – für Flüchtlinge und sozial Benachteiligte gleichermaßen. „Eine Antwort auf diesen Vorschlag habe ich nicht bekommen.“

Monika Braun betreut seit rund zwei Jahren die Flüchtlinge, die in der Inneren Sulzfelder Straße in Kitzingen untergekommen sind. Viele schlaflose Nächte habe sie gehabt, die Verantwortung für die Familienschicksale gespürt. Ans Aufhören habe sie trotzdem keinen Gedanken verschwendet – genauso wenig wie an eine zeitlich befristete Auszeit. „Ich kann diese Menschen doch nicht alleine lassen“, sagt sie.

Anfang Oktober fuhren Brigitte Pauluhn und weitere Ehrenamtliche aus dem Landkreis zu einem 24-Stunden-Streik nach Landsberg am Lech. Hunderte Ehrenamtliche machten dort – und später in München – ihrem Ärger Luft. Die Bayerische Regierung verhindere mit ihrer Politik die Integration von Flüchtlingen, eine unüberschaubare Bürokratie behindere die Arbeit der Ehrenamtlichen. Die hätten viel zu tun, aber nichts zu sagen.

Entsprechend formuliert Birgit Heckelmann ihre Gefühle: „Unser größter Frust besteht darin, dass unsere Stimme nicht gehört wird. „Wir wollen ein ebenbürtiger Gesprächspartner sein“, ergänzt Brigitte Pauluhn. Bei Themen wie der Wohnungssuche oder der Beratung für anerkannte Flüchtlinge könnten die Ehrenamtlichen ein gewichtiges Wort mitsprechen. „Zumal es niemanden gibt, der näher dran ist an den Bedürfnissen und Sorgen der Flüchtlinge als wir.“

Ein entsprechendes Gremium soll Ende des Monats gegründet werden. Den engagierten Ehrenamtlichen schwebt ein „Freundeskreis für Flüchtlinge“ nach dem Vorbild des Flüchtlingsrates in Würzburg vor. „Natürlich wird so ein Rat in Kitzingen kleiner ausfallen“, weiß Monika Braun. Über engagierte Vertreter aus Politik, Kirche und Wirtschaft als Unterstützer würden sich die Ehrenamtlichen freuen. „Wir brauchen ein paar Leitfiguren“, sagt Birgit Heckelmann. „Gerade jetzt.“

-> Landrätin Tamara Bischof nimmt in einem Interview Stellung zur Kritik der vier Ehrenamtlichen: Lokales Seite 14

Gründung: Der „Freundeskreis für Flüchtlinge“ soll während des Ehrenamtsstammtisches am 29. November, ab 19.30 Uhr, im Esbach Hof in Kitzingen gegründet werden. An diesem Abend soll gleich die Vorstandswahl stattfinden. Freiwillige Helfer sind willkommen.

Weitere Infos bei Birgit Heckelmann, Tel. (01 71)4 90 74 43, und Birgit Großmann, Tel. (01 73) 4 11 85 69.

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