Jiorgos Stamatelos ist traurig. Und er schämt sich. "Ich schäme mich für unsere Politiker, für das schmutzige System, das die Schuld an der Krise trägt." Und weil er sich so schämt, fühlt sich der Grieche in Deutschland mehr zu Hause als in seiner Heimat - und das macht ihn traurig.

Jiorgos Stamatelos ist seit knapp drei Wochen in Deutschland und arbeitet als Kellner im griechischen Restaurant Akropolis in Kitzingen. Deutschland ist dem 47-Jährigen aber alles andere als fremd: Als er sechs Jahre alt war, kamen seine Eltern als Gastarbeiter hierher. Er ging hier zur Schule und kehrte dann als junger Mann nach Griechenland zurück, heiratete, baute sich eine Existenz auf - und jetzt muss er in die Fußstapfen seiner Eltern treten. "Sie müssen sich vorstellen, was da los ist, wenn man in meinem Alter so etwas noch einmal macht."


600 Euro netto als Geschäftsführer



Stamatelos wäre lieber auf Lefkada geblieben, der Insel nordwestlich der Peloponnes, auf der er eigentlich lebt. Aber dort konnte er nicht mehr genug Geld für sich und seine Familie verdienen. "Ich war Geschäftsführer im Restaurant eines großen Hotels und sollte jetzt für 600 Euro netto arbeiten - das ist ein Drittel meines früheren Gehalts!" Der Gastronom kündigte und kam über Kontakte von früher nach Kitzingen - wo er als Kellner mehr verdient als derzeit zu Hause als Chef. Und damit hatte er noch Glück, denn viele Griechen sind inzwischen arbeitslos, wissen kaum, wie sie über die Runden kommen sollen.

Die Situation in Griechenland betrachtet er mit großer Sorge: "Im Moment weiß man nicht, was morgen passiert - so hat das Land keine Zukunft." Ihm kommt es so vor, als ob die griechischen Politiker ihr Land gar nicht retten wollen. "Sie haben jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet - und jetzt wissen sie nicht, wie sie Griechenland wieder voranbringen können." Leiden müssten darunter nun vor allem die kleinen Leute, die bei korrupten Schiebereien nicht mitgemacht haben. Ganz unschuldig ist aber niemand, findet Stamatelos: "Jeder hat davon gewusst und keiner hat etwas dagegen getan." Außerdem hätte die EU Griechenland deutlich eher unter Druck setzten müssen, findet er.


Verwaltung verschlanken



Natürlich hat auch der Gastronom kein Patentrezept. Sparen könne man aber auf jeden Fall am Verwaltungsapparat: "1,2 Millionen Griechen sind Beamte - das sind elf Prozent der Bevölkerung! Wer braucht denn so viele Staatsdiener?" Seiner Meinung nach sollte Griechenland außerdem aus der Eurozone aussteigen, eine neue, funktionierende Regierung bilden und erst wieder einsteigen, wenn sich die Lage stabilisiert hat. "Und es müsste strenge Kontrollen von außen geben, Leute aus anderen EU-Ländern, die vor Ort sitzen und schauen, wo das Geld hinwandert."

Das "normale Volk" hätte dagegen sicher nichts einzuwenden, glaubt der 47-Jährige. Denn eines weist er vehement zurück: "Es gibt keine Europa- oder Deutschenfeindlichkeit bei der Mehrheit der Griechen." Die Menschen, die man in den Nachrichten gegen Europa oder Deutschland demonstrieren sehe, seien hauptsächlich ehemalige Großverdiener, die jetzt ebenfalls unter der Krise leiden - wobei es ihnen noch verhältnismäßig gut gehe. "Wer jeden Tag aufs Neue schauen muss, wie er seine Familie ernährt, hat gar keine Kraft, auf die Straße zu gehen."

Im Gegenzug hofft er, dass die Deutschen - und alle anderen EU-Bürger - jetzt nicht nur noch schlecht von seinem Land denken. "Griechenland, das sind nicht nur die Politiker. Es gibt Millionen Griechen, die sich für das schämen, was da vor sich ging - obwohl die meisten von ihnen nichts verbrochen haben."