Kitzingen
Grabesstille

Leiche blieb ein Jahr lang unbemerkt

Sigurd Spitzig war alkoholsüchtig. Zu seinen Söhnen hatte er den Kontakt abgebrochen, als diese noch Kinder waren. Nun sollen die jungen Männer für sein Begräbnis zahlen - die Leiche hatte ein Jahr lang unbemerkt in einer Wohnung gelegen.
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Ein einfaches Holzkreuz   in Forchheim erinnert an Sigurd Spitzig. Foto: Hofbauer
Ein einfaches Holzkreuz in Forchheim erinnert an Sigurd Spitzig. Foto: Hofbauer
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Der Vater ist tot. Als sie diese Nachricht erhielten, waren Kevin Spitzig und sein Bruder 19 und 17 Jahre alt. Es war im September 2010. Ihr Vater hatte da schon ein ganzes Jahr lang tot in seiner Forchheimer Wohnung gelegen. "Wir haben keine Trauer gespürt." Kevin presst die Lippen aufeinander. Vor über einem Jahrzehnt hatte der alkoholsüchtige Vater den Kontakt abgebrochen. "Und an die Zeit vorher erinnere ich mich nicht gern."

Heute ist Kevin 22 Jahre alt, lebt mit zwei Geschwistern, seiner Mutter und deren neuem Partner in Rödelsee. Er hat kürzlich seine Ausbildung zum Physiotherapeuten beendet und unterstützt seine Mutter Carmen beim Abbezahlen des Hauses. Carmen, 42, hat jahrelang in der Pflege gearbeitet und hatte nebenbei zwei Putzstellen, um sich und die Kinder "durchzubringen", denn "Unterhalt hat der Sigurd nie bezahlt". Derzeit bildet sie sich in Scheinfeld zur examinierten Altenpflegerin weiter. "Finanziell waren wir nie auf Rosen gebettet, aber wir haben es geschafft."

Doch der Totenfund in Forchheim legte sich wie ein Schatten auf das mühsam erkämpfte Alltagsglück in Rödelsee. Starker Verwesungsgeruch hatte die Polizei vor gut zwei Jahren auf den Plan gerufen. In einem Mehrfamilienhaus im Forchheimer Süden machten die Beamten den grausigen Fund. Fast mumifiziert war die Leiche, die mit der einen Hand noch eine Bierflasche umklammerte. Der Tote hatte offenbar ein ganzes Jahr lang in der Wohnung gelegen. Niemand hatte ihn vermisst. Er hatte wohl weder zu seinen sechs Geschwistern noch zu anderen Menschen engeren Kontakt. Nur ein teurer DNA-Test hätte den Mann einwandfrei identifizieren können - doch wer hätte dafür zahlen wollen? Ohne DNA-Beweis aber darf eine Leiche hierzulande nicht verbrannt werden. Da niemand anders es tat, veranlasste die Stadt Forchheim schließlich die Beisetzung - eine Armenbestattung.


"Den Geruch vergesse ich nie"

Alte Erinnerungen kommen in Carmen Müller hoch, wenn sie erzählt. Zwar wurde sie schon 2000 von Sigurd Spitzig geschieden, "aber so etwas beutelt einen trotzdem". Nie werde sie "den Geruch in der vermüllten Wohnung vergessen". Anfangs machte sie sich Vorwürfe: "Hätte ich ihm doch irgendwie noch helfen können?" Erst bei einer psychologisch betreuten Kur wurde ihr Blick klarer: "Wir hatten früher alles versucht."

Wenn Carmens Augen heute noch feucht werden, ist daran weniger die Trauer Schuld, sondern Enttäuschung, gepaart mit Wut und Ohnmacht. Nachdem alle in Frage Kommenden eine mögliche Erbschaft ausgeschlagen hatten, wurde vor zwei Jahren Werner Emmert vom Amtsgericht Forchheim als Nachlassverwalter bestellt. Als seine Arbeit beendet war, erhielt Kevin Spitzig von der Stadt Forchheim einen Brief: Es gebe einen offenen Rest für die Armenbeisetzung ; diesen - fast 1100 Euro - solle Kevin erstatten. Der junge Mann war perplex: "Damals war ich noch in der Ausbildung." Das Amt wartete ein Jahr und wies dann erneut auf die Zahlungspflicht hin. "Aber so viel Geld habe ich nicht auf der hohen Kante." Kevin, so der Rat von Amts wegen, könne sich ja die Hälfte von seinem jüngeren Bruder zurückholen. Doch der wehrt, auf seinen leiblichen Vater angesprochen, vehement ab: "Ich kenn' den nicht."


"Es tut mir so weh"

Carmen Müller versteht die Reaktion: "Es tut mir so weh, dass die Kinder, die wegen Sigurd so viel ertragen mussten, jetzt für seine Beerdigung zahlen sollen! Ich hoffe immer noch, dass sich ein anderer Weg findet." Die gebürtige Marktstefterin fragt sich, wo die rund 10.000 Euro hingekommen sind, die Sigurds Konto beim Auffinden der Leiche noch aufgewiesen haben müsse, "denn seine Sozialrente lief ja weiter ein". Der Nachlasspfleger gab ihr darüber keine Auskunft, denn das Erbe war ja ausgeschlagen worden. Auf Anfrage von infranken.de betonte Emmert, dass kleinere Schulden da waren, Mietkosten und auch der Nachlasspflegeaufwand bezahlt werden mussten. "Unterm Strich war nichts mehr da."

Vor wenigen Tagen erreichte Kevin Spitzig ein erneuter Brief aus Forchheim: die Ankündigung, dass der Gerichtsvollzieher kommen werde. "Ich hatte der Stadt Forchheim angeboten, monatlich 30 Euro abzustottern - keine Reaktion. Und jetzt das!" Kevin ist wütend - auf den Vater und auf "Vater Staat", die vertrackte Rechtslage. "Was ist das für eine Gerechtigkeit?"


HINTERGRUND:

Schon seit dem Mittelalter besteht in Deutschland die Bestattungspflicht. Stirbt ein Mensch und hat nicht für seine Beerdigung vorgesorgt, dann sind die nächsten Familienangehörigen in der Pflicht - "auch wenn seit langem kein Kontakt bestand": Ehegatte, dann Kinder und weitere Verwandte wie Geschwister, zählt Dieter Borawski, Leiter des Kitzinger Standesamtes, auf. Unabhängig von einem eventuellen Erbe müssen sie die Kosten tragen - oder demjenigen ersetzen, der die Beisetzung veranlasst hat, etwa der Kommune. Können sie dies nicht, kann das Sozialamt einspringen. Aufwühlenden Streit vermeidet derjenige, der Geld für die eigene Bestattung zurücklegt, stellt Borawski fest.

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