SCHWARZACH

Arbeit im Asylbereich: Über Grenzen hinaus

„Wir sind in der Behörde alle am Limit“, sagt Sabine Taub, Leiterin der Ausländerbehörde im Landkreis Kitzingen. Amtliche und Ehrenamtliche berichten über die Organisation im Asylbereich.
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Ein Haufen Anträge: Viel Papier kommt auf dem Weg eines Flüchtlings durch die Bürokratie zusammen. Das macht jede Menge Arbeit. Foto: Fotos: R. Wagner
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„Wir sind in der Behörde alle am Limit“, sagt Sabine Taub, Leiterin der Ausländerbehörde im Landkreis Kitzingen. „Im Asylbereich wird jenseits von üblichen Arbeitszeiten gearbeitet“, fügt Karin Dörfler hinzu, die als Leiterin des Bereichs Asyl beim Sozialamt auch für die Notunterkunft im Innopark verantwortlich ist.

Auf der anderen Seite klagen auch die Flüchtlinge. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Fast 2500 Flüchtlinge haben den Bund bisher wegen der langwierigen Asylverfahren verklagt, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Allein 851 dieser „Untätigkeitsklagen“ kommen aus Bayern.

Hintergrund sind die Verfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die oft viele Monate dauern. „Ich muss den Flüchtlingen viel Kamillentee ausschenken – und Baldriantropfen verabreichen“, nimmt es Bruder Abraham mit Humor. Der Geistliche kümmert sich im Kloster Münsterschwarzach mit seinen Mitbrüdern ehrenamtlich um etwa 30 Flüchtlinge.

Es gehört zu seinen Hauptaufgaben, zu beruhigen und um Verständnis für die langen Wartezeiten zu werben.

Niemand war vorbereitet

Die Organisation der vielen Geflohenen ist schwierig. Niemand war auf solche Zahlen vorbereitet. Auch im Landkreis war die Organisation eine große Herausforderung. „Man spürt aber langsam, dass sich da gute Strukturen herausgebildet haben“, sagt Karin Dörfler. Auf Bundesebene wurde das Asylpaket II beschlossen. Sollte es tatsächlich, wie geplant, noch im Februar in Gesetzesform gegossen werden, wird sich auch für Dörfler, Taub und Kollegen wieder einiges ändern – unter anderem beim Familiennachzug. Das kennt man bereits: Erst im Januar wurde beispielsweise die Einzelfallprüfung auch für Syrer wieder eingeführt. Das Ergebnis sind noch längere Wartezeiten – und noch mehr Beruhigungsarbeit. „Im Asylbereich muss man zur Zeit sehr spontan und flexibel arbeiten“, sagt Dörfler.

Gleichzeitig betont sie: „Die Arbeit gibt einem auch viel zurück. Wenn man sieht, wie glücklich die Flüchtlinge über Hilfe sind – das ist schon sehr bewegend.“ Belastend ist der hohe Arbeitsaufwand aus einem ganz anderen Grund: „Man weiß, die Menschen kommen aus einer Notlage. Aber man kann nicht so schnell helfen, wie man möchte“, sagt Taub.

Die Wege deutscher Bürokratie sind für Außenstehende schier unergründlich. Umso mehr muss dies für Menschen gelten, die bisher keinen Kontakt zur Verwaltung hatten und oft nicht einmal Deutsch sprechen können. Ein Beispiel:

Ein wichtiger Schritt für jeden Flüchtling ist der aus der Aufnahmeeinrichtung in die dezentrale Unterkunft. Hier ist das erste Mal wieder eine gewisse Selbstständigkeit möglich. Nötig dafür: Geld. Auszufüllen dafür ist der „Antrag auf Gewährung von Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz“.

„Für einen Deutschen ist der Antrag noch relativ übersichtlich“, erklärt Bruder Abraham. Aber Asylbewerber sähen ohne Hilfe alt aus.

Fragen nach dem Namen, der Herkunft und dem Aufenthaltsstatus müssen beantwortet werden. Aber eben auch nach Arbeitslosengeld I, nach in den letzten zehn Jahren verschenkten Vermögenswerten und möglichen Rentenansprüchen. Auf den beigelegten Anhängen darf der Asylbewerber dann noch Fragen über Vermögen im In- und Ausland beantworten. Besitzt er vielleicht ein Haus in Deutschland? Oder hat er einen deutschen Bausparvertrag abgeschlossen? „Ich könnte mir vorstellen, dass man das einfacher gestalten könnte“, sagt Bruder Abraham. Er zeigt aber auch Verständnis für die Behörden: „Man muss sich ja juristisch absichern.“ Erst dann gibt es Leistungen in Höhe der deutschen Sozialhilfe. Abzüglich bestimmter Kostenpunkte, die gestellt werden, sind das 330,61 Euro.

Es ist schwierig, den „typischen“ Weg eines Asylbewerbers durch die deutsche Bürokratie zu beschreiben. Denn „den Asylbewerber“ gibt es nicht. „Ausnahmen sind die Normalität“, sagt die Leiterin der Notunterkunft Innopark, Karin Dörfler. Für manche Asylbewerber ist das Sozialamt in Kitzingen zuständig – allerdings nicht die hiesige Ausländerbehörde von Sabine Taub. Stattdessen müssten Flüchtlinge grundsätzlich wegen bestimmter Anträge nach Schweinfurt fahren. Zwar existiert eine Absprache mit Schweinfurt, dass viele Unterlagen in Kitzingen entgegengenommen oder sogar bearbeitet werden können. Einen nicht unerheblichen Mehraufwand bedeutet das trotzdem.

Das Bamf als Nadelöhr

Andere Anträge, wie beispielsweise jene zur Aufnahme einer Arbeit, müssen von der Zentralen Arbeitsvermittlung (ZAV) abgesegnet werden. Und dazu kommt noch das Bamf – das „organisatorische Nadelöhr“, wie es Dörfler ausdrückt.

Diesem komplexen System stehen oft ganz einfache Probleme im Weg: Wie wird ein arabischer Name auf Deutsch richtig geschrieben? Was ist Vor-, was ist Nachname? „Es wird unglaublich kompliziert, wenn der Mitarbeiter in Schweinfurt den Namen anders geschrieben hat“, erzählt Bruder Abraham. Dazu kommt, dass gerade Flüchtlinge aus dem ländlichen Afghanistan ihr Geburtsdatum nicht genau wissen. „Fatal ist, wenn sowohl Geburtsdatum als auch Name nicht übereinstimmen“, erklärt der Benediktiner. Dann stellt sich schnell die Frage: „Ist das überhaupt die richtige Person?“

Mit der Anerkennung als Asylberechtigter endet das Verwaltungswirrwarr nicht. Vielmehr geht es jetzt erst so richtig los: Passbilder machen, Termin beim Ausländeramt, „Terroristen-Screening“, Vorstellung beim Jobcenter. Dann zum Sozialamt, zurück zum Jobcenter und nochmals zur Ausländerbehörde. Dazu noch Wohnungs- und Jobsuche sowie der Kontakt zur Botschaft zwecks Familiennachzug. Die Flüchtlinge müssen einige Kilometer abreißen – und mit ihnen die ehrenamtlichen Helfer.

Bei den Diskussionen über den Umgang mit Flüchtlingen und die Überforderung der Polizei wird dieser organisatorische Aufwand oft vergessen. Bruder Abraham betont: „Ich bewundere wirklich die Mitarbeiter, die da mit einer Engelsgeduld arbeiten.“ Und die Kollegen Dörfler und Taub geben zu Protokoll, wie wichtig die Ehrenamtlichen für sie sind: „Die leisten wirklich einen großen Beitrag“, sagt Dörfler. Durch die Herausforderungen sind alle ein Stück zusammengerückt – auch so wurden Grenzen überwunden. Am Ende sitzt Bruder Abraham dann in seinem Büro mit einem Ordner voller Dokumente – für jeden Flüchtling einen. Und ein neuer steht schon vor der Tür.

Das Asylverfahren im Landkreis im Überblick (Infobox)

1. Grenzübergang mit Erstuntersuchung, Ausstellung der „Büma“ (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender)

2. Unterbringung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt oder in einer ausgelagerten Unterkunft (z.B. Notunterkunft Innopark)

3. Registrierung mit Einführung, Bettenzuweisung und Essensmarken

4. Medizinische Untersuchung und Impfstatus

5. Dezentrale Unterbringung oder Gemeinschaftsunterkünfte – Antrag auf Leistungen nach Asylgesetzgebung, Beginn der Schulpflicht

6/7. Arbeitssuche ist nach drei Monaten möglich – mit Genehmigung der Ausländerbehörde

6/7. Asylantrag mit Einzellfallprüfung

8. Anerkennung – Räumung der Unterkunft, Antrag der Aufenthaltsgenehmigung, Integrationskurs und Meldung beim Jobcenter

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