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Keine Angst vor den Sanitätern

Wie kleine Kinder auf einen möglichen Rettungseinsatz vorbereitet werden.
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Keine Angst, wenn der Krankenwagen kommt. Oliver Lückhof kommt in Kindergärten und Kinderkrippen, um Hemmschwellen abzubauen. Damit im Ernstfall alles möglichst schnell und reibungslos über die Bühne gehen kann. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Oliver Lückhof hat schon einiges erlebt. Kleine Kinder, die blau angelaufen sind, die keine Luft mehr bekamen und reanimiert werden mussten. Erwachsene, die hilflos daneben standen, Großeltern, die von den Anstrengungen einer Herzdruckmassage selbst ohnmächtig wurden. Oliver Lückhof ist Breitenausbilder beim Bayerischen Roten Kreuz. Und er ist Spezialist, wenn es um die Erste Hilfe an Kindern geht.

Etwa 200.000 Kinder werden deutschlandweit Jahr für Jahr aufgrund von Notfällen ins Krankenhaus eingeliefert. Meistens geht es relativ glimpflich aus, mitunter geht es aber auch um Leben und Tod. Lückhof, der seit 2011 ehrenamtlich beim Roten Kreuz Dienst tut und seit dem letzten Jahr hauptamtlich, macht immer wieder die gleiche Beobachtung. „Viele Menschen trauen sich nicht zu helfen.“ Oder sie gehen völlig falsch an die Erste Hilfe bei Kindern ran.

Ein Stethoskop tut nicht weh

In Krippen und Kindergärten bietet das Rote Kreuz deshalb immer wieder Erste-Hilfe-Kurse an. „Wir wollen den Kleinen möglichst frühzeitig die Angst vor uns Rettungssanitätern nehmen“, erklärt er. Die Kinder lernen spielerisch das Trösten, das Verbände anlegen und sie schaffen es am Ende des Kurses sogar, den großen Mann vom BRK zu zweit in die stabile Seitenlage zu bekommen.

An diesem Tag sitzt Oliver Lückhof im Stuhlkreis des Kindergartens in Gaukönigshofen. Die Kleinen schauen ihn mit großen Augen an. „So ein Stethoskop tut gar nicht weh“, sagt er und lässt das Instrument herumgehen. Jedes Kind darf auch mal in die schwere und viel zu große Sanitäterjacke schlupfen. Und zum Abschluss des ganz besonderen Unterrichts dürfen sie in den Erste-Hilfe-Wagen schauen. „Wir wollen den Kleinen die Hemmschwelle nehmen“, erklärt Lückhof die Zielsetzung. „Wenn wir wirklich einmal kommen müssen, sollen sie keine Angst haben.“

Schulung für Großeltern

An bayerischen Schulen ist das Thema „Erste Hilfe“ zwar verankert, wird laut Eckhof aber viel zu stiefmütterlich behandelt. „In Skandinavien ist es fest in den Schulplan integriert“, erzählt er. Die Konsequenz: Viele Nordländer gehen viel unverkrampfter mit dem Thema um, die Reanimationsquote liegt dort bei über 70 Prozent. „In Deutschland gerade mal bei 42 Prozent.“

Im Mehrgenerationenhaus St. Elisabeth in Kitzingen schulte Lückhof kürzlich interessierte Großeltern in Sachen Erste Hilfe. Ob Verbrennungen, Quetschungen oder die Gefahr des Erstickens: Die Großeltern wussten von etlichen Einsätzen zu berichten. Lückhofs erster Rat galt deshalb auch der Prävention: „Erst mal durch die Wohnung laufen und schauen, was dort für kleine Kinder möglicherweise gefährlich sein könnte.“ Elektrische Geräte, steile Treppen, der Gartenteich oder die Regentonne: Gefahren gibt es genug. „Alles was glitzert, ist für kleine Kinder beispielsweise interessant“, erinnerte der Mann vom BRK, der selber Vater von zwei kleinen Kindern ist. „Seither hat sich auch mein Blick auf die Wohnung verändert“, gesteht er und macht den Kursteilnehmern Mut: Niemand sei perfekt, niemand könne 24 Stunden lang auf ein Kind aufpassen. „Passieren kann immer etwas“, meinte er. Entscheidend sei, wie man mit der Situation umgeht.

Nichts beschönigen

Ruhe bewahren, das Opfer versorgen und dann möglichst schnell den Notruf wählen. „Kommen Sie gleich zur Sache, beschönigen Sie nichts“, riet Eckhof den Kursteilnehmern. Und: Sperren Sie die Haustiere weg und öffnen Sie gleich die Haustür. Zwischen zehn und 14 Minuten dauert es durchschnittlich, bis ein Einsatzwagen an Ort und Stelle ist. Die Rettungssanitäter mussten schon mal durchs Wohnzimmerfenster mit anschauen, dass ein Ersthelfer vor lauter Anstrengungen kollabiert war und auf dem Opfer zusammengebrochen war. „Dann müssen wir noch verzweifelt versuchen, schnell ins Haus zu kommen.“

Er hat auch schon miterlebt, wie ein Hund sein ohnmächtiges Herrchen beschützen wollte und dabei die Rettungssanitäter bei ihrer Arbeit hinderte. „Manchmal zählt jede Sekunde“, erinnerte der 39-Jährige. Ein bedachtes Handeln ist deshalb wichtig.

Eckhof riet zum Ausfüllen eines so genannten Notfallformulars, das beim BRK erhältlich ist. Darin sind nicht nur die wichtigsten Telefonnummern aufgelistet. Die Eltern – oder Großeltern – können auch auch eine Checkliste für die Kindersicherheit in den eigenen vier Wänden ausfüllen. Gibt es Steckdosensicherungen? Ein Treppenschutzgitter? Sind Kleinteile wie Perlen oder Murmeln unter Verschluss? Und wie ist es mit Wasserkocher, Kaffeemaschine oder Toaster – sind sie außer Reichweite der Kinder?

Bei kleinen Kindern sind die Retter abhängig von einer guten und ehrlichen Vorbereitung. „Wir sind für die Kleinen zunächst mal fremd und erschreckend“, erinnerte er. Wichtig sei es deshalb, dass die Erstversorger offen und ehrlich mit den Kindern umgehen. Dramatisieren sei genau so falsch wie beschönigen. „Wenn Sie dem Kind sagen, dass nichts passiert sei und wir kommen wenig später und wollen das Kind mit in den Rettungswagen nehmen, dann können Sie sich ja vorstellen, wie es reagiert.“

Keine Schuldgefühle

Grundsätzlich würden Kinder auf zweierlei Art auf Notfälle reagieren: Die einen erstarren, die anderen schreien und toben. „Dazwischen gibt es nichts“, versicherte der Familienvater. Als besonders schlimm empfindet er die Bestrafungsfantasien, die immer mehr Kinder formulieren, nach dem Motto: die Mama oder der Papa werden ganz schön schimpfen, wenn sie von der Verletzung erfahren. Wenn sie merken, dass das Kind doch die Herdplatte angemacht, obwohl das doch verboten war. Solchen Schuldgefühlen müsse man entgegenwirken – mit Liebe und Wärme. „Als Omas und Opas haben Sie da eine positive Macht“, machte er den Kursteilnehmern Mut.

Kontakt: Wer Fragen zum Bereich Erste Hilfe am Kind hat oder das BRK zu einem Informationstermin in den Kindergarten einladen will, der kann sich an Oliver Lückhof, Telefon (09 31) 80008-56; Telefax (09 31) 883109

oder Email: lueckhof@kvwuerzburg.brk.de wenden.

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