Wiesentheid

Kein Gedöns ums Anderssein

Schwul? Hetero? Behindert? Egal! Zwei angehende Lehrer bei der "Varieté for Charity"
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Fabian Scheuerlein und Julian Pecher, früherer Supertalent-Finalist, treten als Duo „Fabjules“ bei der „Varieté for Charity“ (Nacht der Toleranz) in Wiesentheid auf. Foto: Foto: N&VPHOTOGRAPHY
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WIESENTHEID

„Entschuldigung“, keucht die Stimme am Telefon. „Ich transportiere gerade ein Sofa. Moment...“ Einige Sekunden später meldet sich der Sänger und Songschreiber Fabian Scheuerlein mit voller Stimmkraft. Er erklärt, dass er gerade mit seiner Freundin zusammenzieht und mitten im Umzugswahnsinn steckt. Trotzdem nimmt sich der 26-Jährige für ein Interview im Vorfeld der „Varieté for Charity“ gerne Zeit. Ebenso Scheuerleins Duett-Partner Julian Pecher (27), Stadionsprecher der SpVgg Greuther Fürth. Die beiden werden als „Fabjules“ zusammen in Wiesentheid auf der Bühne stehen.

Zwei künftige Lehrer aus Fürth, die zusammen Musik machen – seid Ihr am Ende Sandkastenfreunde?

Julian Pecher: Nein, wir haben uns 2013 zufällig über eine Cousine kennen gelernt. Da wir beide gerne Musik machen, haben wir halt einfach mal drauflos gespielt. Ich hatte damals gerade die Supertalent-Erfahrung hinter mir…

Du standest im Finale der Show „Supertalent“ von Dieter Bohlen.

Julian Pecher: Genau.

Das hat Dir viele Fans beschert, oder? Julian Pecher:

Vielleicht, aber es war trotzdem nicht mein Ding. Ich bin überhaupt kein RTL-Freund, hatte aber Lust auf die Erfahrung und, ganz ehrlich, auch das Preisgeld. Allerdings ist die ganze Show sehr aufgesetzt, alles läuft nach Drehbuch, jeder hat seine Rolle zu spielen.

Du warst der blonde Sunnyboy, der die Mädels verzaubern sollte. Julian Pecher:

Ja, und das, obwohl ich nie was davon gesagt habe, dass ich eine Freundin suche…

Was Du ja auch nicht tust.

Julian Pecher: Genau.

Was bedeutet Toleranz für euch?

Fabian Scheuerlein: Für mich ist Toleranz etwas ganz Selbstverständliches. Jeder kann jeden lieben. Ich hatte nie auch nur das kleinste Problem damit, dass Julian schwul ist. Es ist mir völlig egal.

Haben die Veranstalter Euch deshalb zur „Varieté for Charity – Nacht der Toleranz“ eingeladen, weil Ihr eine gemischte Band seid, halb schwul, halb hetero?

Fabian Scheuerlein: Keine Ahnung, ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob die Veranstalter das wissen. Aber das ist ja eigentlich auch egal – gerade an einem Abend, an dem Toleranz über allem steht, oder?

Da hast du recht. Aber das ist ja nicht immer und überall so. Habt Ihr noch nie Intoleranz erlebt?

Fabian Scheuerlein: Ich habe noch nie extreme Situationen erlebt oder eine richtige Diskriminierung von Schwulen oder Lesben. Auch nicht von Behinderten. Generell glaube ich, dass uns allen ein bisschen mehr schwarzer Humor – a la Stromberg – ganz gut täte.

Julian Pecher: Ich hatte bisher auch keine schlimmen Erlebnisse, aber vielleicht bin ich auch kein typisches Beispiel für einen Homosexuellen. Wie soll ich sagen… Man sieht es mir nicht auf den ersten Blick an, dass ich schwul bin.

Wie gehst du selbst mit dem Thema Toleranz um, wie wichtig ist es dir im Alltag?

Julian Pecher: Ich versuche, so zu leben, dass es mich nicht interessiert oder ich zumindest nicht groß darauf achte, was andere machen. Verschieden zu sein sollte Normalität werden. Und das geht am besten, wenn man nicht so ein großes Gedöns darum macht.

Sind Veranstaltungen wie die „Varieté for Charity“ trotzdem sinnvoll?

Julian Pecher: Klar. Ich finde es schön, dass man an solchen Tagen ein Zeichen setzen kann. Aber es ist für mich auch klar: Wir spielen dort, wie wir überall sonst auch spielen. Es ist ein Auftritt wie jeder andere. Ob ich einen Freund habe oder eine Freundin oder ob ich Single bin, alt, jung, krank, behindert – all das macht für die Musik einfach keinen Unterschied.

Welche Zukunftsvisionen habt Ihr?

Fabian Scheuerlein: Ich genieße jetzt nochmal die Möglichkeit, zum Beispiel in Robinson Clubs aufzutreten und in Urlaubsatmosphäre Musik zu machen. Im September beginnt das Referendariat. Da muss ich dann nach einem festen Zeitplan leben. Aber ehrlich gesagt hoffe ich, dass ich beides verbinden kann: Musik und das Lehrersein. Vielleicht kann ich als Lehrer Teilzeit arbeiten und zwischendurch Musik machen. Ich will auf jeden Fall weiter auf der Bühne stehen.

Julian Pecher: Ich liebe alles, was mit Stimme zu tun hat: Ich moderiere gerne, bin sehr gerne Stadionsprecher und auch am Synchronsprechen bin ich sehr interessiert. Ein bisschen Musik will ich weiterhin gerne machen, aber noch größer ist der Traum, einmal Schulleiter zu werden. Ich bin durchaus ein Bildungskritiker und finde, es müsste Schulen geben, an denen die jungen Leute mit wenig Perspektiven ernst genommen und gefördert werden. Ich finde es schlimm, dass in manchen Betrieben nur noch Leute mit Abitur gesucht werden. Als wären das automatisch die besseren Menschen!

ZUR PERSON:

Fabian Scheuerlein ist im Gypsy-Jazz und Swing zu Hause. In seinen Songs ist aber auch seine Nähe zu Pop und zur Ballade hörbar. Der 26-jährige Singer/Songwriter und Komponist, der als Fünfjähriger begann, Klavier zu spielen, und später auch Gitarre spielen lernte, beginnt im Herbst sein Referendariat. Er will Fachlehrer für Kommunikationstechnologie (IT) und Musik an Grund-, Mittel- und Realschulen werden. Zusammen mit seiner Freundin wohnt er in Roßtal bei Oberasbach in der Nähe von Fürth (Mittelfranken).

Julian Pecher hat nach der Mittleren Reife zuerst die fünfjährige Erzieher-Ausbildung absolviert und danach sein Fachabitur gemacht. Sein Lehramtsstudium für Mittelschule mit Geografie als Hauptfach will er 2020 mit dem Bachelor abschließen. Musikalisch geprägt hat ihn der bekannte Jazzmusiker Conny Wagner. Pecher ist „Fürther aus Leidenschaft“ und Stadionsprecher bei der SpVgg Greuther Fürth. Im kommenden Jahr kandidiert er als Stadtrat für die SPD, denn er möchte sich auch politisch gerne engagieren. Der 27-Jährige hat einen Lebensgefährten, der in der Dominikanischen Republik wohnt.

Varieté for Charity – Nacht der Toleranz am 30. März

„Circus Circus“: Unter diesem Motto steht die „Varieté for Charity“ am Samstag, 30. März, in der Steigerwaldhalle Wiesentheid. Gastgeberin Mechthild Lavette (Veranstalter Thomas Sauerbrey) lädt zu einer verrückt-frechen Show aus Illusion, Livegesang und Artistik ein. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass ab 18.30 Uhr. Dauer: etwa 180 Minuten mit zusätzlicher Pause.

Gastronomie: Um das leibliche Wohl kümmert sich ein Gastro-Team. Es gibt warme und kalte Essensangebote sowie kalte und heiße Getränke.

Künstler: Zu Gast sein werden Maria Crohn, die „Grande Dame“ der Travestie, das Duo „Fabjules“, Puppen-Comedian Frank Lorenz, „Andalousi“ (Handstandäquilibristik), „Mr. Wow“ (Diabolo-Künstler), „Donial“ (Lunatic Artist und Jongleur), Leonie Neubert (blinde Klassiksängerin aus Fürth), der Circusverein Neumarkt (über 100 Jugendlichen zeigen atemberaubende Artistik) und ein noch geheimer Shootingstar 2019.

Tickets: Karten gibt es im Ticketshop unter variete-for-charity.de, auf der Fanseite auf Facebook, unter reservix.de, bei der Tourist-Info Volkach, der Tourist-Info Gerolzhofen, in der Buchhandlung Schöningh in Kitzingen sowie beim Brunnenhof in Handthal, Tel. (0 93 82) 9 8 828.

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