Kitzingen

Kitzinger Kundgebung gegen Nazis

Viel Zeit war nicht. Dass die Rechtsextremen am Karsamstag kommen, wurde erst am Gründonnerstag bekannt. Trotzdem hat man es im Kreis Kitzingen geschafft, spontan eine Gegen-Kundgebung zu organisieren, die deutlich macht: "Wir wollen hier keine Nazis!"
Artikel drucken Artikel einbetten
Astrid Glos, Gerold Möhrlein und Robert Finster gestalteten ein Plakat für die Begegnung mit Rechtsextremen am Karsamstag.
Astrid Glos, Gerold Möhrlein und Robert Finster gestalteten ein Plakat für die Begegnung mit Rechtsextremen am Karsamstag.
+1 Bild
Am Gründonnerstag erfuhr Robert Finster, dass die "rechte Szene" sich für Karsamstag in Kitzingen angesagt hat. Im Rahmen einer Sternfahrt durch Franken per Zug will das "Nationale und Soziale Bündnis 1. Mai" zwei Stunden lang in Kitzingen Station machen - und ausgerechnet auf dem Weg durch die Stadt marschieren, den einst Juden zur Deportation zurücklegen mussten. Dem SPD-Politiker, stellvertretenden Landrat und früheren Polizeibeamten Finster war das mehr als nur ein Dorn im Auge: "Das kann man nicht einfach hinnehmen."

Also telefonierte er. Zuerst mit Hanjo von Wietersheim vom "Arbeitskreis Gewissen" und mit Frank Hofmann, dem Bundestagsabgeordneten der SPD, dann mit den Vorsitzenden aller anderen Parteien im Landkreis. "Ich habe offene Türen eingerannt", stellte er am Karfreitag fest. "Alle waren sofort bereit, sich an einer Gegen-Kundgebung zu beteiligen und zu zeigen: Wir wollen die Braunen in Kitzingen nicht!"

Neben der SPD, den Freien Wählern, den Grünen, der ödp und der CSU stiegen auch der "Arbeitskreis Gewissen", die evangelische und die katholische Kirche, die Arbeiterwohlfahrt sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund spontan mit ins Boot. Gemeinsam werden sie am heutigen Karsamstag Flagge gegen Rechtsradikale zeigen und Stellung beziehen - im wahrsten Sinn des Wortes. Um 13.45 Uhr ist Treffpunkt östlich des Bahnhofsgebäudes.

"Deutlich mehr als die"

Dort soll "die Demokratie friedlich verteidigt werden" - mit Plakaten, Trillerpfeifen und vor allem einfach mit Präsenz: "Ich hoffe, dass wir deutlich mehr sind als die." Finster lädt alle Bürger ein, sich an der Gegen-Kundgebung zu beteiligen und zu zeigen: "Kitzingen ist bunt!"

Demokratie - das betont der SPD-Mann - sei nicht selbstverständlich. Frieden ebenso wenig. "Man muss jeden Tag etwas dafür tun." Deshalb hat Finster noch am Gründonnerstag im Namen des SPD-Kreisverbandes eine Eilkundgebung bei den Behörden angemeldet.

Die Rechten hatten sich unmittelbar vorher ebenfalls ans Landratsamt gewandt - und das Amt hatte die beantragte Demo in Kitzingen untersagt. Begründung: die kritische Gefahrenprognose der Polizei sowie die "gewichtige Symbolkraft" des Bahnhofs sowie des Königsplatzes - hier war eine Kundgebung geplant - im Hinblick auf die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft. Vom Kitzinger Bahnhof aus wurden 1942 Juden bei zwei Transporten in Vernichtungslager deportiert, zuvor waren sie auf engstem Raum in einem Gasthaus am Königsplatz zwangsweise untergebracht.

Nach dem Verbot, das das Landratsamt am Gründonnerstag ausgesprochen hatte, musste sich gestern das Verwaltungsgericht mit dem Fall befassen. Da die Versammlungsfreiheit ein Grundrecht ist, hatte das Gericht das Verbot der Behörde aufzuheben. Das heißt, die Rechten können kommen.

Wie viele das tatsächlich tun, weiß niemand. Die Polizei wird auf jeden Fall "sehr präsent und auf alle Eventualitäten vorbereitet sein", stellte gestern Heinz Henneberger klar. Der Polizeisprecher und Leiter des Würzburger Präsidialbüros zählt neben den Polizeibeamten aus Kitzingen und Würzburg auch auf Unterstützung von Bereitschafts- und Bundespolizei.

Außerdem sind in Zivil so genannte "Kommunikations-Teams" im Einsatz. Diese bestehen aus speziell geschulten Polizeibeamten, die wissen, wie man Konflikte gewaltfrei lösen kann.

Gewaltfrei - das ist auch das Ziel derer, die am Karfreitag Plakate für ein "buntes Kitzingen" gestalteten, zum Beispiel die beiden stellvertretenden SPD-Kreisvorsitzenden Astrid Glos und Gerard Möhrlein - Möhrlein wird auch der Verantwortliche vor Ort sein. Ihm ist es wichtig, dass "alle zu Wort kommen", die sich an der Gegen-Kundgebung beteiligen. Astrid Glos, Integrationsreferentin im Stadtrat, möchte, dass Kitzingen ein deutliches Zeichen setzt, "allein durch das Vor-Ort-Sein". In Kitzingen gebe es 91 verschiedene Nationalitäten. "Wir wollen zeigen, dass sie alle hier willkommen sind." Kitzingen sei bunt, nicht braun.


Gemeinsam Stopp sagen

"Unmöglich" und "ekelhaft" findet Robert Finster es, dass die Rechten gerade auf dem Weg durch Kitzingen marschieren wollen, den einst Kitzinger Juden gehen mussten, um vom Kitzinger Bahnhof aus in Vernichtungslager gebracht zu werden.

"Es ist wichtig, dass wir alle gemeinsam den Feinden der Demokratie ein Stoppschild entgegen halten", findet Robert Finster. Er hofft, dass sich heute - trotz Ostervorbereitungen - viele Bürger ein, zwei Stunden Zeit nehmen, um für eine weltoffene, demokratische Gesellschaft einzustehen. "Jetzt ist unsere Gemeinschaft gefordert!"



INFO

Fakten Das rechtsextreme "Nationale und Soziale Bündnis 1. Mai" hat für den heutigen Karsamstag eine Sternfahrt nach Würzburg angekündigt. Bei einem Zwischenstopp in Kitzingen wollen die Rechten von 14 bis 16 Uhr in Kitzingen aufmarschieren. Ihr Zug fährt laut Fahrplan kurz vor 14 Uhr am Bahnhof ein.

Urteil Das Verwaltungsgericht hat das Verbot, das das Landratsamt ausgesprochen hatte, gestern für nichtig erklärt und betont, die Versammlungsfreiheit sei für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung konstituierend und werde im Vertrauen auf die Kraft der freien öffentlichen Auseinandersetzung grundsätzlich auch Gegnern der Freiheit gewährt.

Gegen-Kundgebung Auf der breiten Basis der demokratischen Parteien, der Kirchen, der AWO und des DGB findet eine Gegen-Kundgebung unter dem Motto "Kitzingen ist bunt" statt. Jeder, der möchte, kann sich beteiligen. Die "Verteidiger der Demokratie" treffen sich um 13.45 Uhr östlich des Bahnhofsgebäudes (zwischen Taxistand und Amalienweg), wo sie friedlich zeigen wollen, dass sie für eine demokratische Gesellschaft eintreten. ldk




KOMMENTAR

von Diana Fuchs

Keine faulen Eier dulden

Wenn's darauf ankommt, sind alle Streitigkeiten vergessen. Dann halten sie zusammen. Stehen gemeinsam für den wohl wichtigsten Wert unserer Gesellschaft ein: die Demokratie. Wenn dies heute wirklich so passiert, dann hat - so komisch das klingt - auch ein Aufmarsch Rechtsextremer etwas Gutes.

Ausgerechnet den Karsamstag haben sich die Rechten für eine Sternfahrt durch Franken ausgesucht. Mit ihren braunen Gedanken wollen sie Alt und Jung infizieren. Zwei Stunden Aufenthalt haben sie für Kitzingen eingeplant. Zwei Stunden zu viel, findet ein Bündnis, das sich ganz spontan aus den demokratischen Parteien, dem DGB und den Kirchen gebildet hat. Trotz des Wahlkampfs, trotz des Superwahljahrs, waren alle politischen Richtungen ohne Zögern bereit, zusammenzuhalten und den Feinden der Demokratie gemeinsam entgegenzutreten.
Zuvor hatte schon das Landratsamt Flagge gezeigt und die Demo der Rechtsextremen verboten. Dass ausgerechnet ein Grundrecht - das Recht auf Versammlungsfreiheit - ihnen nun doch einen Auftritt in Kitzingen ermöglicht, ist tragisch. Aber eine echte Demokratie muss das verkraften.

Eine Demokratie - "Herrschaft des Volkes" - ist jedoch nicht selbstverständlich. Wenn das Volk schweigt, bröckelt seine Macht. Also los, Leute! Am Kitzinger Bahnhof wartet eine wichtige Aufgabe.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren