Kirche und Finanzen – wo Gott und Geld aufeinandertreffen, liegt Zündstoff. Das zeigt die Geschichte nicht erst seit Martin Luther und seinem Protest gegen den Ablasshandel, das zeigen nicht nur die Medienberichte der vergangenen Wochen. Trotzdem: Wer nach positiven Beispielen sucht, wird vielleicht ganz in der Nähe fündig.

Etwa im Martinsheimer Ortsteil Gnötzheim (Lkr. Kitzingen): rund 300 Einwohner, kein Arzt, kein Sportverein, weder Kindergarten noch Schule, eine Wirtschaft auf Ehrenamtsbasis, eine – freundlich ausgedrückt – unzureichende Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr, der an Schultagen aus wenigen Schulbussen besteht.

Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Das Tolle: Die Gnötzheimer haben einen Weg gefunden, ihr Mobilitätsproblem zu mindern – Carsharing beziehungsweise DorfAuto heißt das Zauberwort.

Da kommt die Kirche ins Spiel. Die Idee, einen Pkw anzuschaffen, den alle Dorfbewohner (mit gültiger Fahrerlaubnis) mieten können, hatte der Ortsbürger Helmut Schmidt. Umsetzen konnte und wollte sie der evangelische Kirchenvorstand (KV).

Autoleasing und -vermietung? Zu den originären Aufgaben eines ehrenamtlich tätigen Kirchenvorstandes gehört das ja wahrlich nicht! Also doch finanzielle Abenteuerlust? Die Spekulation entlockt dem örtlichen evangelischen Pfarrer Uwe Stradtner nur ein Lächeln: „Bestimmt nicht. Die Kirchengemeinde wollte das ,Wir-Gefühl' im Ort weiter stärken. Etliche Familien hier brauchen zwecks sporadischer Nutzung vor allem auf Kurzstrecken zu dem oder den vorhandenen fahrbaren Untersätzen noch einen weiteren, der durchaus nicht der eigene sein muss. Außerdem wollte die Kirchengemeinde etwas für die Umwelt tun und ein Elektroauto anschaffen.“

Daraus wurde zwar nichts, da das für die wechselnden, an Benzinautos gewöhnte Fahrer eine zu große Umstellung gewesen wäre. Stattdessen stimmte der KV für den Erwerb eines Benziners, allerdings unter der Maßgabe, „dass er kostendeckend fährt“. Spendable örtliche Förderer ermöglichten der Kirchengemeinde, einen Neuwagen zu leasen. Der muss, um wirtschaftlich in der richtigen Spur zu bleiben, pro Jahr etwa 15 000 Kilometer gefahren werden.

„Aktueller Stand ist 28 000 Kilometer Fahrleistung, 1700 Stunden, 670 Fahrten.“
Wilhelm Ott, DorfAuto-Ausschuss, zu den ersten beiden Jahren

Seit Herbst 2011 steht den Gnötzheimern ein weißer Ford Fiesta mit dem prägnanten Kennzeichen „KT DA 252“ zur Verfügung. DA steht für DorfAuto und 252 ist die Telefonnummer des Pfarramts.

Das Vorgehen beim Carsharing basiert im Ort auf Vertrauensbasis und ist denkbar einfach: Jede am DorfAuto interessierte Familie hinterlegt 200 Euro Kaution, reserviert sich das Auto per Internetkalender oder Anruf im Pfarramt (das anfangs auch den Schlüssel verwahrte), entnimmt dem Safe neben dem Autostellplatz in der Dorfmitte den Wagenschlüssel, trägt gewissenhaft – „das hat sich eingespielt“ – Nutzungszeit und gefahrene Kilometer ins Fahrtenbuch ein.

Tanken und Waschen erfolgt auf Karte, alle zwei Monate kommt die Abrechnung: Grundpreis zwei Euro pro Stunde („Happy Hour“ von 22 bis 6 Uhr ausgenommen), anfangs 0,25 aktuell nur noch 0,20 Euro pro Kilometer. Das Benzin ist dabei inklusive.

Die Halbzeit des auf vier Jahre angelegten Projekts ist knapp überschritten. Wie läuft's? „Gut. Aktueller Stand ist 28 000 Kilometer Fahrleistung, 1700 Stunden, 670 Fahrten von Fahrern zwischen 18 und 65 Jahren. Der harte Kern der Nutzer von anfangs acht Familien ist inzwischen auf zehn angestiegen“, sagt Wilhelm Ott. Er ist Vorsitzender des ehrenamtlich tätigen DorfAuto-Ausschusses.

Dem gehört auch seine Ehefrau Claudia Ott an, Vertrauensfrau des KV und zuständig für die jeweils drei bis vier Stunden dauernde Abrechnung, sowie Pfarrer Stradtner und der ursprüngliche Ideengeber Helmut Schmidt. Als „technischer Direktor“ ist Dieter Hahn dabei – zuständig für den reihum gehenden Putzplan und die Organisation von Reifenwechsel und Werkstattbesuchen.

Das bayernweit wohl (noch) einmalige Projekt DorfAuto Gnötzheim zeigt: Kirchenvorstand und ehrenamtliche Mitglieder des DorfAuto-Ausschusses arbeiten zum Wohle der Dorfgemeinschaft erfolgreich zusammen, können mit Geld umgehen und haben die Zeichen der Zeit erkannt.

Kirche und Finanzen? Diesmal kein Aufregerthema, sondern ein nachahmenswertes Beispiel.