KITZINGEN

"Lasst sie nicht verhungern!"

Kleine Tragödien ganz in unserer Nähe: Immer mehr Igel finden heuer nicht genug Wasser und Nahrung. Sie verenden jämmerlich. Wie kann man helfen?
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Gudrun und Herbert Martin haben ein riesengroßes Herz für Stacheltiere. Foto: Foto: DIANA FUCHS
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Frisches Wasser und ein bisschen Katzenfutter hätten ihn gerettet. Doch jetzt ist es zu spät. Gudrun Martin beißt sich auf die Lippen. Sie schüttelt den Kopf. „Er ist tot“, sagt sie, ebenso enttäuscht wie der Mann, der ihr den kleinen Igel gerade gebracht hat. Er hat ihn vor gut einer Stunde am Straßenrand liegend gefunden. „Ich hab‘ gedacht, vielleicht schafft er es, wenn ich ihn hierher fahre“, murmelt der Mann. Er sieht selbst, wie unterernährt das Stacheltierchen ist. Der Kleine hat offensichtlich über einen längeren Zeitraum kaum etwas gefressen. „Weil es nichts gibt!“, sagt Gudrun Martin. „Die Trockenheit in Verbindung mit einem eklatanten Schwund an Insekten, Käfern, Würmern und Schnecken ist für die Igel verheerend.“

48 Igel hat man ihr und ihrem Mann heuer schon als Notfälle in die Auffangstation nach Gerbrunn bei Würzburg gebracht. „41 davon sind schlicht und einfach verhungert.“ Martin schüttelt traurig den Kopf. „Das ist mehr als alarmierend, das ist furchtbar. In den 29 Jahren, in denen wir die Auffangstation betreiben, haben wir so etwas nicht ansatzweise erleben müssen.“

„Wir haben wirklich Angst“

Und jeden Tag kommen noch mehr kranke, oft todgeweihte Tiere, manche bereits von Maden befallen und von Fliegeneiern bedeckt. In diesen Fällen können auch die intensivsten Bemühungen nichts mehr ändern, sondern man kann die Igel nur noch von ihrem Leiden erlösen und sie in der Tierklinik einschläfern lassen. „In normalen Jahren konnten wir immer 75 bis 80 Prozent der Tiere retten, die uns gebracht wurden“, berichtet Gudrun Martin. Dann kam das Trockenjahr 2018 – und mit ihm eine Sterberate von fast 50 Prozent. „Schon letztes Jahr fanden die Igel oft weder Wasser noch Insekten. Knapp die Hälfte der Notfälle war so geschwächt, dass wir sie nicht durchgebracht haben.“ Und nun droht der Sommer 2019 noch schrecklicher zu werden – zahlreiche Anrufe jeden Tag und die große Zahl abgegebener kranker Tiere lassen das erahnen. „Wir haben wirklich Angst“, sagt Gudrun Martin. Denn jetzt, Mitte Juli, beginnt bei den Igeln die Setzzeit. „Wenn die Weibchen ihre Jungen bekommen, ist ein gutes Nahrungsangebot erst recht lebensnotwendig. Finden die Tiere nichts zu essen, verlassen sie auf der Suche nach Nahrung ihre Brut. Und die stirbt dann.“

Einige Igelbabys werden von Menschen gefunden und in eine Auffangstation gebracht, wo Menschen wie die Martins sie tags wie nachts immer wieder mit einer Pipette füttern, ihnen Bauch und Schließmuskel massieren, damit sie lernen zu koten, sie hegen und pflegen. Gudrun und Herbert Martin tun das seit drei Jahrzehnten mit viel Engagement und Liebe, aber heuer graut es ihnen vor einer besonders schweren Zeit: „Wie sollen wir das schaffen, wenn immer mehr Waisenkinder kommen? Wir sind ja nur zu zweit.“ Zudem hat Gudrun Martin erst kürzlich eine schwere OP hinter sich gebracht und ist noch nicht wirklich fit.

Doch wer Igelbabys retten will, muss sie alle zwei Stunden füttern und sie pflegen. „Wir brauchen ganz, ganz dringend liebe Menschen, die uns helfen, die Babys großzuziehen“, sagt Herbert Martin. „Wir würden ehrenamtliche Helfer natürlich an die Hand nehmen, ihnen alles, was sie brauchen, zur Verfügung stellen, und wir wären auch immer als Ansprechpartner verfügbar.“ Ideal wären Menschen, die Zeit haben, Rentner zum Beispiel, und die bereit sind, die Verantwortung für das junge Leben eine Zeitlang zu übernehmen. Dass das nicht nur eine menschlich, sondern auch biologisch sinnvolle Sache ist, davon sind die Martins überzeugt. „Die Igelpopulation geht rasend schnell zurück“, weiß das Paar. Allein anhand der Zahlen-Statistik der Auffangstation ist das zu sehen. Im Jahr 2014 versorgten die Martins 332 Fundtiere. Im Folgejahr darauf waren es 298. Von 2016 bis 2018 sank die Zahl wiederum kontinuierlich: von 275 über 248 zu 207.

Mit dem Igel steht eines unserer ältesten Säugetiere, das früher als Allerweltstier galt, mittlerweile auf der Vorwarnliste der in Bayern vom Aussterben bedrohten Tierarten. „Nicht nur wir in der Auffangstation können helfen, sondern eigentlich jeder, der über eine Grünfläche verfügt“, betont Gudrun Martin. Wer, wie früher, einen natürlichen Komposthaufen anlegt – „kein Plastikding, in das kein Wurm reinkommt“ –, sorgt dafür, dass das Stacheltier proteinreiche tierische Nahrung wie Schnecken, Würmer und Insekten findet. „Und wer irgendwo, wo es nicht stört, einen Reisighaufen anlegt und ihn einfach liegen lässt, gibt dem Igel Unterschlupf oder sogar die Möglichkeit, ein Nest zu bauen.“ Früher rieten alle Fachmänner, auch die Martins, Igel im Sommer nicht zu füttern. „Inzwischen sagen wir das Gegenteil: Leute, bitte stellt euren Igeln im Garten jeden Tag ein Schälchen Leitungswasser hin und füttert sie, zum Beispiel mit Katzen-Nassfutter, auch im Sommer. Denn sie finden oft einfach nicht genug zu fressen.“

Mit ihrem hervorragenden Geruchssinn finden Igel bereitgestelltes Futter im Nu. Wer seinen Gartenbewohnern etwas besonders Gutes tun will, kann ihnen ein bisschen Igel-Trockenfutter, das aus getrockneten Mehlwürmern und Ähnlichem besteht, mit in den Napf geben. „Igel brauchen tierisches Eiweiß, um zu überleben. Aber es muss keineswegs das teuerste Futter sein, günstiges reicht vollkommen aus.“ Wer tagsüber einen Igel längere Zeit irgendwo sitzen oder gar liegen sieht, könne fast sicher sein, dass das nachtaktive Tier mangelernährt ist. Dann ist schnelles Handeln angesagt. Gudrun Martin appelliert an alle: „Lassen Sie das Tier nicht verhungern!“ Frisches Wasser und ein bisschen Katzenfutter reichen ihm oft schon.

Igeln helfen

Entstehung der Station: Ein Fundigel gab den Ausschlag: Gudrun und Herbert Martin legten 1990 den Grundstein für ihre Igelstation in Gerbrunn, die sie immer weiter ausbauten. Das Paar arbeitet ehrenamtlich, alle Kosten für Futter, Material zum Bauen von Gehegen, Futter- und Schlafhäusern sowie Heu und vieles mehr gehen zu Lasten der Betreiber.

Hilfe: Das Tierheim Würzburg stellt Medikamente zur Verfügung und trägt die Kosten für tierärztliche Behandlungen. Ebenso hilft das Tierheim Kitzingen durch kleinere finanzielle Zuwendungen. Sowohl Gudrun als auch Herbert Martin gehen auf die 70 zu. Von der kleinen Rente, die sie erhalten, finanzieren sie ihre private Auffangstation. „Ohne zusätzliche Spenden könnten wir die Station nicht mehr am Laufen halten“, sagen die Martins. Sie danken jedem, der sich mit tatkräftiger Hilfe oder finanziell für die Igelhilfe stark macht:

Gudrun und Herbert Martin, Tel. 0931/ 30489608, Spendenkonto: VR-Bank Würzburg, IBAN: DE03 7909 0000 0005 3623 26, BIC GENODEF1WU1, Verwendungszweck: Igelhilfe

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