WÄSSERNDORF

Das Tor zur Wässerndorfer Ruine

Träumen darf man – und vor der Kulisse der romantischen Schlossruine von Wässerndorf fällt das gleich noch einmal so leicht. Eben noch von Bäumen verdeckt, bauen sich mächtige Mauern vor Monika Rützel auf. Obwohl der Anblick für sie nichts Neues ist, ist sie immer wieder beeindruckt.
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Beeindruckend: Zwar versperrt ein großes Tor die Ruine, doch auch wer nur die Mauern entlang läuft, fühlt sich, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht.
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Träumen darf man – und vor der Kulisse der romantischen Schlossruine von Wässerndorf fällt das gleich noch einmal so leicht. Eben noch von Bäumen verdeckt, bauen sich mächtige Mauern vor Monika Rützel auf. Obwohl der Anblick für sie nichts Neues ist, ist sie immer wieder beeindruckt. Nur zu gern würde sie jetzt den Riegel des schweren Tores beiseite schieben und aller Welt zeigen, welcher Schatz dort oben auf dem Hügel des Seinsheimer Ortsteils im Verborgenen liegt. Dort im Schatten der alten Giebel ein Konzert ausrichten oder unterhalb der kleinen Türmchen mit einer Theateraufführung begeistern – wenn Monika Rützel kurz ihre Augen schließt, kann sie all das bildlich vor sich sehen.

Trotz ihrer Träume ist die Wässerndorferin jemand, der den Tatsachen ins Auge sieht. Die Schlossruine ist seit 30 Jahren in Privatbesitz. Einfach so reinspazieren ist demnach nicht – zumal die Ruine sicherlich auch viele Gefahren birgt. Der Schlossruinen-Verein, dessen Vorsitzende Monika Rützel seit der Gründung vor zehn Jahren ist, ist dankbar, dass der Neffe des Besitzers zumindest einmal im Jahr Einblick in die Ruine gewährt. Jeweils am zweiten Wochenende im September, traditionell dem Tag des offenen Denkmals, richtet der Verein das Schlossruinenfest aus. Dann steht das Tor offen, Interessierte können dann nicht nur den Trampelpfad um die Ruine herum laufen, sondern sich auch mitten aufs ehemalige Schlossgelände stellen und ihren Blick über die Mauern schweifen lassen, die 1945 zum Raub der Flammen wurden.

„Wir müssen mit der Situation zufrieden sein, die wir haben“, fasst es Monika Rützel zusammen. Immer wieder wird sie gefragt, weshalb der Verein sich überhaupt so viel Mühe gibt, die Geschichte des Schlosses lebendig zu halten – „wo Euch doch nichts gehört...“ Die gebürtige Österreicherin weiß dann gar nicht recht, was sie antworten soll. Für sie ist es selbstverständlich, dass die Geschichte um ein solches Kulturgut weitergegeben werden muss. „Der Verein hätte sich eigentlich schon viel früher gründen müssen“, sagt sie heute. Klaus Rützel und Bernd Mark waren es, die vor zehn Jahren den Stein als Gemeinderäte ins Rollen brachten und die Gründung eines Vereins vorantrieben. „Zuvor war das Interesse eher verhalten“, wundert sich Monika Rützel. Dann aber haben sich die knapp 60 Mitglieder für „ihre Ruine“ stark gemacht. Sie haben Flyer aufgelegt und veranstalten das jährliche Schlossruinenfest. „Gäste sind immer wieder begeistert“, erzählt die Vorsitzende. Es kommt nicht selten vor, dass sich Leute – betört von Flair, Ambiente und Kulisse – spontan zu einer Mitgliedschaft entscheiden.

Wenn die Mitglieder zusammensitzen, zum Beispiel bei der launigen Jahreshauptversammlung mit Blauen Zipfeln vor den Mauern der Ruine, wird gerne geträumt. Von den alten Zeiten, als ihre jüngsten Vorfahren hier oben noch zur Arbeit gingen oder die Kinder die Schlosskulisse als riesengroßen Abenteuer-Spielplatz benutzt haben. Von den bevorstehenden Aktionen, wie dem nächsten Schlossruinenfest mit Schaukämpfen der „Fränkischen Flanke“. Und natürlich auch von der offenen, spannenden Zukunft.

Der Verein steht in regelmäßigem Kontakt zum Schlossbesitzer und dessen Neffe, die in Wiesbaden bzw. Halle wohnen. Der Neffe Orlas Röthe kümmert sich darum, dass der Weg um die Ruine passierbar ist und kommt unter dem Jahr ab und an zu Führungen nach Wässerndorf. Kann er dies nicht einrichten, übernimmt Monika Rützel gerne eine Führung. Einen Schlüssel zum Öffnen des Tores hat sie zwar nicht, aber sie versteht es mit ihren fesselnden Erzählungen auch so, ihre Zuhörer in alte Zeiten zu versetzen.

Bevor die Wässerndorferin mit ihrem Hund den Heimweg einschlägt, wirft sie einen letzten Blick durch den Spalt des Holztors. „Wer weiß, irgendwann gehört all das vielleicht doch mal unserem Verein...“ Als die Ruine einst „für einen Appel und ein Ei“ verkauft wurde, habe die Gemeinde ihre Chance vertan. Damals hat es aber auch den Schlossruinen-Verein noch nicht gegeben.

Geschichte der Ruine

1250 Bau der Wässerndorfer Burg durch die Seinsheimer.

1502 Die Schwarzenberger werden neuer Besitzer der Burg.

1550 Umbau der Burg zum Wasserschloss.

1910 Die Familie von Plönitz wird neuer Besitzer des Schlosses.

1945 Am 5. April wird das Schloss von amerikanischen Besatzungstruppen in Brand gesteckt; für einen Wiederaufbau fehlen die finanziellen Mittel; so bekommt der bayerische Staat das Schloss geschenkt.

1982 Die Ruine wird an einen Privatmann verkauft, der sie eigentlich zu einem Hotel ausbauen will; das Projekt ist nicht zu finanzieren und wird an einen Garten- und Landschaftsarchitekten verschenkt.

13. September 2015 Tag des offenen Denkmals mit Führungen durch den Schlossruinen-Verein. lni

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