SOMMERACH

Lehrreiche Tour am Fluss

Serie Gästeführungen, Teil 4: Wer mit Dr. Peter Wondrak am Ufer des Mains entlang spaziert, der lernt viel über das Leben am und unter Wasser.
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Kaum einer kennt die Geschichte des Mains und dessen Lebewesen so gut wie Dr. Peter Wondrak. Seinen Besuchern erzählt er unter anderem vom Jahr 1975, als tonnenweise tote Fische am Ufer des Flusses gefunden wurden. Bilder belegen den damaligen Skandal. Die Natur rund um Sommerach zeugt von den Verbesserungen, die seither angestoßen und umgesetzt wurden. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Am liebsten beantwortet er Fragen. Und die können sich um alle möglichen Themenbereiche drehen: Die Sehenswürdigkeiten von Sommerach, den Wein und den Main. Dessen Lebensraum stellt Dr. Peter Wondrak Interessierten bei seiner Führung „Lebensraum Main“ besonders eindrücklich vor.

Wondrak lebt seit 1978 in Sommerach, war jahrelang als Fischereifachberater im Bezirk Unterfranken tätig. Für die Führung entlang des Naturlehrpfads an Main und Baggerseen ist er geradezu prädestiniert. Seit etwas mehr als zehn Jahren bietet er die Tour an. Drei- bis fünfmal im Jahr wird er gebucht. „Oft von Menschen mit speziellem Interesse am Fluss und seinen Bewohnern“, sagt er. Einmal hatte er eine Gruppe aus Dänemark zu Gast. In der Regel kommen die Neugierigen aus der näheren Umgebung.

„Der Aal ist halt kein Sympathieträger wie

die Biene.“

Dr. Peter Wondrak, Gästeführer Sommerach

Am Parkplatz vor dem Campingplatz geht es los. Nach eineinhalb Stunden endet die Tour – auf Wunsch – mit einer Einkehr im Heim des örtlichen Anglervereins, dessen zweiter Vorsitzender Wondrak seit vielen Jahren ist.

Etliche Bilder hat der Sommeracher auf seiner Tour mit dabei. Er zeigt einen Wels, der es auf erstaunliche zwei Meter Länge und rund 60 Kilo Gewicht gebracht hat und in der Nähe von Sommerach aus dem Gewässer gezogen wurde. „Eine stattliche Persönlichkeit“, sagt Wondrak und freut sich, dass der Fisch nach seinem Fang wieder in den Main entlassen wurde. Seit etwa 25 Jahren leben Welse im Main, fühlen sich im warmen und teils trüben Wasser wohl. Woher sie kamen? Da muss selbst der Experte passen.

Am meisten staunen die Besucher über Bilder, die bereits 44 Jahre alt sind – und einen Skandal belegen. Im Herbst 1975 lagen an den Ufern des Mains zwischen Ochsenfurt und Erlabrunn tausende toter Fische. „Tonnenweise Leichen“, erinnert sich Wondrak. Ursächlich waren die Abwasser aus der Zuckerfabrik in Ochsenfurt, die den lebensnotwendigen Sauerstoff im Fluss aufzehrten.

So schlimm das Ereignis damals auch war, es kennzeichnete gleichzeitig einen Wendepunkt. Die Behandlung der Abwässer entlang des Flusses wurde von da an thematisiert und Stück für Stück verbessert – es setzte ein Umdenken in der Bevölkerung ein. „Endlich merkten die Menschen, dass es in dem Fluss auch Lebewesen gibt“, erinnert sich Wondrak.

Langsam etablierte sich ein Verständnis – auch wenn die Fische nach wie vor nicht die gleiche Lobby haben wie Bienen, Bieber oder Fledermäuse. Peter Wondrak zieht ein anderes Foto aus seiner Mappe. Aale sind zu sehen – nur fehlen ihnen die Köpfe. „In den Turbinen der Stauwerke kommen immer noch tausende Aale ums Leben“, sagt er. Jahr für Jahr ziehen sie in der Laichzeit Richtung Atlantik und sterben in den Kraftwerken des Mains. „An jeder Staustufe lassen etwa 30 Prozent der Aale ihr Leben“, sagt Wondrak. Es gibt mehr als 30 Staustufen am unterfränkischen Main.

Ein Aderlass, der kaum auf Interesse stößt. „Der Aal ist halt kein Sympathieträger wie die Biene“, bedauert der Sommeracher. Dass tonnenweise Aale Jahr für Jahr sterben würden die Menschen halt zur Kenntnis nehmen – wenn sie überhaupt davon erfahren. Peter Wondrak erzählt seinen Besuchern davon. Und von einer lobenswerten Rettungsaktion.

Die Mainfischer organisieren Jahr für Jahr im Herbst eine groß angelegte Rettungsaktion. Vor vier ausgewählten Staustufen werden Aale mit so genannten Aalschokkern gefangen, in Behältern auf Lkw geladen und an den Rhein gefahren, wo sie wieder ausgesetzt werden, um gefahrlos ihren Weg Richtung Atlantik zum Laichen aufnehmen zu können. Eine Aktion die von den Kraftwerksbetreibern finanziert wird.

„Vor allem Weißfischarten fühlen sich im Main wieder wohl, seit sich die Wasserqualität verbessert hat.“
Peter Wondrak

Es ist beileibe nicht die einzige Rettungsaktion der Fischer: Pro Jahr bringen sie rund eine Million Fischbesatz im Main aus. Das Geld für den Besatz stammt vom Verkauf der Anglerkarten an Einheimische und Gäste. Ein Erlaubnisschein am Altmain kostet 130 Euro pro Jahr. „Das hier ist halt auch ein sehr attraktives Gewässer“, sagt der Gästeführer und zeigt auf den dichten Bewuchs am Ufer, die Steilhänge an der Escherndorfer Seite und den flachen Uferbereich, in dem sich kleine Rapfen tummeln. „Vor allem Weißfischarten wie Schleie, Äsche und Zander fühlen sich im Main wieder wohl, seit sich die Wasserqualität deutlich verbessert hat“, erklärt Wondrak und erzählt, dass der Fluss bis vor 120 Jahren noch ein Gewässer für Lachse war, die bis nach Bamberg gezogen sind. „Dann wurden die ersten Querbauwerke errichtet und die Wanderung der Tiere endete am Rhein.“

Ohne den jährlichen Besatz würde es weder Hecht noch Aal im Main mehr geben, erklärt Wondrak. Die natürliche Fortpflanzung wird vor allem durch den Schiffsverkehr gestört. „Der Wellenschlag zerstört den Laich am Uferrand“, erklärt der Experte. Seit die großen Hotelschiffe fahren, wird der Laich immer stärker gefährdet. „Der Fluss ist halt auch ein Lebensraum“, gibt der Gästeführer zu bedenken. Ein begrenzter noch dazu. Etwa 5000 Hektar Wasserfläche gibt es in Unterfranken. Anders als Hasen oder Rehe können die Flusstiere vor einer Gefahr nicht fliehen. Jedes Boot, das Wellen verursacht, stellt letztendlich eine Gefahr für ihre Population dar. Entsprechend wenig Verständnis hat Wondrak denn auch für die Besitzer von Motoryachten, die zwischen den Staustufen hin- und herfahren. „Das ist so, als wenn ich mit meinem Auto den ganzen Tag auf einem Parkplatz meine Runden drehe“, sagt er und muss schmunzeln.

Weiter geht die Tour entlang der Sommeracher Baggerseen, die einst mit Baggern vom Main aus erschlossen wurden, um den wertvollen Sand abzubauen. Peter Wondrak geht geduldig und ausführlich auf die Fragen der Besucher ein. Dass ihm die Fische im Main und deren Wohlergehen besonders am Herzen liegen, wird dabei schnell deutlich. Und so erzählt er bei der Frage nach der Vogelwelt am Fluss auch vom Kormoran, der von Anfang Januar bis Ende März auf den Bäumen am Uferbereich auf Nahrung lauert. Pro Tag frisst ein Kormoran rund 500 Gramm Fisch. „Die Äsche hat der Vogel an den Nebengewässern quasi ausgerottet“, sagt Wondrak. Seine Gäste seien stets ganz erstaunt, wenn sie das hören. Wondrak schüttelt den Kopf und zieht einen einleuchtenden Vergleich: Man könne eben auch nicht gleichzeitig Storch- und Froschschützer sein.

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