KITZINGEN

24 Stunden in der Pflicht

Pflegende Angehörige brauchen Entlastung. Noch gibt es zu wenig Angebote in Kitzingen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Karl-Heinz Rasp pflegt seine Frau gerne und aufopferungsvoll. Eine Entlastung würde ihm von Zeit zu Zeit gut tun. Fotos: Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter
+1 Bild

Er pflegt seine Frau, ist für sie da. 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr. Und das seit sieben Jahren. Karl-Heinz Rasp ist darüber nicht verzweifelt. Er hat die Aufgabe angenommen. Verbesserungspotenzial sieht er trotzdem. Gerade in Kitzingen.

Das Café Zeitlos gibt es seit vier Jahren. Brigitte Schulze leitet es mit zwei Kolleginnen ehrenamtlich. Jeden Donnerstagnachmittag sitzen im Stadtteilzentrum in der Siedlung Senioren beisammen, betreut von ehrenamtlichen Kräften. (Bericht auf der Seite Mittendrin) Einmal in der Woche bringt Karl-Heinz Rasp seine Frau Angelika vorbei. Drei Stunden hat er dann Zeit für sich. Drei Stunden zum Durchschnaufen. „Meistens lege ich in der Zeit Wäsche zusammen, gehe einkaufen oder mache das Auto sauber“, erklärt der 72-Jährige und lächelt. Früh ist bei seiner Frau Demenz diagnostiziert worden. 59 Jahre jung war sie da. Ihr Mann hatte gerade sein Arbeitsleben beendet, hatte sich auf die Rente und eine schöne Zeit zu zweit gefreut. Stattdessen hat er einen Full-Time-Job übernommen. „Ich bin 24 Stunden am Tag in der Pflicht“, sagt er.

Das Schlafzimmer hat er ins Wohnzimmer verlegt, die Treppen schafft seine Frau Angelika schon lange nicht mehr. Seit ein paar Tagen sitzt sie im Rollstuhl. Das macht das Leben für Karl-Heinz Rasp nicht leichter. Einen wichtigen Termin bei der Podologin (Fußpflege) hat er mit seiner Frau zuletzt zu Fuß zurückgelegt. Von der Siedlung in die Kitzinger Innenstadt. Sechs Kilometer hin und zurück. „Ich hatte danach ganz schön Muskelkater“, sagt der 72-Jährige. Der Rollstuhl birgt weitere Probleme: „Wie bringe ich meine Frau ins Auto?“, fragt er sich. „Und wo kann ich den Rollstuhl verstauen?“

Ohne seine Frau will er jedenfalls nicht zum Einkaufen fahren. Das ist ihm zu gefährlich geworden. Karl-Heinz Rasp weiß nicht, wie es bei seiner Rückkehr daheim aussehen wird. „Einmal hat Angelika die Küche unter Wasser gesetzt, weil sie vergessen hatte, den Wasserhahn wieder zuzudrehen“, erinnert er sich. „Das war das erste und einzige Mal in den sieben Jahren, dass ich laut geworden bin.“

Wie vielen Menschen es wie Karl-Heinz Rasp geht, ist schwer zu sagen. Der Barmer-Pflegereport 2018 berichtet von 280.000 Fällen in Bayern. Heruntergerechnet auf den Landkreis Kitzingen würde das bedeuten, dass hier 2000 pflegende Angehörige leben.

„Jede kleine Auszeit tut den pflegenden Angehörigen gut.“
Petra Dlugosch, Fachstelle für Demenz

Den meisten dürfte es ähnlich ergehen wie Karl-Heinz Rasp. „Sie bräuchten dringend eine Entlastung“, weiß Petra Dlugosch von der Caritas-Fachstelle für pflegende Angehörige in Kitzingen. Möglichkeiten gibt es. Rund 40 so genannte Alltagsbegleiter hat Dlugosch auf ihrer Liste stehen. Menschen, die helfen wollen und dafür 7,50 Euro die Stunde erhalten. „Bezahltes Ehrenamt“, nennt es Dlugosch. Als Voraussetzung muss ein 40-stündiger Kurs absolviert werden, in dem die Teilnehmer vor allem lernen, wie Menschen mit Demenz ticken, wie man am besten mit ihnen umgeht.

Seit ein paar Wochen kommt so eine Alltagsbegleiterin ins Haus der Familie Rasp, hilft Angelika Rasp beim Gang auf die Toilette oder spielt mit ihr eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“. „Das klappt ganz wunderbar“, freut sich ihr Mann, der jede Gelegenheit nutzt, um mit seiner Frau unter Menschen zu kommen. Neben dem Café Zeitlos besucht er auch einen Gesprächskreis der Caritas, der im nächsten Jahr ausgebaut werden soll. „Dann wollen wir mit der Diakonie kooperieren“, kündigt Dlugosch an. Ihr Ziel: Die pflegenden Angehörigen sollen in einer Gruppe die Gelegenheit zum Austausch bekommen, während die Betroffenen zeitgleich in einer anderen Gruppe von Ehrenamtlichen betreut werden. „Jede kleine Auszeit tut den pflegenden Angehörigen gut“, weiß Petra Dlugosch. Jede Möglichkeit hilft, sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten.

Karl-Heinz Rasp liebt seine Frau. Und deshalb ist es für ihn selbstverständlich, dass er sich kümmert. Manchmal würde er sich über eine Auszeit freuen. Zeit, um in Ruhe einzukaufen, selbst zum Arzt zu gehen oder auch mal spazieren zu gehen. Eine Tagespflege hält er deshalb für ein sinnvolles Angebot. Sieben solcher Einrichtungen gibt es im gesamten Landkreis. In der Großen Kreisstadt bislang keine einzige. „Die Tagespflege war bis vor kurzem für die Träger nicht kostendeckend“, erklärt Dlugosch. Nach einer Gesetzesänderung hat sich das geändert. Und so planen zwei Wohlfahrtsverbände eine Tagespflege in Kitzingen: Das Rote Kreuz und die Diakonie.

Das Diakonische Werk Kitzingen plant eine Tagespflege gegenüber dem Seniorenhaus Mühlenpark in der Siedlung. Es sind 16 bis 20 Plätze vorgesehen. Fertigstellung und Eröffnung im Frühjahr 2021. Das Rote Kreuz plant eine Tagespflegeeinrichtung im conneKT in Kitzingen und eine weitere in Volkach. Eröffnungstermin: jeweils 2021.

So lange muss Karl-Heinz Rasp noch warten und andere Möglichkeiten wie eine Alltagsbegleitung nutzen. Grundsätzlich ist das ein tolles Angebot. Der Nachteil: Maximal 2400 Euro pro Jahr dürfen diese Helfer verdienen. „Kein all zu großer Anreiz“, bedauert Dlugosch. Auf der anderen Seite stehen jedem pflegenden Angehörigen im Monat 125 Euro zur Verfügung für entlastende Dienste. „Viel zu wenig“, findet Dlugosch. „Wenn der Staat will, dass Angehörige daheim gepflegt werden, dann muss er auch die Mittel erhöhen“, fordert sie.

Karl-Heinz Rasp sieht das genauso. Er ist froh und dankbar, dass ihm Bekannte und Verwandte immer wieder helfen, dass die ehemaligen Handballkolleginnen seiner Frau vorbeischauen. Dennoch: Gerne würde er ein paar Stunden mehr haben, in denen er seine Frau in guten Händen weiß. Zeit, in der er auftanken kann. Der gebürtige Mainbernheimer hat hohen Blutdruck, fasst sich beim Gespräch immer mal ans Herz. „Geht schon“, beschwichtigt er. „Aber ich darf halt selbst nicht krank werden.“

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren