Abtswind

Kriminalbeamte sorgen sich um Integration

Integration darf kein Zufall sein: Beim Frankentreffen des Bunds Deutscher Kriminalbeamter in Abtswind (Lkr. Kitzingen) werden klare Ziele gefordert – oder ein Gesetz.
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Deutsch lernen, am Leben teilhaben: Flüchtlingen nur ein Dach über dem Kopf zu besorgen, reicht nicht. Für Integration braucht es mehr Einsatz – und klar definierte Zielvorstellungen.
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„Migranten in Bayern – Bereicherung oder Belastung für die Polizei?“ lautete die Fragestellung der Podiumsdiskussion beim Frankentreffen des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Abtswind (Lkr. Kitzingen).

Eine Antwort lautet: Die Belastung ist enorm, rund 13 000 Flüchtlinge in 758 Unterkünften allein in Unterfranken erfordern rund 200 Einsätze aller Art im Monat – von der Ausweiskontrolle bis zum Würzburger Axt-Attentat. Was bei den Wortbeiträgen der etwa 50 anwesenden Kriminalbeamten und Polizeikräfte deutlich wurde: Nicht die Zahl der Einsätze sei das Problem, sondern die Aussicht, dass sich durch gescheiterte Integrationsbemühungen die Gefährdungslage erhöhen und schwere Fälle häufen könnten.

Realistisches Deutschlandbild

Es sei viel zu oft dem Zufall überlassen, wie viel Zeit und Zuwendung, wie viel „Menschenarbeit“ in Flüchtlinge investiert werde, beklagt Anna Ehrlich, die Integrationsbeauftragte der Stadt Aschaffenburg. „Es fehlen klare Zielvorstellungen und Definitionen.

“ Folgerichtig sei nicht zu beanstanden, wenn Gemeinden glauben, sie hätten für Flüchtlinge mit einem Dach über dem Kopf und Essensorganisation genug getan. „Dabei brauchen die Ankommenden Hilfe und Orientierung, müssen wissen, wie wir ticken.“

95 Prozent der Flüchtlinge wollen sich „in irgendeiner Form“ integrieren, haben Ideen aus dem Blickwinkel ihres Herkunftslandes, schätzt die Expertin. „Doch bei 90 Prozent scheitert Integration – aus einer Vielzahl von Gründen.“ Falsche Versprechungen von Schleusern („Jeder bekommt ein Haus“), falsche Vorstellungen über Arbeitsmöglichkeiten (Ärzte, Lehrer, Facharbeiter sind hier erst mal raus aus ihrem Beruf) seien solche Punkte. Dazu die Maxime, als Mann für die Versorgung der Familie zuständig zu sein.

Jedem Ankommenden müsste rasch ein realistisches Bild aufgezeigt werden, sonst gebe es für die Flüchtlinge im „Labyrinth Deutschland“ kaum eine reelle Chance, sich zurechtzufinden. „Wer sich selbst überlassen bleibt und Frust schiebt, ist anfällig für falsche Botschaften und falsche Freunde“, so Anna Ehrlich.

Helfen könnte aus ihrer Sicht eine Integrationsvereinbarung mit jedem einzelnen Flüchtling. „Darin müssten die Verpflichtung, Deutsch zu lernen, die Anerkennung unserer Gesetze und Werte, etwa gleiche Rechte für Mann und Frau, enthalten sein, zudem zeitliche Etappen festgelegt werden.“ Anders gesagt: Es braucht ein Integrationsgesetz, bei dem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ins Spiel käme. Diese Behörde müsste nach Ansicht von Cordula Schmidt, Leiterin der Polizeiinspektion Kitzingen, mit ihrer Arbeit schon weit früher, in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, ansetzen: „Im Internet müsste es bereits ein klares Gegengewicht zu den Versprechungen der Schleuser geben.“

Immerhin: Eine App für Flüchtlinge, die „Ankommen“ heißt und Tipps gibt, hat das Amt inzwischen aufgelegt. Dieses sei „rasend schnell von der unbekanntesten zur bekanntesten Behörde“ bundesweit geworden, sagte Frankentag-Gastgeber Martin Auer, Vorsitzender der Kripo-Berufsvertretung Unterfrankens, bei der Vorstellung von Bamf-Experte Florian Endres aus Nürnberg.

Dort leitet er die „Beratungsstelle Radikalisierung“ und hat besonders die Gruppe der unbegleiteten, minderjährigen Jugendlichen im Blick. Wie kommt man an sie heran, wie erkennt man die psychisch Labilen, wer kann sich mit Betroffenen an Traumata-Verarbeitung machen, solche Fragen werden in Endres' Referat behandelt. Dahinter steht auch das Ziel, Radikalisierungs-Tendenzen zu erkennen und ihnen wirkungsvoll zu begegnen. Wie schwer das ist, erläutert Anna Ehrlich. „Den Schulen fehlt es an Personal für Einzelarbeit, die Ehrenamtlichen können das nicht auch noch schaffen, und Therapeuten stehen oft vor der Frage: Wie ansetzen trotz der Sprachbarriere?“ Allein in Unterfranken gebe es 800 unbegleitete minderjährige Jugendliche, in ganz Franken mehr als 2000.

Man solle Migranten nicht nach ihrer Herkunft fragen, appelliert Ehrlich, die spanische Wurzeln hat. „Denn sonst gibt man ihnen ein klares Signal, nicht zu uns zu gehören.“ Ein guter Tipp für den Alltag, zweifellos. Im Polizei-Dienst dürfte sich dies jedoch seltenst anwenden lassen.



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