LANDKREIS KT

Leben und Sterben nach der Hitze

Ungeahnte Auswirkungen des Trockensommers. Wie jeder der Natur jetzt helfen kann.
Artikel drucken Artikel einbetten
IMG_0735
Sandra Malguth hält zwei vermeintliche Steine in der Hand. Der Supersommer 2018 hat es möglich gemacht, dass die nur wenige Gramm leichten Schildkrötenbabys völlig ohne Brutkasten und menschliche Hilfe in Franken zur Welt kamen. Foto: Fotos: Diana Fuchs
+8 Bilder

Auf einmal bewegten sich die Kieselsteine vor seinen Füßen. Herr Rose traute seinen Augen nicht. Angestrengt schaute er zu Boden. Das, was er schließlich erkannte, ließ ihn zuerst an seinem Verstand zweifeln, dann an den biologischen Gesetzen, die sein 82-jähriges Leben bisher bestimmt hatten. Da krabbelten winzige Schildkröten durch seinen Garten. Dabei hatte seine griechische Landschildkröte Agatha schon jahrelang keinen Männerbesuch.

Viel zu trocken und sehr heiß – so wird der „Supersommer“ 2018 in die Geschichtsbücher eingehen. Er ist der zweitwärmste, zweittrockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nur im Dürresommer 1911 war es noch trockener. Im Frühjahr „explodierten“ Bäume und Pflanzen regelrecht. Viele Erntezeiten verschoben sich. Oft erschwerte Wassermangel die Ernte, etwa von Kartoffeln und anderen Erdfrüchten, die im harten Boden feststeckten. All diese Extreme hatten und haben Folgen für Flora, Fauna und damit den Menschen.

„Wie immer in der Natur gibt es in solchen Jahren Gewinner und Verlierer“, stellt Markus Schmitt fest, der Geschäftsführer des Kitzinger Landschaftspflegeverbandes. Alle Arten und Lebensräume, die auf Wasser angewiesen sind, haben laut Schmitt in den letzten Jahren zunehmend Probleme bekommen. Amphibien, die zum Überleben flache, kleine Gewässer brauchen – etwa die Kreuzkröte –, hatten heuer Schwierigkeiten, Nachwuchs durchzubringen: Die Laichgewässer trockneten so schnell aus, dass sich die Kaulquappen nicht fertig entwickeln konnten.

Schwer hatte es auch der Feldhamster: Ihm hat wegen der verschobenen Erntezeiten die Nahrung gefehlt, so dass es fraglich ist, ob der zweite Wurf überhaupt eine Chance hatte und wie sich das auf die Populationsgröße auswirken wird, sagt Ulrike Geise, Artenschutzbeauftragte beim Bund Naturschutz.

Während der Kreuzkröten- und Feldhamsterbestand also zu schrumpfen droht, haben die meisten Bienen das Jahr gut überstanden. Auch Dank „cooler“ Fähigkeiten: „Bei Temperaturen über 30 Grad haben sie keinen Nektar mehr gesammelt, sondern nur noch Wasser“, erklärt Thomas Gschwandtner vom Verband Bayerischer Imker (KV Kitzingen). Dieses Wasser verteilten die Bienen auf den Waben und begannen, mit ihren Flügeln zu fächeln. Dadurch brachten sie das Wasser zum Verdunsten. „Die Bienen nutzen also ein physikalisches Naturgesetz: Wenn Flüssigkeiten in den gasförmigen Zustand übergehen, wird Energie verbraucht. Es entsteht Verdunstungskälte. So klimatisieren die Bienen ihr Wabenwerk.“

In voller Sonne lagen dagegen viele Gärten. Deshalb erlebten einige Schildkrötenbesitzer Mitte/Ende September eine faustdicke Überraschung: Aus den Erdhügeln im Garten grub sich wenige Zentimeter kleiner Schildkrötennachwuchs ans Tageslicht. „Naturbruten sind bei uns normalerweise unmöglich“, weiß Sandra Malguth von der Schildkrötenauffangstation Kitzingen. Doch der Supersommer 2018 sorgte für die große Ausnahme.

„Griechische Landschildkröten legen zwei- bis dreimal pro Jahr Eier. Viele Schildkrötenbesitzer lassen diese einfach im Boden. Bei uns klappt das Nachzüchten normalerweise eh nur im Brutkasten“, sagt Malguth. „Außerdem denken viele nicht, dass die Eier überhaupt befruchtet sein könnten.“ Im Hinblick auf den Klimawandel ist es für alle Schildkrötenbesitzer jedoch sinnvoll, über eine besondere Gabe von Schildkrötenweibchen Bescheid zu wissen: Sie können das Sperma gleich mehrerer Männchen fünf Jahre lang in ihrem Körper speichern. Und bei Bedarf abgeben.

So muss es im Frühsommer im Garten von Herrn Rose passiert sein. Der Unterfranke wunderte sich nicht schlecht, als er Ende September plötzlich 15 vermeintlich laufende Steine – Schildkrötenschlüpflinge – in seinem Garten vorfand. „Er war entsetzt, weil er schon seine große Schildkröte kaum mehr allein versorgen kann. Die Babys hat er in unsere Obhut gegeben“, erzählt Sandra Malguth, die den Winzlingen nun ein Terrarium im Wärmehaus gebaut hat. Im Frühsommer 2019 möchte sie die Kleinen an liebevolle Besitzer vermitteln. Ein Dutzend Mal hat die Fachfrau heuer auch per Telefon Ratschläge erteilt, weil „plötzliche“ Naturbruten die Tierbesitzer überrascht haben.

„Einerseits ist so ein Ereignis natürlich toll, andererseits hat es aber auch kritische Folgen“, gibt Malguth zu bedenken. Viele der Jungtiere seien sehr wahrscheinlich männlich – damit Weibchen entstehen, müsste die Bodentemperatur weitere anderthalb bis zwei Grad höher liegen als bei männlichem Nachwuchs. „Wenn wir nun aber lauter Männchen haben, gibt es in einigen Jahren, wenn diese geschlechtsreif werden, ein Problem: Männer kann man nämlich nur dann gemeinsam halten, wenn man ihre Territorien trennen kann – und wer hat schon so viel Platz? Wir in der Station haben ohnehin schon Männerüberschuss.“

Neue Arten rücken an

Mit einem lachenden, aber auch einem weinenden Auge sehen das Jahr 2018 nicht nur Tier-, sondern auch Pflanzenfreunde. „Wenn die Bedingungen vor Ort nicht mehr passen, verschwinden Pflanzen mit hohem Wasserbedarf bei uns“, weiß Markus Schmitt. „Und neue Arten, die mehr Trockenheit vertragen, siedeln sich an.“

Zu den Biotopen, denen Hitze nicht so viel ausmacht, zählt der Fachmann den Sandmagerrasen und die Halbtrocken- beziehungsweise Trockenrasen-Standorte. Dort, etwa am Schwanbergrand, wachsen teils seltene Pflanzen, die an den Trockenstress angepasst sind und damit umgehen können.

Mit Vernunft mulchen und mähen

Bei Käfern, Schmetterlingen, Ameisen, Heuschrecken, Wanzen und Libellen ist die Lage ähnlich: Wärmeliebende Arten vermehren sich, während Arten, die eher kühle und feuchte Bedingungen benötigen, dezimiert werden oder gar aussterben. „Es tauchen immer wieder neue Insektenarten auf, vor allem aus dem Mittelmeergebiet – zum Beispiel die große schwarze Holzbiene, das Weinhähnchen und verschiedene Wildbienenarten, die sich aufgrund der veränderten Verhältnisse bei uns etablieren können.“

Markus Schmitt beobachtet jedoch einen bedenklichen Trend: Viele Flächen werden blütenärmer. „Das ist nicht nur ein Problem dieses Jahres, sondern hat oft mit einer veränderten Bewirtschaftungsweise zu tun.“ Was Schmitt so diplomatisch formuliert, bringt Landwirt Klaus Burger, der für das Kloster Münsterschwarzach arbeitet, so auf den Punkt: „Manche Flächen werden totgemulcht.“ Gerade heuer sei das schlimm, weil es wegen der Trockenheit sowieso weniger Nahrung und Unterschlupf für Insekten und Kleintiere gibt.

Was jeder Mensch tun kann, um die Folgen des Trockensommers zu mildern? Landwirt Burger sagt: „Verstand einschalten und nur danach – nicht strikt nach irgendeinem festgesetzten Zeitplan – mulchen und mähen.“ Landschaftspfleger Schmitt ergänzt: „Brachestreifen aus Gras über den Winter stehen lassen, um Wildtieren Nahrung und Deckung sowie Insekten einen Platz zum Überwintern zu bieten.“ Imker Gschwandtner regt an, Vogeltränken oder Teiche aufzustellen oder anzulegen, an denen sich Insekten mit Wasser versorgen können. Und BN-Fachfrau Geise rät, den Ordnungssinn hinten anzustellen und nicht alle Pflanzen im Garten radikal abzuschneiden, sondern als Insektenschutz stehen zu lassen.

„Was wir für die Biodiversität tun können, das sollten wir tun“, sagt Geise. „Es werden ohnehin noch ungeahnte Folgen des Klimawandels auf uns zukommen.“ Bodenorganismen, Pflanzen, Tiere: Jede Art gehe anders mit dem sich verändernden Klima um. Spannend werde es bei Arten, die auf Synchronisation mit anderen angewiesen sind. Etwa der Wiesenknopf-Ameisenbläuling: Dieser Schmetterling lebt nur zwei Wochen und braucht in dieser Zeit spezielle Ameisen (zur Brutpflege) sowie (als Nahrung) blühende Wiesenknopf-Pflanzen, die wiederum nur auf feuchten Wiesen wachsen. „Bei so komplexen Systemen wissen wir überhaupt nicht, was da kommen wird.“ Die Schildkrötenbabys sind wohl nur die Vorhut.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren