KITZINGEN

19 Fundkatzen im Juni: Extremsituation im Tierheim

Vor allem alte, kranke Tiere landen bei Angela Drabant und ihrem Team in Kitzingen
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Da gab es noch Hoffnung: Dieser Kater, der am Mittwoch in Euerfeld gefunden wurde, ist mittlerweile tot. Foto: Angela Drabant
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Angela Drabant hat schon viel erlebt. Aber so einen Monat noch nicht. „So viele Tiere, wie in diesem Juni abgegeben wurden, haben wir noch nie in einem Monat aufnehmen müssen“, stellt die Leiterin des Kitzinger Tierheims fest.

Ihr Telefon klingelt fast pausenlos, gleichzeitig bellen Hunde, miauen Katzen. Im Kitzinger Tierheim in der Kaltensondheimer Straße herrscht Hochbetrieb. Vor lauter Stress hat Angela Drabant tagsüber kaum Zeit, sich Sorgen zu machen: Wie soll das weiter gehen, wenn so viele alte, kranke Tiere kommen, die eine kostenintensive medizinische Betreuung brauchen?

Niemand vermisst sie

Allein 19 Fundkatzen wurden seit Anfang Juni ins Tierheim gebracht. Viele davon abgemagert, verfilzt, krank. Allesamt waren es jedoch zahme Tiere, keine verwilderten, die schon länger in freier Natur gelebt hätten.

Warum auf einmal so viele Sorgenkinder kommen? Angela Drabant kann nur raten: „Wenn Tiere alt und krank werden, kosten sie Geld. Vielleicht konnte oder wollte manch einer dieses Geld nicht aufbringen und hat sein Tier deshalb ausgesetzt?“

Warum auch immer: Das Kitzinger Tierheim ist bereits jetzt am Limit, vier Wochen vor Beginn der großen Ferien in Bayern. „Zum Glück wurden zumindest die drei Hunde, die wir im Juni bekommen haben, wieder abgeholt. Sie waren nur ausgebüxt.“ Einen sonnengelben Nymphensittich und ein schwarz-braunes Zwergkaninchen hat jedoch offenbar niemand vermisst. Auch von den Katzen wurde noch keine einzige wieder abgeholt. „Da kräht kein Hahn danach.“

Gerade bei den älteren, auf Medikamente angewiesenen Tieren sei es schwierig, sie in ein neues, liebevolles Zuhause zu vermitteln. „Die meisten Menschen wollen halt lieber ein junges, gesundes Tier haben und sich keinen Pflegefall ins Haus holen.“ Das heißt aber auch, dass die Tiere im Heim bleiben und dort lebenslang Kosten verursachen.

Polizei nimmt Schlange wieder mit

Nur ein einziges Tier, das im Juni sogar per Polizeiauto am Tierheimtor ankam, haben Angela Drabant und ihr Team nicht einquartiert: eine Kornnatter, die in einem Garten in Mainstockheim aufgetaucht war. „Wir dürfen keine Reptilien aufnehmen“, erklärte die Tierheimleiterin den Polizisten, die daraufhin einen „Schlangenbeschwörer“ ausfindig machten: Klaus Ebert, Reptilienfachmann bei der Firma Fressnapf. Er nahm die Kornnatter zu sich.

Zusammen mit einem weiteren Findling lebt das Tier derzeit in einem Terrarium. Klaus Ebert betont, dass die Schlange in den kommenden Wochen noch nicht verkauft wird; man wartet erst ab, ob sich der Besitzer noch meldet. „Das Tier ist sicher noch nicht lange im Freien gewesen. Es hat noch keine natürliche Scheu entwickelt.“

Klaus Ebert kann sich vorstellen, dass die Natter einfach abgehauen ist – oder eben doch ausgesetzt wurde. Bis Mitte Juli wird die Schlange nun erst mal in Eberts Obhut bleiben; falls sich der Eigentümer bis dahin nicht gemeldet hat und es einen Interessenten gibt, findet sie anschließend eventuell einen neuen Besitzer.

Damit würde es ihr besser ergehen als den meisten derzeitigen Insassen des Tierheims. Fast täglich kommen Neuzugänge, zum Beispiel Kater „Findus“, der am 22. Juni auf einmal in einem Dettelbacher Garten stand. „Dettelbach ist heuer einer der Hotspots für Fundtiere“, weiß Angela Drabant.

Der Tierarzt hat bei dem abgemagerten, verfilzten Findus eine Schilddrüsenüberfunktion diagnostiziert, der Kater wird also lebenslang Medikamente brauchen. „Er erholt sich gut, ist mittlerweile wieder sehr munter, frisst gut und ist verschmust“, erzählt die Tierheimleiterin, die einen kleinen Hoffnungsschimmer sieht: Die Menschen, in deren Garten Findus aufgetaucht ist, wollen ihn vielleicht sogar übernehmen. Allerdings ist das Tierheim verpflichtet, ihn, wie jedes Fundtier, erst einmal vier Wochen dazubehalten – falls sich der Besitzer wider Erwarten doch noch melden sollte.

Zusammen mit ihrem Kollegen Robert und einer Teilzeitpraktikantin sowie zwei Wochenend-Aushilfen bewältigt Angela Drabant die viele Arbeit derzeit noch ganz gut. Das Praktikum allerdings endet im August, „dann wird es personell eng“. Dass die Zukunft des Tierheims, das auf einsturzgefährdeten Stollen steht, noch völlig offen ist, wirkt sich auch auf die personelle Situation aus.

Sofort in Behandlung

„Es ist wirklich traurig, dass es diese vielen Fundtiere in unserem Landkreis gibt, vor allem, wenn sie so vernachlässigt oder verletzt sind, dass wir sie nicht mehr retten können“, betont Iris von Crailsheim, die frühere 2. Vorsitzende des Tierheims, die sich noch immer ehrenamtlich für die Tiere engagiert. Es ist ihr wichtig, den Menschen zu zeigen, was es bedeutet, Fundtiere adäquat zu versorgen. „Ein verletztes Tier muss meistens sofort in tierärztliche Behandlung gebracht werden.“

Es muss anschließend oft in Quarantäne untergebracht und während dieser Zeit sachkundig versorgt werden. „Das käme auf die Städte und Gemeinden zu, wenn das Tierheim schließen würde und sie ihre Fundtiere selbst aufnehmen, unterbringen und versorgen müssten“, stellt von Crailsheim fest.

Während die politische Debatte um eine Tierheim-Zukunft noch läuft, wird Tierheim-Leiterin Angela Drabant von der aktuellen Fundtier-Welle überrollt. Schon wieder klingelt das Telefon. „Und dabei haben die Ferien noch gar nicht angefangen!“

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