WIESENBRONN

Jüdische Geschichte unterm Sternenhimmel

Museumsdirektor Reinhard Hüßner wohnt historisch - sein Haus ist Wiesenbronns frühere Synagoge. Und dort hat er nun sogar eine Ausstellung eingerichtet.
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Unter dem mit Sternen versehenen Mansardendach der ehemaligen Synagoge in Wiesenbronn freuen sich über den neuen gedruckten Führer (von links) Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell, ein Freund und Gönner des Projekts, sowie Michaela und Reinhard Hüßner, Kitzingens Landrätin Tamara Bischof und Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel. Foto: Foto: Timo Lechner
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Dass ein Mann wie Reinhard Hüßner nicht in einer Doppelhaushälfte einer Neubausiedlung wohnt, sondern in einem historischen Anwesen, das ist irgendwo konsequent.

Der Leiter des Kirchenburgmuseums in Mönchsondheim hat sich mit der ehemaligen Synagoge seines Heimatortes Wiesenbronn aber nicht nur ein einstiges Gotteshaus als Domizil ausgesucht. Zusammen mit Gattin Michaela hat er in den vergangenen elf Jahren auch gleich noch eine Ausstellung im kleinen Museum eingerichtet.

Am Donnerstag wurde die Begleitbroschüre, die von der Kulturstiftung des Bezirkes Unterfranken gefördert wurde, an Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel übergeben. Die Besucher können nun „Im Schatten des Sternenhimmels“ – so der Titel – in die Geschichte der ehemaligen Synagoge und der jüdischen Gemeinde in Wiesenbronn eintauchen.

Ja, es gibt wirklich einen Sternenhimmel in der alten Wiesenbronner Synagoge: Dieser erstreckt sich erhaben entlang des Mansarddaches des Männerbetsaales im Obergeschoss des Gebäudes.

Denkmalpfleger, Archäologen, Restauratoren, Geologen, Historiker und Volkskundler – sie alle waren während der Renovierung sowie bei bauhistorischen Untersuchungen der Synagoge eingebunden. Die Broschüre, die Hüßners Schulfreund Bernhard Ziegler vom gleichnamigen Kitzinger Atelier gestaltet hat, ist demnach kein Museumsführer, sondern soll Ergebnisse und neue Erkenntnisse dokumentieren. „Diese Geschichte vor unserer Haustür soll Einblicke in unsere eigene Vergangenheit geben, die uns fähig macht, unsere Zukunft verantwortlich zu gestalten“, sagt Hüßner.

Blickfang des Hauses und der Ausstellung ist die original erhaltene Mikwe mit dem 2,8 Meter tiefen Tauchbecken, das der rituellen Reinigung diente. Sieben großformatige Tafeln beleuchten in Wort und Bild Themen wie die Baugeschichte der Synagoge, die jüdische Gemeinde Wiesenbronn oder die Biographie des in Wiesenbronn geborenen und aufgewachsenen „Würzburger Raw“ Seligmann Bär Bamberger.

Den Besucher erwarten zwei Vitrinen mit archäologischen Funden seit dem Frühmittelalter. Darunter altes Kinderspielzeug wie Rasseln oder Miniaturgefäße, aber auch Töpfe, Kannen und Becher. Ausgestellt werden auch die Fundstücke aus der „Gensiah“ im Dachboden, ein Raum, in dem etwas geborgen oder verborgen wurde. Beispielsweise Gebetsliteratur, Bibeln und Bibelübersetzungen.

Man erfährt nebenbei einiges über den jüdischen Doppelkalender, was in der Vergangenheit so alles auf dem Speiseplan stand und erhält eine kurze Einführung in die auch heute noch gebräuchlichen jiddischen Wörter in der Umgangssprache, wie Schlamassel, Bammel, Ramsch oder Schachern.

Erwin Dotzel lobte bei der Vorstellung der Broschüre vor allem den Förderverein ehemalige Synagoge Wiesenbronn, dessen Mitglieder sich um die Ausstellung und deren Besucher kümmern wollen. Die Kitzinger Landrätin Tamara Bischof, gleichzeitig Mitglied des Bezirkstags, zeigte sich beeindruckt von der authentischen Umgebung, in der die Ausstellungsstücke gezeigt werden.

Doris Frank vom Förderverein ehemalige Synagoge Kitzingen hatte ein Gastgeschenk mit Geschichte dabei: den eisernen Beschlag eines Opferstocks, den Reinhard Hüßners Vater einst den Kitzingern als Souvenir aus Wiesenbronn vermacht hatte und der jetzt nach einer längeren Reise wieder in die alte Heimat kam.

Wie Hans-Christoph Haas, Gebietsreferent des Bayerischen Landesamtes fuür Denkmalpflege, in der Broschüre erläutert, ist die Wiesenbronner Synagoge bauhistorisch sehr interessant: Sie stelle einen typischen Vertreter einer fränkischen Landsynagoge dar, die mehrere Funktionen unter einem Dach vereinte und Zentrum des Gemeindelebens war. Entgegen der oftmals schmucklosen barocken Anlagen zeichne sie sich jedoch durch den offensichtlichen Gestaltungswillen des unbekannten Baumeisters aus, der in der prächtigen Suüdfassade seinen Höhepunkt finde.

Die Ausstellung wird erstmals zur Wiesenbronner Kirchweih am Sonntag, 25. September, sowie am 23. und 30. Oktober von 10 bis 12 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Eintritt ist frei. Für 2017 wird es einen Terminkalender geben. Die Broschüre ist zum Preis von 3,50 Euro bei Reinhard Hüßner persönlich oder im Wiesenbronner Krämerladen erhältlich.

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