KITZINGEN

Klimaschutz als Kerngeschäft des Christentums

Professor Rosenberger fordert Religionsvertreter dazu auf, sich dem Ruf der Friday for Future-Bewegung anzuschließen
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Michael Rosenberger: „Eine Pfarrei, die die Schöpfungsverantwortung auf die hinteren Plätze ihrer Prioritätenliste verbannt, handelt nicht im Sinne des Evangeliums.“ Foto: Foto: pow
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Kitzingen/Linz Professor Dr. Michael Rosenberger, Priester des Bistums Würzburg, ist in Kitzingen aufgewachsen und arbeitet als Moraltheologe an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz.

In Österreich hat er das Projekt „Religions for Future“ initiiert.

Im Interview erläutert er seine Beweggründe und antwortet auf häufig geäußerte Kritik an der „Fridays for Future“-Bewegung.

POW: Herr Professor Rosenberger, Sie sind Initiator des Projekts „Religions for Future“. Was verbirgt sich dahinter?

Rosenberger: In Linz und Graz hat sich bereits sehr früh ein enger Kontakt zwischen den Schülerinnen und Schülern der „Fridays for Future“ und einzelnen Religionsvertreterinnen und -vertretern ergeben. In Linz führte das dazu, dass wir den Klimastreik am Karfreitag (in Österreich ein Werktag) unter das Motto „Religions for Future“ stellten. Die Kirchturmuhr der Linzer Stadtpfarrkirche wurde um 5 vor 12 angehalten, alle Anwesenden schwiegen bis um 12 Uhr, und anschließend las ich einen meditativen Text zum Karfreitag als Finsternis der Schöpfung vor. In der Folge hielten Vertreter von fünf Religionsgemeinschaften eine Rede, darunter auch der katholische Bischof Manfred Scheuer. Diese Kooperation hat beide Seiten – die „Fridays for Future“ und die Religionsgemeinschaften – sehr bewegt. Die österreichweite interreligiöse Initiative „Religions for Future“, die ich mit vier weiteren Personen gegründet habe, möchte diese guten Erfahrungen nun in die Breite hinaustragen. An manchen Orten wie Wien oder München scheint das auch schon zu gelingen.

POW: Was setzen Sie Vorwürfen entgegen, die sagen, die Religionen nähmen jetzt einfach den Rückenwind von „Fridays for Future“ auf, um für sich zu werben?

Rosenberger: Die „Fridays for Future“ wissen sehr gut, wie sie angebotene Kooperationen annehmen und zugleich weltanschaulich neutral bleiben können. Jeden Versuch der Werbung würden sie freundlich, aber bestimmt zurückweisen. Und das ist vollkommen in Ordnung. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in seiner Pastoralkonstitution, dass die Ängste der Menschen auch Ängste der Jünger Jesu sind. Auf dieser Grundlage ist es für mich eine Pflicht, die Sorgen der jungen Menschen aufzugreifen und mit ihnen gemeinsam zu tragen. Bis jetzt habe ich noch keinen der Jugendlichen in die Kirche gebracht, der dies nicht schon vorher war – und das ist auch nicht meine Absicht. Es genügt mir, die Verbundenheit um das gemeinsame Haus der Erde zu spüren, die Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ beschreibt, und gemeinsam Quellen der Hingabebereitschaft, der Geduld und der Hoffnung zu entdecken. Und das gelingt sehr gut!

POW: Einige kirchliche Gruppierungen warnen davor, dass durch den verstärkten Einsatz für den Erhalt der Schöpfung das kirchliche Kerngeschäft vernachlässigt und die Frohe Botschaft verwässert wird: Stichwort „Klimareligion“ mit Greta Thunberg als neuer „Heiliger“. Wie beurteilen Sie diese Kritik?

Rosenberger: Was ist denn das kirchliche Kerngeschäft? Es ist der uneigennützige Dienst an dem, was die Bibel „Reich Gottes“ nennt. Und was ist das Reich Gottes? Nach dem Markusevangelium (1,13) ist es dort, wo der Mensch mit der ganzen Schöpfung in Einklang und Frieden lebt. Klimaschutz gehört also zum Kerngeschäft des Christentums – das hat Papst Franziskus in seiner Enzyklika unmissverständlich klargemacht. Ein Bistum oder eine Pfarrei, die die Schöpfungsverantwortung auf die hinteren Plätze ihrer Prioritätenliste verbannt, handelt nicht im Sinne des Evangeliums.

Und der Vorwurf „Klimareligion“?

Rosenberger: Wir sollten uns klarmachen, woher diese Redewendung stammt: von der Kohle- und Öllobby in den USA und Australien und von den politischen Parteien ganz am rechten Rand. Allein das sollte uns sehr nachdenklich machen.

Darüber hinaus lade ich jeden, der von „Klimareligion“ spricht, ein, wenigstens einmal einen Klimastreik der Jugendlichen aus der Nähe mitzuerleben. Dann wird ihm klar, wie absurd diese Titulierung ist. Die „Fridays for Future“ haben ein dringliches „Zeichen der Zeit“ erkannt und fordern schnelles und entschiedenes Handeln. Es steht den Religionen gut an, sich diesem Ruf anzuschließen.

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