KITZINGEN

Kampf dem Plas-Tick

Es ist halt so schön praktisch. Der Fertigsalat in der Mittagspause, der Kaffee aus der Kapsel, das Müsli „to go“: Einzelportionen sind trendy. Doch sie bedingen auch Unmengen an Plastikmüll, der teilweise gar nicht recycelt werden kann. Deshalb hat der VerbraucherService Bayern im Katholischen Deutschen Frauenbund (VSB) eine Initiative gestartet und lädt Groß und Klein ein zu „7 Wochen miteinander Plastikfasten – Fasten für die Umwelt“.
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Die Erde als Müllmonster: So viel Plastik- und Verbundmaterial landet in einer durchschnittlichen, vierköpfigen Familie im Gelben Sack – und das Tag für Tag. Foto: Foto: Diana Fuchs
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Es ist halt so schön praktisch. Der Fertigsalat in der Mittagspause, der Kaffee aus der Kapsel, das Müsli „to go“: Einzelportionen sind trendy. Doch sie bedingen auch Unmengen an Plastikmüll, der teilweise gar nicht recycelt werden kann. Deshalb hat der VerbraucherService Bayern im Katholischen Deutschen Frauenbund (VSB) eine Initiative gestartet und lädt Groß und Klein ein zu „7 Wochen miteinander Plastikfasten – Fasten für die Umwelt“.

Iris Graus ist Verbraucherberaterin beim VSB. Sie weiß: „Komplett auf Gegenstände aus Kunststoff zu verzichten, ist kaum möglich.“ Aber viele der 117 Kilogramm Plastik, die jeder Deutsche pro Jahr verbraucht, lassen sich einsparen – und sogar ziemlich problemlos.

Inzwischen besteht doch unser halbes Leben aus Kunststoffen, wir alle haben quasi einen Plas-Tick. Warum sollten wir überhaupt Plastikfasten?

Iris Graus: Jeder zehnte Liter Erdöl wird weltweit dafür benutzt, Kunststoffe herzustellen. 2013 waren das 290 Millionen Tonnen, Tendenz steigend. Dabei werden Kunststoffe, die in die Umwelt gelangen, durch ihre Haltbarkeit zu einem großen Problem. Plastik ist nicht biologisch abbaubar, die Zersetzung dauert in der Umwelt Hunderte von Jahren.

Provokateure sagen: Naja, das erleben wir eh nicht mehr...

Stimmt, aber wollen wir unseren Nachfahren ein solches Erbe hinterlassen? Keine Kläranlage der Welt kann derzeit Mikroplastik – das sind Teilchen unter fünf Millimetern – herausfiltern. Mittlerweile lässt sich Mikroplastik nicht nur in der Erde nachweisen, sondern auch im Wasser, in der Luft, sogar in Lebensmitteln. Die Folgen für Umwelt und Mensch sind noch nicht absehbar.

Falls Plastik eine tickende Zeitbombe für die Welt ist: Könnten wir sie überhaupt entschärfen?

Nicht immer lassen sich Gegenstände aus Kunststoff im Alltag vermeiden – denken wir nur an den Kühlschrank, den Computer oder auch die Regenjacke. Doch gerade beim täglichen Einkauf lassen sich riesige Mengen Plastik einsparen, wenn man mit einer gewissen Sensibilität einkauft. Und genau darum geht es uns mit unserer Fastenzeit-Kampagne: Die Menschen dafür zu begeistern, sich einfach mal darauf einzulassen und der Plastikflut den Kampf anzusagen.

Was war für Sie persönlich der Auslöser für diese „Kampfansage“?

Ich bin ganz ehrlich: Früher habe ich mir keine großen Gedanken über Plastik gemacht. Es war halt einfach praktisch. Dann aber habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie meine Gefrierdosen – und das waren keine Billigteile! – nach dem Auftauen plötzlich einen ekeligen Ölfilm absonderten. Da ist mir ganz schlecht geworden. Dass das nicht gesundheitsförderlich sein kann, war klar. Von da an habe ich mich mehr für die Materialien interessiert, die ich so im Alltag verwende.

Hat sich daraufhin gleich etwas geändert?

Ja, vieles. Zum Beispiel friere ich frische Kräuter nach dem Schneiden seither nur noch in Gläsern ein. Das funktioniert ganz wunderbar und man sieht auch gleich, was drin ist. Wenn man Fleisch einfriert, kann man leider nicht auf Plastik verzichten. Aber man kann zumindest auf Wiederverwertung der Gefäße achten. Wie überall.

Haben Sie kein Vertrauen ins Recycling-System?

Das hat mit Vertrauen nichts zu tun. Tatsache ist, dass nicht alle Kunststoffe über den gelben Sack oder die gelbe Tonne recycelbar sind. Die gelben Rücknahmebehälter sind nur für Verpackungsstoffe vorgesehen – also nicht für Blumentöpfe, Spielsachen oder Wäschekörbe. Denn das Recyceln kann nur sortenrein erfolgen. Leider ist das den Verbrauchern oft unbekannt.

Okay, dann starten wir also das Plastikfasten. Bloß wie?

Ganz einfach ist es, sich zuerst mal gegen die Tütenflut zu stemmen. Plastiktüten sind im Schnitt nur 25 Minuten im Einsatz und werden meist nach einmaliger Nutzung entsorgt. Rund neun Einwegtüten könnte jeder Deutsche allein während der siebenwöchigen Fastenzeit einsparen, wenn er zum Einkaufen einfach eine langlebige Tragetasche, etwa aus Baumwolle, oder einen Korb mitnehmen würde.

In Großstädten gibt es schon Geschäfte, die bewusst auf Plastikverpackungen verzichten. Produkte werden in mitgebrachte beziehungsweise ausleihbare Behältnisse gefüllt. Bei uns auf dem Land haben wir so was nicht. Was also tun?

Ganz einfach: Was wir können! Und das ist einiges: Wir können im Einkaufsmarkt auf abgepackte Ware in Kunststoffschalen verzichten und stattdessen Fleisch und Wurst an der Theke kaufen. Wir können Nachfüllpackungen wählen – zum Beispiel für Reinigungsmittel und Flüssigseife – und andere Mehrwegsysteme nutzen, zum Beispiel Glas- statt Plastikflaschen, Zahnbürsten aus Bambus oder mit Wechselkopf, Wattestäbchen aus Baumwolle.

Wir können Einwegprodukten wie Feuerzeugen oder Coffee-to-go-Bechern die kalte Schulter zeigen und uns statt für Tabs für pulverförmige Wasch- und Geschirrspülmittel entscheiden.

Oft aber besteht ja nicht nur die Verpackung aus Plastik...

... sondern leider auch der Inhalt, ja. Vor allem in Waschmitteln, Kosmetika und Körperpflegemitteln ist oft Mikroplastik enthalten. Da hilft nur eins: Meiden Sie Produkte mit Inhaltsstoffen wie beispielsweise Polyethylen!

Warum verwenden Hersteller überhaupt Polyethylen und andere Kunststoffe in ihren Produkten?

Vor allem, weil diese Stoffe kostengünstig und leicht zu verarbeiten sind. Zum Beispiel bei Zahnpasta: Man könnte statt weichem Kunststoff auch Kalk zusetzen, aber das wäre deutlich aufwändiger und würde den Geschmack verändern. Grundsätzlich könnten aber alle Produkte, die mit Kunststoffen angereichert werden, auch ohne hergestellt werden.

Wie aber weiß der Verbraucher, ob er eine kleine Plastikbombe kauft oder nicht?

Es gibt eine Liste, auf der alle Waren stehen, die Mikroplastik enthalten. Zertifizierte Naturkosmetik verzichtet in der Regel auf Mikroplastik. Auf der sicheren Seite ist auch derjenige, der beispielsweise Peelings selbst herstellt.

Das stelle ich mir schwierig und für den Alltag unrealistisch vor.

Aber nein! Es gibt nichts Einfacheres! Nehmen Sie etwa Avocado-, Kokosnuss- oder Maiskeimöl. Fügen sie einen Teelöffel Zucker oder einen Teelöffel Salz hinzu – Zucker ergibt ein härteres Peeling, Salz ein weicheres. Jetzt zusammenmischen. Fertig! Oder wenn Sie mal schorfige Ellbogen haben, dann können Sie einfach eine ausgepresste Zitrone nehmen, etwas Salz oder Zucker hineinstreuen und die Halbschale übers Gelenk reiben. Sie werden staunen!

Plastik – Segen oder Fluch?

Einkaufsratgeber: Der BUND hat einen Einkaufsratgeber erstellt, der Produkte benennt, in denen Mikroplastik enthalten ist. Man kann ihn unter www.bund.net kostenlos aus dem Internet herunterladen.

Informationen zum Thema „Plastik – Segen oder Fluch?“ sind erhältlich in der Beratungsstelle des VerbraucherService Bayern, Bahnhofstraße 4, 97070 Würzburg, Tel. (09 31) 30 50 80, www.verbraucherservice-bayern.de. Informationen über Mikroplastik in der Umwelt gibt es zudem auf der Internetseite des Verbraucherinformationssystems VIS Bayern unter www.vis.bayern. *LDK*

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