Manfred Groll braucht kein Kommando, nur den ersten Takt: "Horch, was kommt von draußen rein". Groll spielt Akkordeon und Willanzheim singt. Gemeinsam, im Wirtshaus. Knapp 80 Leute sitzen an drei langen Tafeln, zwischendurch schiebt sich Manfred Groll. Küferhemd, Kappe, rote Wangen, dahinter läuft Christiane Eberth mit dem Saxophon. Die beiden begleiten die singenden Willanzheimer.

Wirtshaussingen. Einmal im Jahr machen sie das im unterfränkischen Willanzheim im Landkreis Kitzingen. Freie Plätze gibt es dann im Gasthaus zum Hirschen kaum noch. Auf der Eckbank sitzt zum Beispiel Karl Vollgärtner. Der ist zwar streng genommen kein Willanzheimer, kommt aus Tiefenstockheim, aber das ist egal. Dort singt er normalerweise auch. Gemischter Chor, Bass. "Wir stellen das Fundament", sagt er, lacht, trinkt einen Schluck. Aber einmal im Jahr kommt er nach Willanzheim, wenn im Wirtshaus gesungen wird. Nicht öfter, sonst geht der Reiz verloren. "Ich muss mich darauf freuen können", sagt er.



Manfred Groll spielt jetzt "Wohlauf die Luft geht frisch und rein", dann "Bergkameraden sind wir". Die Wirtschaft singt mit. Manche Bergkameraden, manche Bergvagabunden. Ganz egal. Die Bedienung trällert, der Wirt klopft den Takt auf dem Tresen, eine Frau schnippt mit den Fingern. Manfred Groll steckt an.

Das beobachtet auch Armin Griebel. Der 58-Jährige leitet die Forschungsstelle Fränkische Volksmusik im mittelfränkischen Uffenheim. "Es scheint das Bedürfnis nach Singen und Geselligkeit ist in den letzten Jahren wieder aufgeblüht", sagt er. In den 1980er Jahren kamen die Wirtshaussingen erst in Mittelfranken und im Rieß, dann überall in Franken wieder auf. Mittlerweile spielen die Wirtshaussingen längst eine Rolle in der Kulturgutpflege, die Menschen geben die Volkslieder im Wirtshaus weiter.

So wie Siegbert Mauckner. Seine Lesebrille liegt vor ihm, die braucht er nicht. Nicht bei diesem Lied. Das Ännchen von Tharau. Uralt, 17. Jahrhundert, Ostpreußen. Im Original 17 Strophen und eigentlich ein Gedicht auf eine Pfarrerstochter. Friedrich Silcher hat dann im 18. Jahrhundert die Melodie dazu geschrieben, wie bei vielen deutschen Volksliedern. Das Ännchen von Thurau ist ein langsames Lied. Melodisch. Wer es zum ersten Mal hört, denkt nach jeder Zeile, jetzt muss es doch endlich Fahrt aufnehmen. Tut es nicht. Es bleibt langsam. In Willanzheim singen sie nicht alle 17 Strophen, aber viele. Siegbert Mauckner sagt, das Ännchen ist eine alte Weise. Er singt es, seit er singt. "Erste Stimme", sagt er nickt, setzt die Brille wieder auf und blättert durch das Liederheft.

Manfred Groll ruft "Seite 19" . Frankenlied. Groll spielt den ersten Takt, die Willanzheimer legen die Liedbücher weg und singen. Das Lied kennt hier jeder.